Avocadokuchen und was ich wirklich backen will

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In dem Eisfach unseres Kühlschrankes liegt, in Folie gewickelt, ein Schokokuchen. Mit schwarzen Bohnen und Avocado. Dem Rezept nach soll er total gesund und super lecker sein. Mein Kuchen schmeckt wirklich einfach nur widerlich. Ich hatte ihn in einem Anflug von Jetzt-backe-ich-mal-was-wirklich-leckeres-und-keiner-schmeckt-die-gesunden-Zutaten-raus gebacken und außer mir wollte den Klotz keiner probieren. Das ist nun schon drei Monate her. Der Kuchen liegt eingefroren im Eisfach und jedes Mal, wenn ich ihn sehe, überkommt mich das schlechte Gewissen. Ich will ihn nicht essen. Ich kann ihn auch gar nicht essen, denn ich vertrage keine Avocado (trotzdem musste ich unbedingt diesen Kuchen ausprobieren, vielleicht vertrage ich Avocado ja im gekochten Zustand, hoffte ich beim Backen… leider war das ein Irrtum!). Soll ich ihn denn einfach wegwerfen?  Mein Sohn und ich haben schon mal Kuchen an Obdachlose verschenkt, weil wir zu viel über hatten. Doch diesen Kuchen möchte ich Niemandem schenken, denn er schmeckt einfach nicht gut. Und nun? Er ist ein Mahnmal meiner schlechten Backkünste und ihn zu sehen macht mir gleich doppelt ein schlechtes Gewissen: Nicht nur das Geld, das ich für die Zutaten ausgegeben habe, die Zeit, die ich in der Küche gestanden habe, nein, auch die zermürbende Erkenntnis, dass das, was ich bekommen wollte, was ich gut finden wollte, von dem ich dachte, es sei das, was es wert sei, sich Mühe zu geben, dass jenes etwas der Mühe nicht wert war. Es hat sich nicht gelohnt. Ich habe nicht bekommen, was ich wollte. Finde nicht gut, was ich gut finden wollte. Meine Erwartung wurde nicht erfüllt. Ein Gefühl des Betrogenwerdens.

Dieser Kuchen ist sozusagen das Sinnbild für falsche Erwartungen. Der Schmerz, der Enttäuschung liegt im wahrsten Sinne des Wortes auf Eis und wartet, aufgetaut zu werden. Und jedes Mal, wenn ich diesen blöden Kuchen sehe, dann erinnere ich mich an diese Enttäuschung und ich weiß, dass die Tatsache, dass dieser Kuchen dort liegt, eigentlich nur bedeutet, dass irgendetwas in mir noch nicht aufgeben will. Vielleicht klappt es ja doch noch. Vielleicht schmeckt er ja irgendwann. Wegschmeißen wäre doch aufgeben, oder? Nein. Ich werde auch in Zukunft eine Avocado-Unverträglichkeit haben, die schwarzen Bohnen im Kuchen werden nicht plötzlich besser schmecken und dadurch, dass der Kuchen dort wertvollen Platz im Eisfach belegt, wird er selber nicht besser und schmackhafter. Der Kuchen muss weg. Er muss Platz machen. Platz für neues. Neue Versuche. Kuchen, die vielleicht so gut werden, dass sie so schnell aufgegessen werden und es nie ins Eisfach schaffen.

Wir haben Erwartungen, wie Dinge zu sein haben. Wir geben uns Mühe, investieren Zeit und Kraft. Weil wir am Ende etwas haben wollen, von dem wir denken, dass wir es genauso wollen und dass es uns zufrieden macht. Am Ende dann jedoch festzustellen, dass die Dinge sich anders entwickeln, sich einzugestehen, dass wir nicht nur die Spur in der Realität wechseln müssen, sondern auch das Denken im Kopf sich ändern muss, das ist oft nicht leicht. In Kuchensprache: Ich muss nicht nur einen anderen Kuchen backen. Ich muss auch den alten wegwerfen. Ein Ende machen mit alten Vorstellungen. Einen neuen Kuchen backen nach dem Geschmack, wie ich ihn wirklich mag.

Ein Vergleich: Wir bekommen ein Kind. Dieses Kind soll fröhlich und glücklich sein. Es soll Freude am Leben und den Menschen haben, Freunde finden und hilfsbereit sein. Ich möchte ihm Offenheit und Spaß an Musik, an Kunst und Sprache beibringen. Wir bekommen noch ein Kind. Es soll wie der Bruder auf dem Rutscheauto und Hüpftier seine Freude haben, soll die selben Wimmelbücher angucken. Diese Kinder sollen selbstständig sein und alle Möglichkeiten, ihren Interessen und Begabungen nachzugehen. Sie sollen frei sein und unbeschwert.

Und plötzlich ist das nicht so. Dieses Kind ist oft traurig und überlastet. Das Leben und andere Menschen machen diesem Kind oft Angst. Er hat nur einen Freund und den trifft er nicht oft, weil er selber nicht die Notwendigkeit sieht. Dieses Kind weiß oft nicht, wie es sich verhalten soll. Er sagt, ich soll aufhören, wenn ich singe. Malen möchte er nicht.  Und das andere Kind?  Es ist zu schlapp, zu wackelig, um Rutscheauto zu fahren. Als ich ihn auf das Hüpftier setzte, verlor er das Gleichgewicht und stoß sich den Kopf auf dem Boden. Bilderücher müssen große Motive haben, damit er sie erkennt. Diese Kinder brauchen in vielen Momenten Hilfestellungen, die andere Kinder im gleichen Alter nicht benötigen. Ihre Handicaps hindern sie manchmal, sich frei zu entfalten. Der eine möchte die Welt auf naturwissenschaftliche Weise erfahren und findet oft nicht die Antworten, die er sucht. Der andere möchte die Welt lieber oral erfahren und soll lieber alles schnell ausspucken.  Diese Kinder sind trotzdem toll. Doch damit ich mich darauf einlassen kann, muss ich mir eingestehen, dass es keine Avocado-Bohnen-Kuchen-Kinder sind.

Solange ich den alten Kuchen noch im Eisfach habe, kann ich mich nicht einlassen auf einen neuen. Entweder ich würge meine alten Vorstellungen und Erwartungen mit Bohnengeschmack runter und bekomme Bauchweh davon oder ich schmeiße ihn weg. Und dann backe ich einen neuen. Einen, der warm und frisch gegessen wird. Keinen gesunden-alternativen-ich-bin-etwas-besonderes-Kuchen. Sondern einen, der schmeckt. Mit schnödem Mehl und Zucker und viel Schokolade.

Und falls ich nach sieben Jahren irgendwo noch eingefrorene Erwartungen habe, dann ist es Zeit, diese mit dem Kuchen in den Müll zu werfen.  Das bedeutet nicht, gar keine Erwartungen zu haben oder aufzugeben. Das bedeutet, die Realität, die so ganz anders ist als das, was ich erwartet hatte, anzuerkennen und nach meinem eigenen Geschmack ein neues Rezept zu kreieren. Denn nur, weil ich nicht das bekommen habe, von dem ich dachte, das ich es mag, heißt es nicht, dass ich unzufrieden bin. Ich habe bloß gemerkt, dass selbst wenn alle sagen, der letzte Schrei in der gesund-und-fit-Szene ist Bohnenkuchen, dass ich doch lieber Sandkuchen mit Schokoglasur esse. Dass mich das gar nicht zufrieden macht, von dem ich dachte, was ich wollte.  Wenn ich ehrlich bin, dann gelingt mir der Sandkuchen auch viel besser, weil er mir besser schmeckt.

Und die nie in Erfüllung gegangenen Erwartungen an mein Leben mit Kindern? Die sind zum Glück wie Bohnen-Avocadokuchen. Ich kann sie und auch den leisen Schmerz, etwas nie bekommen zu haben, was ich doch dachte, so dringend zu wollen, mit dem Kuchen zusammen wegschmeißen. Ich kann Platz machen für Kuchen, der auch tatsächlich schmeckt. Für Kinder und Momente mit ihnen, die auch tatsächlich erfüllend und wunderbar sind. Mit Zucker und Mehl. Mit Hilfestellung, mit Beule am Kopf, mit Rechenkünsten, mit pfirsichverschmiertem Gesicht.

Ich dachte, ich möchte wie viele andere auch, exquisite Rezepte ausprobieren und dass diese mir schmecken und mich erfüllen. Doch eigentlich möchte ich gucken, was mir selber schmeckt, gucken, was mir der Vorratsschrank anbietet (und der bietet mir viel an! Dinkelmehl, Mandeln, wirklich gute Dinge, aus denen gutes werden kann) und mit Freude das genießen, was ich daraus backe. Doch, eigentlich möchte ich die wirklich klasse Kinder mit Freude genießen, weil aus denen auch gutes werden kann. Ganz ohne Avocado und Kunst und Wimmelbuch. Aber mit Liebe gebacken.

 

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