Solche Tage

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Es gibt Tage, da zerbricht die Brille und du überlegst, wie viel die 5. Brille in 8. Monaten denn kosten darf. Da geht das Rollo im Kinderzimmer kaputt und das Wasser in der Badewanne wird nicht warm. Noch vor dem Frühstück fuchtelst du mit einem Schraubenzieher am Rollokasten herum. Das sind so Tage, da geht man besser nicht in Geschäfte, in denen Lebensmittel unverpackt verkauft werden und abgewogen werden. Denn da kann es ja passieren, dass das Gewicht nicht perfekt 200 Gramm ist, sondern 236 Gramm und so etwas ist an solchen Tagen schwer zu ertragen für das geliebte Großkind.

Da hängst du 30 Minuten in der Warteschleife und wirst von einer Sachbearbeiterin zur nächsten geleitet, nur, um den Therapie-Kindergarten-Stuhl für das Kleinkind irgendwie durchzubringen, denn ohne den Stuhl kann das Kleinkind nicht richtig sitzen. Du diskutierst und schreibst Mails, legst Widerspruch ein und bist dankbar, dass Jemand anderes für dich mit der Krankenkasse telefoniert und ein Schreiben aufsetzt. Der Physiotherapeut aus dem SPZ. An solchen Tagen wartet die Seminararbeit einsam und vergebens auf dem PC-Desktop darauf, endlich weitergeschrieben zu werden.

An solchen Tagen klappt das nicht, weil Du telefonierst. Am Telefon die Stimme desjenigen, der für mich mit der Kasse weiterstreitet: „Ach also doch eine richtige Diagnose? Das tut mir leid, Frau Taugewas, das tut mir leid!“ Pause. Dann: „Aber wir können diese handfeste Diagnose dazu nutzen, den Stuhl nun doch durchzubekommen. Ich melde mich!“

Dass es leid tut, hat noch keiner gesagt. Eigentlich nur merkel´sches „Wir schaffen das“ oder pädagogisch wertvolles „Ihr schafft das!“. Wahrscheinlich würde ich das auch sagen.

Oder eine tiefenpsychologische Frage: „Und wie fühlt sich das an für Dich?“

Oder einfach gar nichts sagen. Betretendes Schweigen. Was sagt man schon einer Mutter, die soeben die Diagnose ihres Kindes eröffnet?

Behinderte sind ja nicht bemitleidenswert. Kein Mitleid wegen Behinderung. Das wäre ja irgendwie schon Diskriminierung. Also nichts sagen.

Aber wisst ihr was? Es tut mir selber leid! Es tut mir leid, dass das Kindchen behindert ist. Das heißt nicht, dass ich es nicht trotzdem wunderbar finde oder dass wir das nicht schaffen. Das bedeutet einfach nur, dass es mir leid tut. Punkt. Und danke, Herr Physiotherapeut, dass Ihnen das auch leid tut.

Wenn an so einem Tag dann ein kleines Kind mit einem Laufrad an mir vorbeiflitzt, dann fange ich beinahe an zu heulen, weil es sich sehr ungerecht anfühlt und dass es sich ungerecht anfühlt ist noch viel mehr zum Heulen. Gott sei Dank flitzt dann aber kein Kind vorbei. Das passierte letzte Woche. Jetzt aber regnet es ohne Ende. Meine Kinder panieren sich mit Matsch und Sand im Park. Außer einem Hund und dem dazugehörigen Menschen ist keiner da. Der Regen läuft mir in den Nacken. Der Wäscheberg im Badezimmer wächst.

Am Abend klammern sich 25 Kilogramm auf meinem Rücken und wir tanzen zur Musik in der Küche, räumen dabei die Spülmaschine aus, bespaßen dazu das Kleinkind und sagen uns hundert Mal, wie lieb wir uns haben. Das hilft bei solchen Tagen.

5 Gedanken zu “Solche Tage

  1. Jana 9. August 2016 / 7:45

    Liebe Christine, wenn ich aus der Kur wieder daheim bin , Oktober, dann back ich Dir einen Kuchen.Und den teilst du in Stücke und frierst ihn ein. Und wenn wieder so ein Tag ist, dann nimmst du dir ein Stück Kuchen-Kuchen hilft ungemein bei schlechter Stimmung. Deal?

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    • Frau Taugewas 10. August 2016 / 21:46

      Oh das klingt gut, Jana :-) ! Kuchen ist etwas, das tatsächlich fast immer hilft :) Nur braucht es die Disziplin, die Stücke auch wirklich nur an „solchen Tagen“ rauszuholen.
      Ich wünsche Euch erholsame, sonnige Kurtage!!

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  2. Kerstin 10. August 2016 / 11:32

    Liebe Frau Taugewas!
    …und es tut mir auch leid. Es tut mir leid, dass sein Körper ihm immer Grenzen setzen wird bei Dingen, die doch eigentlich „normal“ sein sollten und vorallem Spaß machen. Es tut mir nicht leid, wenn er niemals Laufrad fahren möchte, weil das “ doof ist“ , aber ich bedauere, dass er niemals ausprobieren kann, ob es ihm vielleicht gefallen würde. Niemand kann und möchte alles und vielleicht wird er viele Dinge nie vermissen, weil ich mir sicher bin, dass sein Leben auch für ihn viele Glücksmomente in der Warteschleife hat, aber man darf traurig, wütend und auch verzweifelt darüber sein, dass er viele Lebenswege gar nicht ausprobieren kann. Man darf es bedauern, wenn unsren Kindern nicht alle Möglichkeiten offen stehen, selbst wenn dann im Laufe des Lebens -natürlich! – nur ein Bruchteil genutzt wird.
    Und meine Güte sind wir mal ehrlich : es geht nicht darum, dass er kein Basketballspieler werden kann, weil er zu klein dafür ist, sondern um elementare Dinge wie richtig sehen und laufen können. Dinge, die man bei der Geburt eines Kindes naiverweise gar nicht in Frage stellen möchte. Und nochmal ganz ehrlich : du hast noch ein Kind, das ganz großartig ist , aber bei dem du dich auch schon von vielen Wünschen und Dingen verabschieden musstest: ganz anders , aber eben auch! Und ja man darf das manchmal bedauern, so sehr man seine Familie liebt wie sie ist und so glücklich man auch oft ist. Alles Andere ist Augenwischerei und setzt doch eigentlich noch mehr unter Druck. Wo käme die eigene Seele denn hin, wenn man sich selbst und allen Anderen immer vormachen müsste, dass man sich das genau so gewünscht hat für seine Kinder? So ein Quatsch!
    Ich bin mir aber auch sicher, dass bei euch solche Tage eben nicht der Alltag sind, aber sie gehören dazu. Deine Familie ist großartig : ich freue mich auf jeden deiner Posts. Und weißt du, warum deine Kinder , aufgrund des Alters erkennt man es vorallem am Grossen, so lebensfroh, sicher seiner Position in der Familie , so verdammt klug und reflektiert sind? Weil Du Du bist mit all deiner Liebe, deinen Zweifeln, deinem Hadern und deinem Wunsch auf Glück für deine kleinen Helden. Ich möchte mir gerade deine Kinder in vielen anderen Familien gar nicht vorstellen.
    LG Kerstin

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    • Frau Taugewas 10. August 2016 / 21:58

      Liebe Kerstin!
      Jedes Deiner Worte geht runter wie Öl. Vielen lieben Dank dafür.
      Ich hatte erst vor, zu den Sätzen, die in mir etwas bewirkten, etwas zu schreiben,
      da fiel mir nach drei Absätzen auf, dass es eigentlich alle sind und es ein Roman werden würde.
      Du hast eventuell tatsächlich das geschrieben, das viele meiner unmittelbaren Umgebung vermutlich gern gesagt hätten, doch es aus vielerlei Gründen doch nicht getan haben.
      Das ist versöhnlich und tröstend. Danke dafür!

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