Unsichtbar. Eine Weihnachtsgeschichte.

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Es war heilig Abend vor vier Jahren. Oben auf der Empore in der Kirche traf ich eine Mutter, die ich noch von der Spielgruppe kannte. Ein Jahr lang bin ich mit meinem Sohn zu der Spielgruppe gegangen. Während die anderen Mütter Kaffee tranken und mit den Kindern Lieder sangen, versuchte ich irgendwie dazuzugehören, doch eigentlich sah ich meinem Kind zu, wie es im Bällebad sitzend mit Bällen warf. Wie es anfing zu weinen, wenn wir Mütter ein Lied anstimmten. Hohe Frauenstimmen und Musik mag er immer noch nicht. Zugegeben, zu der Spielgruppe hatte ich mich nur angemeldet, um Interesse zu zeigen, um mich einzuschleimen, da ich den integrativen Kindergartenplatz haben wollte für das darauffolgende Jahr. Es hat geklappt mit dem Kindergartenplatz. In der Spielgruppe habe ich zudem eine nette Mutter kennen gelernt, die ich immer noch treffe. Mittlerweile aber in der Uni. Mit Kaffee, aber ohne Lieder.

Jedenfalls war es heilig Abend und auf der Empore der Kirche. Die Kinder und Eltern und Omas und Opas drängelten sich auf Bänken und Teppichen sitzend, um einen guten Blick auf den Altar zu haben. Nur noch wenige Minuten, dann sollte der Gottesdienst beginnen. Ich traf dort eine Mutter. Nicht die zukünftige Unimutter, sondern eine andere. Ihre Tochter war ungeheuer aktiv, blond gelockt, zuckersüß. Die Mutter war alt, viel älter als ich, grau gelockt und beneidenswert dünn. Mein Sohn war mein Sohn. Und ich war ich. Wir drängelten uns auf der Empore, sagten Hallo, frohe Weihnacht, ist ja eng hier oben, ach ist die Kleine aber groß geworden, was man denn so sagt, wenn man sich kurz vor dem Gottesdienst auf einer Empore zusammenquetscht. Und dann fragte sie: „Feiert ihr zwei mit Deinen Eltern?“ Und ich hörte direkt in ihrer Stimme, dass das keine Hallo, frohe Weihnacht, ist ja eng hier oben, ach ist der Kleine aber groß geworden-Frage war. Denn das wäre Smalltalk gewesen.

Diese Frage war ehrliche Neugierde, wie die junge Mutter mit dem kleinen Förderkind wohl Weihnachten verbringt. Da sie ja offenbar alleine lebt. Und zu zweit, nur als Mama und Sohn Weihnachten feiern, das konnte sie sich nicht vorstellen.

Ich lebte und lebe aber nicht alleine. Ich habe einen Mann. Den kenne ich seit ich 16 bin und den habe ich geheiratet als ich 18 war und den liebe ich bis ich 100 bin. Ganz sicher.

Die Frage der Mutter fand ich doof. Ich dachte, ich fand sie doof, weil sie so klischeehaft war. Klar, wer mit 18 Jahren Mutter wird, der ist nach vier Jahren ganz bestimmt nicht mehr mit dem Vater des Kindes zusammen.  Ich antwortete: „Nein, wir feiern zuhause, mein Mann spielt grad den Weihnachtsmann und legt Geschenke unter den Baum.“ und ich freute mich innerlich auf ihren Blick. So beeindruckend kann dieser Blick jedoch nicht gewesen sein, denn erinnere ich mich nicht daran. Wahrscheinlich hat sie zur Kenntnis genommen, dass ich offenbar doch nicht dem Klischee entspreche.

Ich glaube mittlerweile jedoch, dass ich die Frage nicht wegen des Klischees doof fand. Ich fand sie doof, weil sie mich dort traf, wo es wehtat.

Siegfried war voller Ruhm und Anerkennung, er badete in Drachenblut, war unverwundbar, bis auf eine Stelle an seiner Schulter, wo ein Lindenblatt gelegen hatte, als er im Drachenblut badete. Das war die wunde Stelle. Dort traf ihn am Ende Hagen und er musste sterben.

Ich badete in der Vorstellung, durch äußere Präsenz einer Partnerschaft gesellschaftliche Anerkennung zu erhalten.

Dort in der Kirche war sie nicht präsent, die Partnerschaft. Und offenbar auch nicht das Jahr über, in der ich die Mutter wöchentlich in der Spielgruppe traf. Ich war alleine. Alleine mit Kind. Und unsichtbarem Partner. Und dann stellte sie diese Frage. Mit dieser Selbstverständlichkeit meines Alleinseins. Und meine Vorstellung, meine Illusion musste sterben.

Gott sei Dank starb sie.

Ja, ich habe einen unsichtbaren Partner. Er ist nicht dabei beim lustigen, geselligen Sommerfest, er ist nicht dabei im Gottesdienst, er ist nicht mit bei der Wandertour mit Kindern, Eltern und Kegeln. Er fährt nicht mit Kindern im Radanhängern wie dein Mann, liebe Mutter aus der Spielgruppe. Er bringt nicht das Kleinkind zur Tagesmutter und er geht auch nicht mit dem Kindchen zum Arzt. Das mache fast immer alles ich. Und weil die Illusion, dass das wichtig sei, dass das die Welt doch sehen muss, wer mein Mann ist und was er so macht und dass wir zusammen sind, happy family, weil diese Illusion gestorben ist, als diese Mutter so offensichtlich fragte, deswegen danke ich ihr.

Ich ging nach dem Gottesdienst zurück nach Hause, den Sohn an der Hand, es waren nur zehn Minuten. Es war unser erstes, gemeinsames Weihnachtsfest zu dritt. Zuvor waren wir immer bei seinen Eltern. Und die Welt sah nicht, wer mein Mann ist und was er macht und dass wir zusammen sind, happy family. Aber wir feierten Weihnachten. Der Sohn und ich und der unsichtbare Mann. Der Mann, der so sichtbar ist für mich. So bunt und warm. So groß und leise. So witzig und so ehrlich. So sichtbar für mich.

Mein Mann ist manchmal unsichtbar für die Welt und das Unsichtbarsein nennt die Welt Autismus. Mein Mann ist meistens sichtbar für mich und das Sichtbarsein nenne ich Ehe.

4 Gedanken zu “Unsichtbar. Eine Weihnachtsgeschichte.

  1. Natalie 25. Dezember 2015 / 21:56

    Eine schöne Liebeserklärung.
    Die Weihnachtszeit scheint die Zeit des Jahres zu sein,in der ungewöhnliche Familienkonstellationen am verstörendsten wirken.

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  2. Natalie 25. Dezember 2015 / 22:27

    Sorry, so geht es, wenn man mit einem übermüdeten Hampelchen im Arm schreibt, also hier die Fortsetzung:
    Ich bin nämlich alleinerziehend, nicht leider, nicht tragischerweise, sondern mit Herz und Seele.
    Als ich mich vot gut 21 Jahren für das kleine Wesen in meinem Bauch entschied, wusste ich, dass ich mich zumindest vorläufig für das scheinbar bemitleidenswerte Modell „alleinerziehende Mutter“ entschieden hatte.
    Ich, nie sehr talentiert für Partnerschaft, blüte auf, und fand auf diesem Lebensweg noch zwei weitere wunderbare Kinder.
    Ich bin glücklich, nicht trotzdem glücklich, wie gern anerkennend gesagt wird, sondern unendlich dankbar für meinen Sohn genauso wie für meine beiden „special edition“-Pflegekinder, mit all‘ den Höhen und Tiefen, die vermutlich jedes Leben birgt.
    Auch Weihnachten überfällt mich nicht die große Sehnsucht nach der Katalogkleinfamilie, obwohl das immer wieder von mir erwartet wird. Wir hatten es gestern schön und lustig mit kleinen und großen Freunden, auf die Erkenntnis,dass Legosteine ratzfaz von einer Kerze entflammt werden können, hätte ich allerdings verzichten können…

    Ein Lindenblatt auf meinem Körper gibt es auch,es heißt : „Kinder brauchen Väter“, es ist nämlich auch was Wahres dran.

    Ich hoffe ihr hattet ein schönes Weihnachtsfest und der Kleine hat sich erholt.
    Habt ihr schon ein Ergebnis der Untersuchung?
    Liebe Grüße

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    • Taugewas 29. Dezember 2015 / 0:47

      Ich danke Euch :)
      Natalie, ich mag Deine Einstellung :) „nicht trotzdem glücklich“, sondern einfach glücklich – klasse! Das ist ein toller Satz, den muss ich mir merken (auch als Nicht-Alleinerziehende, aber dennoch oft in anderen Kontexten als „trotzdem“-Glückliche betitelt ;) )

      Kinder brauchen Väter, das stimmt. Wobei ich eher sagen würde: Kinder brauchen ein liebevolles Zuhause und Kinder brauchen anständige Vorbilder. Ob das nun zwingend immer (blutsverwandte) Mutter und Vater sein müssen, das bezweifel ich. Es ist schön, wenn es so ist, aber es ist unrealistisch, dass es immer klappt.

      Wie schön, dass ihr (ohne Trotzdem ;) ) Weihnachten genießen konntet.
      Wir übrigens auch – trotz kranker Kinder.

      Ein Ergebnis kommt erst im neuen Jahr, es steht noch ein MRT aus. Im Frühjahr ist es dann aber hoffentlich soweit.

      Liebe Grüße :)

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  3. karin 26. Dezember 2015 / 17:21

    da hast du aus dem fettnäpfen von der frau ein schönes tintenfässchen daraus gemacht und wunderschönes geschrieben. alles liebe direuch

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