Gesammeltes nach einer Offlinewanderung

Auf dem Weg zur Bahnhaltestelle, das ist ein neuer Weg, denn wir wohnen jetzt woanders, ungefähr 30km weiter nördlich, in einer anderen Stadt, jedenfalls auf dem Weg zur Haltestelle, den wir nun noch bis zum letzten Schultag in NRW, den 13.7., gehen müssen, wir stehen dafür um 5:20 Uhr auf und nehmen die Bahn um 6:55 Uhr, auf diesem Weg, da gehen wir an mehreren Behindertenwohngruppen vorbei. Und wenn ich dort vom Weg aus ins Fenster blicke, dann sehe ich genau das gleiche große Holzgitterkäfigbett, so eines, wie auch der kleine Herr Schnuff bei uns zuhause hat. Manchmal gehe ich extra da lang, nur um zu sehen, dass es dort wirklich noch im Zimmer in der Wohngruppe, die nach einem Vogel benannt ist, steht. Und manchmal gehe ich extra einen anderen Weg, weil ich keinesfalls ein Pflegebett sehen möchte, das mir zeigt, dass diese Verhaltensauffälligkeiten, die es überhaupt nötig machen, ein Gitterbett, das größer ist als ich es bin, in den Raum zu stellen, dass diese Verhaltensauffälligkeiten sich möglicherweise nicht rauswachsen. Dass es sowas auch für erwachsene Menschen gibt. Vielleicht auch später für den Herrn Schnuff.

103 Tage lang gab es keinen Artikel auf meinem Blog. Mehrere Menschen schrieben mir und fragten, ob es uns gut geht. Das ist sehr lieb und wenn ihr Euch trotz meines IT-Sicherheits-Ehemanns in meinen Laptop rein hacken könntet, dann würdet ihr schnell sehen, dass ich keinesfalls aufhöre zu schreiben. Denn Schreiben ist wie Atmen. Hier liegen Textdokumente und -fragmente ungeordnet auf meinem Desktop herum. Die Texte sind nur nicht veröffentlicht. Warum, das weiß ich auch nicht so genau. Vielleicht, weil es wirklich so ist (in dieser voyeuristischen Facebook-Like-Button-Instagram-guck-mich-und-mein-tolles-Leben-an-online-society), dass ich nur schreibe, um zu schreiben. L´art pour l´art. Und um zu berühren. Und das alles funktioniert auch offline und mit Pausen. Außerdem bin ich mit meinen Mails und Chatnachrichten und überhaupt mit allem im Rückstand. Sogar die Uhr an meinem Handy hinkt merkwürdigerweise in der Zeit zurück. Immerhin habe ich es geschafft, meinen alten Nokia-Knochen wieder gegen ein Smartphone einzutauschen. Ich befinde mich also nicht mehr in der digitalen Steinzeit. Ich rechne auch immer ein paar Minuten drauf, so verpasse ich trotzdem die Bahn nicht. Vielleicht steige ich in dieses verrückte Zeitmaschinenauto von „Zurück in die Zukunft“ und beantworte Mails zeitgerecht nachträglich.

Jesus wanderte ja 40 Tage lang in der Wüste und mein Blog-Ich wanderte 103 Tage offline. Zwischendurch ist natürlich einiges passiert. An dieser Stelle sei erwähnt, dass das Großkind und ich in den Osterferien Schokoküsse selber gemacht haben und diese nicht auf Waffeln, sondern auf Doppelkekse gespritzt haben. Auf besonderen Wunsch des Kindes, Fotos dieser Kunstwerke auf meinen Blog zu stellen, werde ich hiermit also für zumindest einen kurzen Moment Teil der Food-Blogger-Community und stelle mein hip abfotografiertes Essen zur Schau:

Selbstverständlich haben wir sie alle selber gegessen. Einen Tag zuvor hatte ich eine Prüfung, vorher tagelang zu wenig geschlafen. Unter solchen Voraussetzungen schmecken Schokoküsse doppelt so gut. Übrigens sagte mir mal ein blinder Bekannter, meine Hände fühlen sich viel älter an als ich es bin. Dieses Bild ist dann auch für sehende Personen der Beweis. Handmäßig bin ich 40. Das ist okay. Meine Hände haben schon mal 12 Jahre voraus gelebt.

Außerdem geht das Großkind nach den Sommerferien auf eine Schule, die etwa 30km entfernt von unserem alten Wohnort liegt, weshalb wir umgezogen sind. Unpraktischerweise muss ich nun pendeln und der kleine Herr Schnuff muss seine tolle Kita verlassen. Praktischerweise muss mein Lieblingsmensch und IT-Sicherheitsehemann nun nicht mehr pendeln und wohnt in der Stadt, in der er arbeitet. Und wir haben nun eine Fußbodenheizung und wir müssen nie nie nie nie mehr Brillen hinter Heizkörper hervor angeln.

Die Haare des Großkindes sollen ein paar Zentimeter kürzer werden. Ich schneide ihm die heraus gewachsenen Haare auf eigenen Wunsch hinten im Nacken ab. Nach 30 Minuten bewundere ich mein Werk. Er wollte keine kurzen Haare, sondern kinnlange Haare. Ich glaube, das nennt man „Bob“. Er sieht toll aus. Wenn ihr ihn sehen könntet, dieses wunderwunderwunderwunderschöne Kind!

In Genesis 1,1 ist ja die Schöpfungsgeschichte zu finden. Und dort heißt es, immer nachdem Gott etwas geschaffen hatte: „Gott sah, dass es gut war.“ Man könnte Gott ja für einen schrecklich selbstverliebten Schöpfer halten, der einfach alles, was er macht, total klasse findet. Kein bisschen Selbstkritik! Gerade kann ich das ganz gut verstehen, wenn ich meinen tollen Sohn mit dem tollen Haarschnitt, den ich ihm geschnitten habe, angucke. Ich sehe, dass es gut ist. Das besondere daran ist nur, dass es nicht ausschließlich gut ist, weil ich es gut gemacht habe, weil ich eine selbstverliebte, egoistische Frau bin, die einfach alles, was aus ihrer Hand entsteht, für wunderschön hält. Sondern dass es unmittelbar unter meiner Hand zu einem Eigenen wird. Und dass das Schöne aus sich selbst kommt. Den Anfang habe ich gemacht, doch das Outcome erwächst aus sich selbst. Eine kleine Schöpfungsgeschichte bei uns zuhause im Wohnzimmer, inmitten von kurzen, abgeschnittenen Haaren.

Gott ist also gar kein egoistischer Egozentriker, der sich selbst und alles, was er macht, für toll hält. Gott ist möglicherweise ein großer Bewunderer unserer Schönheit, die aus uns selbst kommt. Ich glaube das.

Nach kurzem Überfliegen meiner Unterlagen beschließe ich nun, dass in diesem Kuddelmuddelbeitrag ein Gedicht stehen soll, das ich irgendwann in den letzten 103 Tagen schrieb.

Wenn ich könnte, würde ich nicht

alle deine Sorgen und Tränen wegwischen.

Wenn ich könnte, würde ich

stark genug Dir zeigen, wie der Regenbogen aussieht,

wenn nach den Tränen die Sonne scheint.

Solange sitze ich hier und warte bei Dir.

Wenn ich könnte, würde er schneller kommen.

Da ich den Zeilenabstand in dem Theme meines Blogs nicht verringern kann, denkt ihr Euch bitte einen engeren Zeilenabstand dazu.

Ich bin heute früh wieder den anderen Weg zur Bahn hin gelaufen. Der Weg ohne Gitterbett hinterm Fenster. Ich weiß aber, dass es dort steht. Und eine Wiese mit Ponys gibt es dort auch. Und Menschen, die ganz freundlich „Hallo“ sagen, ob sie einen kennen oder nicht. So wie der kleine Herr Schnuff, der wirklich nicht viel sprechen kann. Aber Hallo sagt er gerne und oft und zu Jedermann und Jederfrau. Die Kapelle dort bietet auch Gottesdienste in Leichter Sprache an, das habe ich im Internet recherchiert. Ich gehe da morgen wieder lang.

5 Gedanken zu “Gesammeltes nach einer Offlinewanderung

  1. Ute 20. Juni 2018 / 12:20

    Liebe Frau Taugewas,
    ich lese immer deine Artikel und habe noch nie was dazu geschireben, weil ich immer denke, dass nicht das rüberkommt, was ich sagen will. Heute ist das einfach: Jetzt weiß ich, was mir 103 Tage lang gefehlt hat.
    Ganz, ganz lieben Dank

    Gefällt 2 Personen

  2. R. 20. Juni 2018 / 12:22

    Hallo! Wie schön, wieder von Euch zu lesen! Alles Gute fürs Einleben und Ankommen.Herzliche Grüße R.

    Gesendet von Yahoo Mail auf Android

    Gefällt 2 Personen

  3. E 23. Juni 2018 / 0:34

    Ich habe sie vermisst deine traurigen, humorvollen, müden, kraftvollen und vor allem gefühlvollen kurzen Einblicke in euren doch ach so normalen, unnormalen Alltag.
    Sei herzlichst gegrüßt
    Elke

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  4. Andrea 23. Juni 2018 / 16:49

    Wie schön, mal wieder was von Dir zu lesen! Ich wünsche euch gutes Ankommen in der neuen Wohnung! Herzliche Grüße, Andrea

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  5. fundevogelnest 25. Juni 2018 / 22:22

    Liebe Taugewas,
    Auch ich habe deine klugen, herzenswarmen Texte vermisst, aber Pausen tun fast immer gut, da hast du schon recht.
    Natalie
    PS:Ich habe mein Gedicht über die Funktion „Absatz“ und dann „vorformatiert“ gebändigt bekommen.

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