Glückliche Urlaubsfotos und die Realität

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Eines von vielen Geheimnissen des Glücks soll es sein, ein mal im Jahr an einen fremden Ort zu reisen. Tapetenwechsel und Flucht vor dem Alltag sozusagen. Etwas neues entdecken und seine Sinne wecken, die im Alltagsgrau vor lauter Routine eingeschlafen sind. In meiner Erinnerung verbinde ich Urlaub mit unendlich langen Stränden am Mittelmeer, mit weichen Aprikosen und Pfirsichen, direkt am Baum gewachsen, am Rande eines Campingplatzes. Mit salzigem Meer, Muscheln und Weinbergschnecken, zum Frühstück Kakao aus dem Bol und Croissant. Ja, früher, als Kind, da waren wir oft in Frankreich. Auf den Fotos sehen wir alle entspannt aus.

Um vor der Hitze zu fliehen, fahren wir auf eine Nordseeinsel. Familienurlaub in einer Ferienwohnung an der Nordsee. Wenn wir schon sonst keine Schablonen-Reihenhaus-Familie sind, so leben wir unser Spießertum in diesem Urlaub aus. Dort gibt es zwar keine Weinbergschnecken und Aprikosenbäume, doch das tut der Freude keinen Abbruch. Wir gehen jeden Tag an den Strand oder ins Schwimmbad oder beides, wir gehen Eisessen und schießen etwa Zehntausend Fotos von unseren Kindern. Am Strand, mit Badehose, im Meer, ein Loch buddelnd, eine Burg bauend, eine Muschel in der Hand, mit Gummistiefeln im Watt, barfuß im Watt, Sand essend, im Bollerwagen sitzend, beim Spazierengehen, beim Pommesessen, im Bett kuschelnd. Wie süß. Per SMS schreibt meine Mutter zu den Fotos, wie schön das doch sei und wie schade, dass es nur eine Woche sei, denn so ein Strand-Eis-essen-Urlaub, der könnte doch locker zwei Wochen länger sein.

Jaa….?!? Ich zögere zu antworten, betrachte die so entspannt wirkenden Strandfotos und spüre deutlich das Ziehen im Rücken, den dumpfen Kopfschmerz.. Nein, ich bin nicht entspannt und ich bin froh, dass der Urlaub nur eine Woche dauert. Ich frage mich, ob die so entspannt wirkenden Fotos aus Kindertagen nur meine schöne Kindersicht des Urlaubs widerspiegeln und der ziehenden Rücken-Kopfschmerz der Eltern einfach nie mit fotografiert wurde oder ob meine Mutter ihn nach 20 Jahren vergessen hat und deshalb auf die absurde Idee kommt, unser Urlaub könnte locker noch länger dauern oder ob sie den Rücken-Kopfschmerz einfach nie hatte und ich irgend etwas falsch mache. Die letzte Möglichkeit wäre noch, dass ich eine falsche Bilderauswahl per SMS versendet habe und eventuell mehr Fotos von der harten, aber wahren Urlaubsrealität versenden sollte. Doch solche Bilder habe ich gar nicht gemacht.

Unsere Fotos zeigen fröhliche Kinder in der Natur oder fröhliche Kinder mit ungesundem Essen vor der Nase. Das ist der schöne Teil der Urlaubsrealität. Der Teil der Urlaubsrealität, der zu meinen Rücken-Kopf-Verspannungen führt, ist auf die Aussage der Glücksforscher zurückzuführen: Ja, Urlaub ist eine Flucht aus dem Alltag. Aus meinem schönen Alltag. Hier, im Urlaub, schlage ich mich mit Dingen herum, die sich schlecht fotografieren lassen, doch trotzdem zu Verspannungen führen, die ich das letzte Mal in der Art hatte, als ich eine Woche lang auf einer dünnen Isomatte in einem Zelt im Regen in Holland schlief. Das war übrigens auch ein Familienurlaub und mich beschleicht der Verdacht, dass auch damals die Verspannungen nicht nur von der Isomatte kamen.

Unsere Fotos zeigen nicht, wie ich sieben Abende lang versuche, mit einer Handtuch-Gardinen-Rollo-Konstruktion ein Dachfenster zu verdunkeln, damit das Baby abends schlafen kann. Wie ich an sieben Abenden im einzigen fensterlosen Raum (eine Abstellkammer mit Dachschräge) das Baby in den Schlaf singe und die Fotos zeigen zum Glück auch nicht, wie ich am ersten Abend in völliger Dunkelheit und bei geschlossener Tür die Orientierung verliere, mit einer Hand die Wände abtastend nach der Türklinke suche, ziemlich bald Panik und Platzangst bekomme und dabei das Baby im anderen Arm wecke. Die Fotos zeigen nicht, wie wir Eltern am Strand ständig dem Baby Sand aus dem Mund pulen, wie wir Eltern in der Ferienwohnung ununterbrochen dem Baby hinterherlaufen, um die Bereiche, die trotz vorherigem Umräumen noch nicht babygesichert sind, zu schützen: Eine Glasvitrine, Telefonkabel, Radio und Küchenschränke samt Inhalt. Die Fotos zeigen nicht das schreiende Kind, das sich mit Sonnencreme eincremen muss, sie zeigen nicht das schreiende Baby mit Sand im Kontaktlinsen-Auge, sie zeigen nicht den Papa mit Sand im gerötetem Auge, sie zeigen nicht uns Eltern, wie wir ununterbrochen die Arme des Babys festhalten, damit es sich nicht am Strand die Augen reibt und die Kontaktlinse rausfällt. Die Fotos zeigen nicht den Trotzanfall des Großkindes, weil ich im Schwimmbad mit Baby auf dem Arm nicht mit ihm in die Wellen gehen kann. Sie zeigen nicht all die Restaurants, in denen wir essen, die einen Hochstuhl haben, in dem unser hypotones Baby wie ein nasser Sack drin hängt. Es gibt keine Fotos von einhändig essenden Eltern mit zappelndem Baby, das sich das Essen aus dem Mund pult und in den Haaren (oder auf dem Tisch oder auf dem Boden oder in den Augen) verreibt. Es gibt keine Fotos vom Sonnenbrand auf der Ohrmuschel, kein Foto vom Durchfall-Unfall am Strand (zum „Glück“ nur das Baby, das eh Windeln trägt), kein Foto von langen Supermarktschlagen, quäkenden Kindern, die beim Bäcker die Gebäck-Entscheidung bereuen (gehe niemals mit einem autistischen Menschen in einen übervollen Supermarkt oder in eine Bäckerei mit zu viel Auswahl und nur wenig Zeit zum Entscheiden!), kein Foto von Seesternen, die im Glas auf der Fensterbank langsam vor sich hinschimmeln und stinken, kein Foto von Eltern, die jeden Abend mit Putzlappen unter dem Esstisch kriechen, mit Staubsauger Berge von Sand wegsaugen und Kleidung auswaschen (denn acht Unterhosen reichen nicht für sieben Nächte, das habe ich nun von meinem Sohn gelernt ! ), es gibt kein Foto von dem Papa, der völlig erschöpft abends um 20 Uhr im Kinderbett einschläft, kein Foto von mir, wie ich auf der Rückfahrt im vollen Zug versuche zu schlafen und dabei meinen ominösen Rücken-Kopf-Schmerz nur noch mehr ausweite.

Wenn es ein Foto gäbe, wie wir Eltern parallel im Zug den Kindern vorlesen, der Papa mit dem Großen ein Buch übers Meer, ich mit dem Baby ein Bilderbuch mit Autos, dann sähe dieses Foto nach spießigem Familienglück aus. Mutter, Vater, zwei Kinder. Alle lesen, traute Viersamkeit. Keiner würde wissen, dass hinter der Kamera noch der alte Mann sitzt, der trotz relativ leerem Großraumabteil in unserem vollbepackten Kleinkindabteil sitzen möchte. Keiner würde wissen, dass mein Kopf fast vor Migräne platzt, das große Kind alles kommentieren muss, was ich dem Kleinkind vorlese und erzähle. Keiner weiß, dass das Vorlesen nur ein Versuch ist, das Kleinkind davon abzuhalten, die Zeitung des alten Herren zu essen und den ekligen Fußboden abzulecken, ein Versuch ist, das Großkind bei Laune zu halten, damit es nicht im 5-Minuten-Takt nach Keksen frag.

Es gibt nur nette Strandfotos und das ist auch gut so. Zuhause lege ich mich nach acht Stunde Rückreise mit zwei Kopfschmerztabletten für mehr als eine Stunde aufs Bett und schlafe. Flucht vor dem Alltag. Das Bett ist weich, nirgendwo Sand. Wahres Glück.

Jetzt darf man nicht denken, ich hätte im Urlaub keine Freude gehabt. Ich hatte eine schöne Zeit. Das Wetter war herrlich, die Kinder teilweise zuckersüß.  Doch entspannt bin ich nicht. Ich bin für eine Woche geflohen. Vor dem Alltag mit Spülmaschine und babysicherer Wohnung. Vor dem Alltag mit Kinderbetreuung und gut abdunkelndem Rollo. Jetzt weiß ich noch besser, wie sehr ich das mag. Und wie schwer verblendet Urlaubsfotos sind. Und dass man im Alter wohl den fiesen Rücken-Kopfschmerz verdrängt. Und dass die Glücksforscher am Ende doch Recht haben: Reise ein mal im Jahr an einen fremden Ort und Du wirst dein Zuhause, deinen Alltag noch mehr zu schätzen wissen.

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