Realwerden und Realität

blog54

Was braucht es, um etwas zu einer Realität zu machen?

Das gesprochene Wort ist real. Und so wie ein anderer es seit langem macht oder meint, dass ich es so machen sollte oder „man“ machen sollte, denn verallgemeinern können wir alle gut, so mache ich es nicht, wenn ich es nicht zu meiner Realität mache.

Das Gefühl ist real. Für mich. „Wenn Du anderen nicht in die Augen schaust im Gespräch, weil du es nicht willst und nicht brauchst, um zu verstehen, was ich sage, wenn es Dir vielleicht unangenehm ist… Das bedeutet dann „Blickkontakt vermeiden“ und so geht es vielen, aber nicht allen, mit Autismus.“ Das erkläre ich meinem großen Kind, weil es fragte.  Und er? „Das ist genau das, was die in der OGS sagen, dass der eine immer machen soll, aber das ist nicht richtig, wenn er doch nicht kann oder möchte. Die wollen seine Gefühle verändern.“

Gefühle verändern wollen ist nicht richtig. Klappt auch nicht. Dieses Kind soll im Gespräch in die Augen gucken. Wie oft habe ich das selber verlangt. Mich hingehockt, ihn festgehalten, versucht, mit den Augen zu fixieren. Als ob es hilft. Vielleicht insofern, dass diese Momente sich ewig unangenehm in das Gefühlsgedächtnis einbrennen. Das Gesagte? War Realität. Und weg.

Gefühle sind real. Das Kleinkind isst ein Stück rohe Zwiebel ohne Augenzucken. Eine andere Zwiebelrealität.

„Du musst das auch mal loslassen und die anderen ihr Leben und Glück lassen und akzeptieren lernen, damit Du selber ruhig wirst.“ rät mir eine, die es wissen will, weil sie seit langem schon mit Eltern behinderter Kinder zu tun hat… und meint, dass „man“ das so machen sollte.

Ich schaue alterprüfend-eifersüchtig das Kleinkind anderer Eltern beim Laufradfahren zu und fühle kein Loslassen. Erwähne ich vor jedem, der es wissen will oder nicht, dass es ja behindert sei, das Kind, als Erklärung, um es selber zu hören, ein Wort, um es zur Realität werden zu lassen. Das Kind hat eine Behinderung. Schmiere ich anderen ständig aufs Brot, dass sie sich freuen sollen über dieses (Laufradfahren) und jenes (mehr als drei Meter auf dem Gehweg gehen) und solches (ja und nein artikulieren) , da es ja keine Selbstverständlichkeit sei, denn wissen Sie, mein Kind kann das nicht. Aber es ist ja behindert.

Ich sollte es mit mir selber ausmachen und andere in Ruhe lassen mit meinem Prozess des Realwerdens. Andere haben auch Probleme, vielleicht fährt das Kind ja ständig auf die befahrene Kreuzung. Dass es uns anders ergeht, dafür kann mein Gegenüber nichts. Loslassen. Leben lassen. Akzeptieren.    Akzeptieren, dass er nicht in die Augen schaut. Das Gefühl ist Realität. Realität ist wirklich. Gefühle sind niemals falsch.

Hinter mir in der Bahn. Ein kleines Mädchen, das zu einem Fingerreim mitspricht. Der alterprüfende Blick: Vielleicht zwei Jahre? Dann ein Lächeln. Ein Umdrehen. Und denken. Und fühlen: Er ist ja behindert. Deswegen. Realität.

 

3 Gedanken zu “Realwerden und Realität

  1. Natalie 2. April 2016 / 12:22

    Ach, am liebsten würde ich jetzt mit einem leckeren Kuchen unterm Arm durchs Internetkabel schwimmen und dich mal in den Arm nehmen.
    Schwer zu realisieren, deshalb nur ein lieber Gruß
    Natalie

    Gefällt 1 Person

    • Frau Taugewas 2. April 2016 / 14:59

      Du bist ja lieb :)
      Aber da Gefühle ja real sind, ist es trotzdem realisierbar,
      nur der Kuchen, der bleibt im Kabel stecken ;-)

      Kennst Du diese Geschichte?
      http://autismus-kultur.de/autismus/eltern/willkommen-in-holland.html

      Holland ist schön. Langsam, bunt und schön.
      Wenn ich nach Italien blicke, fühlt es sich trotzdem,
      wahrscheinlich ein Leben lang so an (und das macht Holland nicht weniger schön!):

      „Und bis ans Ende Ihres Lebens werden Sie sagen: Ja, dahin hatte ich auch gehen wollen. So hatte ich es geplant.

      Und dieser Schmerz wird niemals, wirklich niemals vorübergehen… denn der Verlust dieses Traumes ist ein sehr, sehr schwerwiegender Verlust.“ (Emily Perl Kingsley)

      Dir auch einen lieben Gruß !

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  2. Kerstin 14. April 2016 / 13:50

    Liebe Taugewas!
    Genau so ist es und man muss das auch mal sagen und denken dürfen. Klar, muss man lislassen, natürlich kann man sehen, dass die Kinder , manche Dinge, die sie vielleicht nie können werden nicht vermissen und selbstverständlich sind Entwicklungsschritte nicht das Mass aller Dinge.
    Aber man selber möchte doch so gerne…zumindest ein Wochenende in Italien verbringen. ..auch wenn man weiss, dass dort auch nicht jeden Tag die Sonne scheint.
    Ich habe durch den Kleinen hier ein Stückchen Italien und weiss daher, wieviel leichter das Leben dort sein kann. Auch wenn ich bei Vielem, was er momentan tut, in Sorge bin, ob er auch ein Ticket nach Holland Ziegen will….vermutlich völlig unbegründet. Aber ja: auch ich gebe zu: es ist eine Sorge! Kein “ na, wenn schon!“
    Und bei 2 Hollandurlaubern hast du jedes Recht auf ein lautes :“verdammt nochmal!“
    Fühlen dich gedrückt….Kerstin

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