Ordnung erklären

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Morgens erklärt mir mein Sohn:

Mama, ich kann mich jetzt kürzer freuen. Denn in ein paar Tagen ist schon Weltspartag, dann kann ich vom Geld eine Drohne kaufen.

Alles klar. Es dauert nicht mehr lang. Er kann sich jetzt kürzer freuen. Klingt komisch, ist aber logisch. Wäre der Weltspartag erst in ein paar Wochen, könnte er sich länger auf ihn freuen.

Ich will verstehen, wie er denkt. Ich denke anders.

Ich bitte ihn: „Kannst Du mir die Flasche dort mit Wasser aus der Küche füllen?“

Er nickt.

Dann sehe ich die Gipskatze auf der Fensterbank. Den Blick aus dem Fenster gewandt. Bisher guckte sie immer ins Wohnzimmer.

Ich sage: „Huch! Warum guckt die nun aus dem Fenster?“

Mein Sohn: „Die sucht nach Mäusen.“

Pause.

Dann: Wut. Gejammer. Er dreht sich vor Verzweiflung im Kreis. Die Füße trippeln kurze Schritte. Der Körper in der Hocke. Die Arme stützend daneben. Eine Runde nach der anderen.

Ich verstehe es nicht. Oder doch. Ein bisschen. Im Kreis zu trippeln ist Selbstberuhigung.

In einer Welt, wo vieles durcheinander ist, da hilft ein Kreis. Der ist rund und fängt da wieder an, wo er aufhört. Ein Schritt nach dem nächsten getrippelt.

Er sieht niedlich aus.

Ich frage: „Ich weiß nicht, was los ist! Erkläre es mir! Was ist denn nun los?“

Er trippelt. Und trippelt. Dann erklärt er mir, was ihn stört.

Ein wirres Durcheinander. Aus seiner Stimme höre ich die Verwirrung heraus.

Ich filtere die Informationen.

Die Katzenfrage lenkt ihn ab. Meine Bitte, das Wasser aufzufüllen, war genug an Information.

Dass er auf die Katzenfrage antworten musste, lenkte ihn von seinem Wasserplan ab.

Alles nach der Reihe. Erst das eine, dann das andere.

Das ist mein Plan, Mama!“ beendet er seine Erklärung. Er hat schon längst zu trippeln aufgehört.

Ich sage: „Achso. Also ich hab da einen anderen Plan, das wusste ich nicht.“

Pause.

Dann fügt er hinzu: „So mach ich das, alles hintereinander, wie der Papa. Das ist der Grund, weshalb Papa auch ständig Einsen hat und Du nur manchmal. Weil wir einen Plan haben“

Ich muss lachen. Er hat so Recht. Ich bin chaotisch. Das ist okay.

Er ist geradeaus. Auch okay. Für andere manchmal nicht merkbar.

Für andere ist er ein kreiselnder, trippelnder und überforderter Verwirrter.

Am Tag darauf sehe ich in den Schaufenstern Dekoration. Mit bunten Steinen gefüllte Vasen.

Ein wildes, schönes Durcheinander.

Mein Sohn sammelt kleine Steine. Auf der Fensterbank. Alle in eine Richtung. Nach einem eigenen Plan. Einer nach dem anderen. Ordnung.

Ein Gedanke zu “Ordnung erklären

  1. Friederike 30. Oktober 2015 / 21:42

    Ich bin hier zufällig gelandet und habe mich in kurzer Zeit durch ganz viele Beiträge gelesen. Danke für das Teilen und das schöne Beschreiben eures Alltags. Ich habe es sehr gerne gelesen und werde wieder vorbeischauen.

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