Kontaktlinsengedanken

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Früher dachte ich, Kontaktlinsen sind für Menschen, die zu eitel sind, eine Brille zu tragen. Die Vorstellung, sich ein Plastikteil ins Auge zu schieben, fand ich ekelig. Ich hatte ziemliche Vorurteile gegenüber das Tragen von Kontaktlinsen. Was für eine Umweltverschmutzung, all die Palstikbehälter, Reinigungsfläschchen mit Wasserstoffperoxydlösung, Salzlösung, Desinfektionslösung. Und der Aufwand, der mit dem Tragen von Kontaktlinsen verbunden ist! Man darf die Linsen nicht mit Leitungswasser waschen, sie sind furchtbar klein und gehen schnell verloren. Wirklich eine Ahnung hatte ich nicht. Mein Bruder trägt ab und an weiche Kontaktlinsen und mein gesamtes Wissen belief sich auf eben genannte Vorurteile. Wobei, da fällt mir noch ein: ständige Augenentzündungen, die bekommt man von den Dingern ja auch! Und teuer sind sie! Und eigentlich eine wirklich unnötige Erfindung. Also welche Gründe gibt es denn überhaupt, Kontaktlinsen zu tragen? Das fragte ich mich, wenn ich all die Utensilien im Bad meines Bruders sah und ihn selber sah, der mit Brille viel wacher, markanter und schöner aussieht.

Ach, wie könnte ich lachen über das, was ich früher dachte! Vorurteile können wirklich praktisch sein, sie gaukeln einem vor, man hätte sich eine Meinung gebildet und wüsste es besser.

In den letzten acht Monaten musste ich feststellen, dass vieles, was ich früher über Kontaktlinsen und Kontaktlinsenträger dachte (und so viel Zeit verschwendete ich damit nun auch nicht, denn es gibt interessantere Tätigkeiten als über kleine Plastiklinsen nachzudenken) ziemlicher Unsinn ist. Eventuell gibt es unter den Trägern von Kontaktlinsen auch eitle Menschen (Bruderherz, bist Du so einer?) und ja, die Dinger gehen schnell verloren und sind aufwändig zu reinigen. Und beim Anblick der vielen Plastikfläschchen weint mir mein Öko-Herz und beim Blick auf den Preis der Reinigungsmittel weint das Studentenkonto gleich mit. Doch haben die Kontaktlinsen einen Vorteil für uns, der all die Umstände und den Aufwand ziemlich klein aussehen lässt: Nur mit Kontaktlinse kann unser Kind sehen. Etwa 30 Dioptrie haben die Linsen. Unser Kind hat keine natürlichen Linsen mehr im Auge.

So egal wie mir früher dieses Thema vorkam, so unsinnig die Erfindung dieser kleinen Plastikteile, so sinnlos und nur auf die Ästhetik bedacht… so unwissend war ich doch! So wichtig sind sie mir nun.

Sie fallen ständig raus. Sie verrutschen. Sie stören, er reibt sich die Augen. Sie sind unter Schränken, ins T-Shirt gerutscht, sie verstecken sich im Bindehautsack. Dort wandern sie so tief, dass nur der Oberarzt der Uniklinik sie mit einer Pinzette rausfischen kann. Sie liegen zerbrochen auf dem Küchenboden. Mit ihnen ist alles umständlich. Er kann nicht auf dem Rad im Kindersitz sitzen (okay, das könnte er auch ohne Kontaktlinsen-Problematik nicht lange, denn im Rumpf ist er zu hypoton, um sich sitzend längere zeit stabil zu halten), nicht im Kinderwagen sitzen und ich lasse ihn auch nicht allein auf dem Teppich spielen. Wir haben ihn immer im Blick. Seine Augen im Blick. Denn wenn er sie sich reibt, dann ist die Linse weg. Wenn die Linsen da sind, sind wir ständig angespannt, denn einmal nicht hingesehen und sie sind aus dem Auge gefallen. Wenn die Linsen weg sind, sieht unser Kind schlecht und haut, beißt und reißt an allem, um die Welt taktil zu erfahren.

Alle vier Wochen sind wir zur Anpassung im Kontaktlinsenlabor eine Stadt weiter. Jede Woche rufe ich dort an, um Ersatz zu bestellen. Man schlug mir lachend vor, doch ein Fließband zwischen uns zu bauen, bei unserem Verbrauch. Und dass man das der Krankenkasse erklären sollte. Er ist ja noch klein, da hätten die auch Verständnis.

Das Lachen blieb mir nicht im Halse stecken, denn so weit, dass ich lachen kann, bin ich nicht.

Ich spreche mit einer Mutter aus der Sehbehindetenspielgruppe, deren Kind auch Kontaktlinsen trägt. Sie haben das Glück, in all den Monaten erst ein mal eine Linse verloren zu haben. Die bleiben einfach drin in den Augen. Ich bin sprachlos. Und neidisch. Total doof. Ich gönne es ihr. Aber mir gönne ich es auch. Und krieche wieder auf dem Teppich und suche.

Ich kann es mir nicht erklären. Der Arzt auch nicht und schlägt eine OP vor fürs linke Auge, in dem weder harte noch weiche Linsen halten. Das schlechte Auge. Das Schiel-Auge.

Nun wird er links operiert, eine Kunstlinse wird implantiert.

Erst fühlte es sich wie Versagen an, denn Kontaktlinsen führen zu einem besseren Ergebnis in der Entwicklung des Sehens.

Weniger Helikoptermutter und Überwachung führt aber eindeutig zu einer psychischen Stabilität aller Familienmitglieder.

Kontaktlinsen sind keine sinnlose Erfindung. Das weiß ich jetzt.

5 Gedanken zu “Kontaktlinsengedanken

  1. Kerstin 9. November 2015 / 11:55

    Liebe Frau Taugewas!
    Ich wünsche deinem Kleinen alles, alles Gute zur OP. Die arme Maus…aber Kinder verkraften soviel mehr wie wir denken. Und wir Eltern sitzen zitternd davor..
    Der Gewinn für euch als Familie und ihn in seiner Möglichkeit sich frei(er) bewegen zu können, wird bestimmt enorm sein. Man zahlt leider immer einen Preis. Aber das Gute ist: das seine Entwicklung im Sehvermögen mit Kontaktlinse besser wäre, dass weißt du…er aber nicht. Er merkt nur, dass nicht mehr ständig nach Linsen gesucht wird, Mama weniger nervös ist und er dauerhaft das Selbe sieht. Kinder trauern nicht dem hinterher, was hätte sein können…das ist das Gute.
    Kontaktlinsen selber haben gerade als Mutter von recht kleinen Kindern auch ihre Vorteile, auch wenn sie oft tatsächlich aus ( falscher) Eitelkeit getragen werden: mein Grosser hat es geschafft mir 2 Brillen zu schrotten: einmal drauf getreten ( hatte sie beim Toben zur Seite gelegt) und einmal – als er noch klein war, vom Kopf gerissen, nicht wieder hergegeben bis der Bügel abgerissen war. Der Hund hat als Welpe dann noch einmal nachts einen Bügel abgekaut….damit steh ich also quasi eher mit der Brille auf Kriegsfuss. Generell reißen kleine Kinder einem gerne beim Tragen dieselbe vom Kopf und beim Draussensein im Regen mit zwei Kindern an der Hand oder im Arm ging mir mit Brille auch schon öfter die Sicht flöten. Du siehst also: es gibt auch tatsächlich Vorteile:-).
    LG und ich drück die Daumen, Kerstin

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    • Taugewas 11. November 2015 / 16:20

      Liebe Kerstin,

      grad komme ich mit dem Kindchen aus der Klinik, zwar fiebernd, aber immerhin gehts dem Auge gut. Das Daumendrücken hat geholfen!
      Du hast so Recht, er als Kind trauert nicht dem nach, dessen er sich eh nicht bewusst ist. Zum Glück!
      Ja, Brillen sind manchmal sehr anstrengend. Meine haben die Kinder mir auch im Spiel demoliert. Und binnen eines Monates hat der Große seine in der Schule verloren und der Kleine in der Innenstadt. Im Fundbüro und Fundkiste waren sie auch nicht. Ich bin ein Dauergast bei Optiker. Und im Kontaktlinsenlabor. Denn rechts hat er ja noch eine (die just vor der OP verloren ging.. )
      Der Vorteil der Kontaktlinse ist auch, dass die Kosten von der Versicherung getragen werden, die Brillen müssen wir neu kaufen bei Verlust..

      Liebe Grüße :)

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      • Kerstin 12. November 2015 / 1:38

        Was freue ich mich, dass der Kleine Zuhause ist. ..wohlauf bis auf das Fieber. Jetzt musst du ihm noch beibringen nur das linke Auge zu reiben ;-). Ein Klacks, wo Kinder doch immer so gern genau das tun, was Eltern von ihnen wollen…
        Weiterhin gute Besserung, und ich finde den jungen Mann ganz schön heldenhaft, dass er das so toll gemeistert hat. LG und gute Nacht

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  2. Bruder 12. November 2015 / 13:01

    Ich glaube, man muss tatsächlich unterscheiden ob die Kontaktlinsen rein optisch genutzt werden oder ob sie wie bei F. medizinisch notwendig sind und es keine Alternative gibt. Und dieses medizinisch notwendige bedeutet dann auch irgendwie einen Zwang. Er muss sie anziehen, auch wenn sie verrutschen, rausfallen, Ihn nerven. Sie müssen immer wieder rein damit er sehen kann. Jemand der die Linsen aus optischen Gründen tragen würde und solche Nutzungschwierigkeiten hätte, würde die Dinger doch sofort in die Tonne kloppen und zur Brille greifen.

    Wegen der Umweltbelastung bin ich der Meinung, dass es nicht schlimm ist, weil bei einem Erwachsenen mit 24 Linsen Pro Jahr und 2 Flaschen Flüssigkeit, ist das im Verlgeich zu dem Müll den man produziert wenn mal einmal einkaufen geht wenig. Aber ich weiß nicht wie das bei der Herstellung aussieht.

    Und ich bin natürlich nich eitel :P

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