Die Linse in der Erbsenwanne

Unser Wohnzimmer ist viel sauberer seit das Baby eine Kontaktlinse hat. Diese fällt nämlich im Schnitt ein Mal am Tag aus dem Auge und dann startet die große Suchaktion, inklusive Ausschütteln des Hochflor-Teppichs, denn der schluckt diese kleine Linse ganz gern. Wir schütteln also mehrmals die Woche unseren Teppich im Wohnzimmer aus, in der Hoffnung, dass neben Brotkrümeln, Katzenhaaren, Bügelperlen und Ohrring-Stöpsel-Dingern (wie nennt man denn diese Nüppelchen, die hinten auf die Stecker draufgesteckt werden?) auch die Linse wieder auftaucht. Niemals hätte ich vermutet, dass mit der Geburt des zweiten Kindes, die Wohnung sauberer wird. Auch haben wir gelernt, die genauen Aufenthaltsorte des Babys in der Wohnung rekonstruieren zu können. Wenn die Linse beim Spiel im Wohnzimmer noch im Auge war und nach dem Abendessen nicht mehr im Auge ist, wo kann sie sein? Solche Fragen beschäftigen uns fast täglich und daher kann ich ohne großes Nachdenken der Reihe nach aufzählen, wo das Baby unterdessen gewesen ist. Eher hätte ich vermutet unter schlimmer Stilldemenz zu leiden als Babykrabbelrouten-Denksport zu betreiben. Zwei Mal haben wir die Linse, nachdem wir die ganze Wohnung abgesucht hatten und sogar schon Finderlohn versprochen hatten, wenn der große Sohn sie finden sollte, in dem oberen Bindehautsack des Söhnchens gefunden. Sie war hochgerutscht. Bevor ich meinen kleinen Sohn mit seiner Kontaktlinse hatte, wusste ich nicht mal, dass es auch einen oberen Bindehautsack gibt. Mittlerweile weiß ich sogar, wie man aus diesem Sack eine Kontaktlinse wieder „rausmassiert“. Diese Linse hält uns auf Trab, ständig guckt einer von uns dem Kind ins Auge, ob sie noch drin ist und ob sie noch auf der richtigen Stelle sitzt, ob sie wieder zurecht geschoben werden muss oder ob wir unsere Suchaktion starten müssen.

Neulich war ich schon kurz davor, im Kontaktlinsenlabor anzurufen und eine neue zu bestellen, da kullerte dieses unscheinbare, helbblau-transparente Plastikscheibchen, kleiner als eine 1-Cent-Münze, doch tatsächlich aus dem Hosenbein des Kindes. In der Straßenbahn. Zuvor hatte ich bereits meine Kleidung und die meines Sohnes abgesucht, ich hatte bei der Physiotherapeutin angerufen mit der Vermutung, sie sei bei der Therapie in die mit Erbsen gefüllte Wanne gefallen (der moderne Suchende sucht demnach nicht mehr nach der Nadel im Heuhaufen sondern nach der Linse in der Erbsenwanne!) und ich hatte – unter den Blicken der Fahrgäste in der Straßenbahn – im oberen Bindehautsack des Babys gesucht. Leider ist es unmöglich, dort etwas zu suchen ohne dass er weint und schreit, denn das Rumgefummel am Auge ist einfach unangenehm. Unangenehm ist es auch für mich, die entsetzten Blicke der Menschen um mich herum auszuhalten. Ich kann sie verstehen, wahrscheinlich guckte ich genauso erschrocken, würde ich den Grund dafür nicht kennen. Also habe ich es mir angewöhnt, während solcher Aktionen laut und deutlich mit meinem Sohn zu sprechen, damit auch möglichst viele Leute mitbekommen, dass ich meinem Kind nicht einfach nur weh tun möchte oder spinne, sondern ein „Hilfsmittel“ suche: „Jaaaa, du aaarmer Kerl, das IST aber auch DOOF, dass deine KONTAKTLINSE schon wieder weg ist!! Ich muss jetzt mal in deinem Auge nachgucken, du BRAUCHST sie doch, sonst SIEHST DU NICHTS!!“…

Ob meine Ansprache meinem Sohn hilft, das bezweifel ich, doch immerhin beruhige ich damit mich selbst und die Menschen, die mich auf Spielplätzen, in Bussen und Bahnen angucken, wenn ich mal wieder auf Linsensuche gehe.  Fast freue ich mich, wenn ich wie gestern mit meinem großen Sohn durch die Schule streife und unter Bänken und Tischen gucke. Wir suchen nämlich grad seine Brille. Die hat er verloren. Brillesuchen ist normal und tut nicht weh, keiner guckt einen komisch an. Nur schade, dass der große Sohn seine Routen noch nicht nachkonstruieren kann, deswegen ist sie auch noch nicht wieder aufgetaucht.

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