Was ich noch zu sagen hätte (etwas über Depression)

blog32

Manchmal fehlen mir Schlagfertigkeit und die passenden Worte. Dann lächel ich nur. Meistens ist das egal. Manchmal fällt mir einen Tag später dann doch noch ein, was ich hätte sagen können. Hätte hätte, Fahrradkette. Und dann ist es mir spätestens nach zwei Tagen egal. Ganz selten ist es ganz und gar nicht egal. Zwar hab ich mittlerweile immer noch keinen Schlag und auch keine Fertigkeit, aber vielleicht passende Worte. Nach über zwei Monaten.

Es ging eigentlich um mentale Retardierung und dass der Kleine wohl mental retardiert sei, jedenfalls kognitiv nicht regelgerecht entwickelt. Sagte der Uniklinikarzt. Sagte ich, dass das ja schade sei, wo ich einen kleinen Einstein erwartet hab, und grinste schief. Diese Ironie fand er nicht angebracht.

Da antwortete ich ohne Ironie und mit Ernst: Besser dumm und glücklich als ein akademischer Abschluss und unglücklich. Und nannte im selben Satz meinen Partner, den der Arzt kennt, weil er bereits die ganze Familie untersucht hat auf der Suche nach der Ursache für die Mondlingartigkeit des Kleinen.

Dass ich dadurch wisse, was es bedeutet, Depressionen zu haben. Dass das nicht schön ist. Und da ist mir ein niedriger Intellekt keine Sorge wert, solang die Psyche gesund ist. Dann war es kurz still und ich fühlte mich missverstanden und wusste, ich hatte mich missverständlich ausgedrückt. Und erst ironisch und dann überzogen und die Grenze war nicht klar für mein Gegenüber. Also sagte ich schnell, dass das bestimmt nicht seine Meinung sei, wo er ja Akademiker ist, und dass ich ja auch studiere und es nun keine Abwertung war. Mir ist der IQ nur egal. Hoch oder niedrig, einfach egal. Nicht egal ist mir die seelische Gesundheit. Dort bitte hoch. Das dachte ich und sagte es nicht. Weil ich irgendwie mich eh schon selbst in die Ecke geredet hatte.

Doch er sagte dann, dass mein Mann doch keinen Grund hätte für Depression, dass er das nicht verstünde. Mein Mann habe doch eine nette Frau und zwei nette Kinder und ein gutes Studium. Bevor ich gute Worte und Schlagfertigkeit und Luft holen konnte, stellte er noch fest, dass ich ja ein Familienmensch sei, also dass mir Familie ja wichtig sei.  Kurze Pause. Ich nickte, weil das stimmt. Und dass ich ja keine Feministin oder sowas sei, der ihr eigenes Ding wichtiger sei als die Familie, denn dann könnte er das mit der Depression ja verstehen, aber so..

Und dann fehlten mir leider Worte und Schlagfertigkeit, aber glücklicherweise keine Luft. Es ging ja eigentlich auch um den Kleinen und dann besprachen wir wieder das weitere Vorgehen, Biopsie mit stationärem Aufenthalt und was es da sonst noch gibt.

Danach ging ich nach Hause und dachte über die Worte des Arztes nach und ärgerte mich, dass ich nicht schlagfertig war. Dieser Arzt ist wirklich nett und lustig und auch sehr gut in seinem Fach, aber das, was er über Depressionen und Feminismus denkt, da hätte ich gerne noch länger mit ihm drüber gesprochen, aber dazu blieb keine Zeit, denn es ging ja ums Kind.

Hier also etwas über Depressionen.

Es braucht keinen Grund, um Depressionen zu haben. Man kann eine nette Frau haben und Depressionen haben. Man kann zwei liebe Kinder haben und Depressionen haben. Man kann auch eine blöde Frau und zwei freche Kinder haben und trotzdem keine Depressionen haben. Depressionen sind viel komplexer. Ich schaue kaum dahinter. Ich weiß nur, was es nicht ist, aber nicht, was es ist. Depressionen sind nicht da, weil die Ehefrau keine gute Ehefrau ist. Depressionen sind nicht weg, wenn sie eine gute Ehefrau ist. Depressionen sind nicht abhängig von einer Ehefrau. Lange habe ich das selber geglaubt. Lange habe ich geglaubt, dass ich meinen Partner „retten“ kann, ihn „heilen“ kann. Dass ich stark sein muss und positiv. Dass ich stärker als die Depression sein muss und dass sie dann weg geht. Ich habe jahrelang daran geglaubt. Ich habe mich in der Macht gesehen, die Depression „wegmachen“ zu können. Wenn sie doch da war, dann wusste ich, dass es meine Schuld war und ich bloß nicht gut genug bin in dem was ich sein muss.

Ich muss nur stark genug sein und positiv. Ich wusste nicht, wie ich mit der Depression meines Partners umgehen soll und war durch und durch hilflos und ratlos. Sie war größer als ich und undurchschaubar. Sie stand zwischen mir und meinem Partner. Ich wollte sie nicht hassen, ich wollte sie nicht versuchen anzunehmen, ich wollte sie eigentlich einfach nicht wahr haben: Nein, nein, nein, denn so ist das gar nicht. Und dabei nahm ich zugleich auch meinen Partner und seine Gefühle nicht wahr und nicht ernst. Ich sah ihn und seine Depression und meine Unfähigkeit dagegen. Diese Unfähigkeit lähmte mich und ich hasste es, gelähmt zu sein. Also beschloss ich, stärker zu ein und wie eine Welle. Durch meine Ich sehe alles positiv und sehe das Problem nicht-Haltung überrollte ich die Depression, wollte sie darin ertränken und ertrank uns selber mit, meinen Partner, unsere Beziehung und die Nähe, die zwischen uns sein sollte. Ich überschwemmte alles mit meinem rosa Brillenwasser und wollte, dass die Depression stirbt. Doch sie gehörte irgendwie zu meinem Partner. Ihn überschwemmte ich mit. Er schwamm, suchte Hilfe bei mir, dass ich den Hahn zudrehen soll, doch ich in meiner Ohnmacht, so hilflos zu sein, in meinem Wahn, ihn heilen zu müssen, in meiner Angst, selber verletzlich zu sein, ich drehte den Hahn nicht zu. Überall das Rosabrillenwasser. Alles ersoff. Die Depression blieb.

Bei dem Versuch, die Depression zu besiegen habe ich eines aus dem Auge verloren. Das wichtigste. Die Realität. Meinen wunderbareren Lieblingsmenschen.

Nein, Depressionen sind viel vielschichtiger als „aber der hat doch eine nette Frau und zwei liebe Kinder!“. Wer so denkt, der spricht demjenigen die Wichtigkeit und Ernsthaftigkeit seiner Erkrankung ab. Der sagt indirekt: Du hast keinen Grund dafür. Du tust deiner Familie weh damit. Derjenige, der so denkt, stellt die Frau, die Partnerin, in die Macht, durch ihr Sein und Nichtsein einen Einfluss auf die Erkrankung zu haben. Einen Einfluss in einer Größe, den keiner außer der Erkrankte je haben wird. Und das ist gut, denn es liegt für jeden in der eigenen Hand, eine Welle zu machen und zu ertränken, was ertränkt werden soll. Und nicht in der Hand der Partnerin.

Diese sollte aber annehmen, was anzunehmen ist. Zu sagen: Ja, so ist es. Es ist so. So und nicht rosa. Und ich stehe trotzdem hier. Wie das klappt, das weiß ich selber nicht, aber ich habe Füße, deshalb bleibe ich stehen. Und renne nicht, denn meine Ohnmacht wäre doch eh schneller. Und schwimme nicht, denn diesen Hahn drehe ich nicht noch mal auf. Eine Partnerin zu sein, die nicht wegläuft vor Problemen, sich nicht erhöhen will in eine Position, die nicht zu erreichen ist und von ihr nicht zu erreichen sein darf, sondern die den nötigen Blick für die Realität hat und zulässt, ohnmächtig und ohne Lösung-für-jedes-Problem zu sein, die partnerschaftlich und selbstbewusst agiert und nicht angstgetrieben und verblendet re-agiert, das ist es, was ich gelernt habe. Und das ist wahrscheinlich viel feministischer als „sein Ding zu machen“, nämlich wirklich frei zu sein in meiner Rolle als Frau und Partnerin, frei zu sein, diese Rolle nach meinen Vorstellungen zu gestalten und nicht die Ohnmacht und Wunschvorstellung mitgestalten lassen.

(Anmerkungen: Depressionen sind nicht nur eine der häufigsten psychischen Erkrankungen weltweit, sondern auch eine der häufigsten Begleiterscheinungen bei Autismus . Für mehr Akzeptanz, nicht nur gegenüber körperlichen und geistigen Behinderungen, sondern auch psychischen Behinderungen kann ich dieses Video empfehlen.)

Ein Gedanke zu “Was ich noch zu sagen hätte (etwas über Depression)

  1. Kerstin 4. Januar 2016 / 14:33

    Liebe Taugewas!
    Ich muss ehrlich sagen, dass ich es auch immer schwierig fand mit Depressionen umzugehen oder sie als solche zu akzeptieren. Es ist leider so, dass es ja ein Stückweit Mode ist sich zwischendurch mal Depressionen zu „nehmen“ und da ist es ; vielleicht auch für deinen Arzt schwer, das zu unterscheiden. So ist es in unserer Welt, sie sich soviel auf ihre verbale Kommunikation einbildet: behindert ist ein Schimpfwort und Depressionen hat halt jeder mal. So ist es aber eben nicht.
    Ich hatte mal zeitgleich eine Kollegin mit Depressionen und eine, die gerade ihr Kind verloren hatte und da, dass muss ich gestehen, habe ich mich schon dabei erwischt zu denken:“ jetzt reiss dich doch mal zusammen!“ Quatsch ist es und unfair. Aber es ist eben so, dass Depressionen ansich nicht körperlich sichtbar sind und da ist es oft schwer, sie einfach als ernstzunehmende Krankheit, die sich keiner wünscht und der man genauso ausgeliefert ist wie einer Grippe , zu akzeptieren. Ich hoffe, dass ich das mittlerweile gelernt habe und ich hoffe, dass es deinem Mann momentan gut geht.
    LG Kerstin

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