Der Morgen.

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5:30 Uhr Aufstehen. Kaffee kochen, Tee kochen. Katzenklo. Katzen füttern. Lüften.

5:45 Uhr Kinder wecken. Rücken kraulen, Kopf streicheln. Eine sanfte Stimme versuchen. Kleinkind lacht. Kontaktlinse einsetzen. Kinder in die Küche. Kleinkind festschnallen. Geschrei. Brote schmieren. Großkind: Immer mit Tomatencreme und Frischkäse. Immer das selbe Brot. Milch eingießen. Milch aufwischen. Obst schneiden. Ein paar Informationen über nachhaltige Energieversorgung und autarke Bauern vom Großkind erfahren. Ein bisschen Geschrei vom Kleinkind. Bei dem anderen kein Brot, kein Obst. Aber Tomaten. In Stücke.

6:30 Uhr Großkind ins Bad schicken. Schulbrot schmieren, Küche säubern. Geschrei. Tomatenstücke. Musik an. Abräumen, Tisch wischen, abspülen, singen und lachen. Dazwischen etwas Geschrei. Kind kommt angezogen in die Küche. Shirt ist verkehrt herum, Socken bitte noch frische. Brille aufsetzen. Deine Hände hast Du aber nicht gewaschen, bitte ins Bad. Mit Seife! Gemotze. Der andere: Geschrei. Küche fertig, kleines Kind aus dem Stuhl. Alles voller Stuhl am Stuhl. Kind ins Bad, abduschen, Stuhl-Bezug ab, einweichen, Eimer in die Wanne. Kind planscht im Dreckeimer. Kind lacht. Kind abduschen. Geschrei. Wickeln, Geschrei, Body, Geschrei, T-Shirt, Geschrei. Festhalten, Geschrei. Hose, Geschrei, Socken Geschrei. Kind fertig.

7:10 Uhr Großes Kind, zieh Dir die Schuhe an und setz Dich ans Fenster. Aufs Schultaxi warten. Gemotze. Schlafzimmertür auf, Kleidung suchen. Kleines Kind zu den Steckdosen. Nein. Geschrei. Hose gefunden, Kind am Kabel. Nein! Geschrei. Socken gefunden. Kleines Kind im Bad, Dreckeimer, Nein! Geschrei. Shirt gefunden, Kind wühlt im Portemonnaie, Nein! Geschrei.

7:20 Uhr Taxibus kommt, Kind nach unten bringen, Kopf streicheln, winken, Tür zu. Geschrei. Anziehen, Kind räumt Regal aus, Nein! Geschrei. Zähne putzen, Klopapierrolle abrollen, Nein. Geschrei. Im Wohnzimmer noch ein bisschen spielen. Musik an. Umarmen, lachen, Haare ziehen, ansabbern, ins Ohr schreien, Arm anbeißen. Aua! Umarmen, lachen, feste drücken, Haare ziehen, lachen.

7:45 Uhr Schuhe anziehen. Geschrei. Ein Schuh am Fuß. Geschrei. Festhalten. Schleife binden. Geschrei. Festhalten. Zweiter Schuh. Geschrei. Festhalten. Schleife binden. Geschrei. Fertig. Tasche packen. Schlüssel, Handy, Wasserflasche. Kind rennt ins Schlafzimmer. Hinterher. Portemonnaie anbeißen. Nein. Geschrei. Trage umbinden, Kind rein setzen. Geschrei. Tasche nehmen, Brille auf die Kindernase. Geschrei. Tschüss Inselmensch, winken, aus dem Haus.

8:00 Uhr Geschrei. Eins zwei drei vier fünf sechs Schritte, Brille runter reißen. Bücken. Aufsetzten. Geschrei. Kind lacht. Kind hüpft. Eins zwei drei vier fünf sechs sieben Schritte, Brille runter reißen, auffangen, aufsetzen, Geschrei. Ampel drücken. Kind lacht. Rüber gehen. Geschrei. Eins zwei drei vier fünf sechs sieben acht Schritte, Brille runter reißen, festhalten, Geschrei. Der Bus kommt. Hinsetzen, Kind auspacken, auf einen Sitz setzen. Kind lacht. Es will auf dem Boden krabbeln, nein, nicht im Bus! Geschrei. Brille runter reißen. Bücken, aufsetzen. Geschrei. Nächste Station. Ablenken. Guck mal, eine Baustelle! Kurze Stille. Dann: Brille runter reißen. Bücken, aufsetzen. Geschrei. Ablenken. Nächste Station. Brille runter reißen. Geschrei. Brille aufsetzen. Geschrei. Kind will auf den Boden. Ablenken: Schau mal, die Schnalle an meiner Tasche. Klick klack. Kind lacht. Nächste Station. Brille runter reißen. Geschrei. Brille aufsetzen. Geschrei. Kind festhalten. Geschrei. Brille runter reißen. Nerven auf dem Fußboden wiederfinden. Brille wegpacken. Trotzdem Geschrei. Kind beißt in den Arm. Aua. Kurze Stille. Dann: Geschrei. Nächste Station. Ein Mann setzt sich vor uns. Kurze Stille. Das Kind lacht. Der Mann lacht. Das Kind will auf dem Boden krabbeln, das geht nicht im Bus, Geschrei. Nächste Station. Aussteigen. Kind will laufen. Auf die Straße. Nein. Geschrei. Ein bisschen geradeaus laufen. Händchen zu den Augen. Keine Brille zum Runter reißen. Trotzdem Geschrei. Kind auf den Arm tragen. Nach hinten werfen, Haare ziehen. In den Arm beißen. Aua. Kind runter. Kind rennt auf die Straße. Kind rauf, Geschrei, Haare ziehen. Arm festhalten. Geschrei.

8:30 Uhr am Kindergarten. Freundliches „Hallo“ versuchen. Und „Guten Morgen“. Ein Lächeln versuchen. Kind soll die Treppe hoch krabbeln. Widerstand. Etwas tragen, etwas krabbeln. Schuhe ausziehen, Stoppersocken an. In den Gruppenraum, kurzer Smalltalk, Kind lacht, Kind abgeben. Tschüss. Treppe runter, Türe schließen, um die Ecke gehen. Keinesfalls heulen. Eltern sehen, freundlich grüßen, weiter gehen. Nerven suchen. Nach Hause fahren, auf dem Handy Nachrichten lesen und Fotos verschicken. Mehr Nachrichten lesen: Das Kind sei so ein Sonnenschein. Fotos angucken. Die Sonne scheint.

9:15 Uhr zuhause Kaffee kochen, Laptop öffnen. Seminararbeit wartet. Weitermachen.

7 Gedanken zu “Der Morgen.

  1. Charlotta Stracke 9. September 2016 / 7:59

    Oh je was für eine Nervenarbeit so früh am Morgen!! Ich wünsche Dir Sonne mit dem Sonnenschein und Nerven so dick wie Stahlseile! Und wenn sie dünn wie Nylonfäden sind auch nicht schlimm, auch wir Mamas können nicht immer alles.
    Ganz liebe Grüße Lotta

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    • Frau Taugewas 12. September 2016 / 12:28

      Danke Dir! Ja, das sage ich mir auch immer, ich bin eine Mama und nicht Superwoman ;)
      Der Sonnenschein scheint meistens mittags am hellsten, morgens ist es halt manchmal noch dämmrig.
      Liebe Grüße :)

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  2. M. 11. September 2016 / 18:20

    das mit keinesfalls heulen klappt bei mir leider nicht immer…
    Hut ab.

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    • Frau Taugewas 12. September 2016 / 12:34

      Liebe M.
      Das klappt bei mir wahrscheinlich auch nur, weil andere Eltern mir entgegen kommen auf der Straße zur Kita hin. Ich kenne auch andere Momente. Und manchmal tut es auch gut, eine Runde zu heulen. Wenn man dann um die Ecke gegangen ist.. Mein Sonnenschein ist auch mal ´ne Gewitterwolke.. Das ist wohl normal, ob behindert oder unbehindert.
      Ich schicke Dir eine große Portion Montags-Stahlseil-Nerven. Und Sonne!
      Alles Gute Dir!

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  3. Natalie 16. September 2016 / 23:04

    Und heute Morgen dachte ich plötzlich, ach der Frau Taugewas geht es jetzt gerade fast genauso wie mir — und da gings mir gleich irgendwie besser.
    Besonders mit dem Beißen klar zu kommen fällt mir zurzeit so schwer, da kommen mir oft fast die Tränen; dafür lässt mein Zwerg seit neuestem die Brille auf, verlangt sogar danach. Das hätte ich mir vor einem Monat nicht träumen lassen.
    Beste Nerven wünsche ich uns allen
    Natalie

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    • Frau Taugewas 16. September 2016 / 23:17

      Oh ja, wir sind nicht alleine :)
      Deiner trägt auch eine Brille ? Die Jungs scheinen ja echt aus der selben „Ecke“ zu kommen, so viele Gemeinsamkeiten..
      Das Beißen ist gerade besser geworden, aber ich will es nicht beschreien.
      Zum Glück gibt es ja auch noch andere Morgen, hoffentlich ist morgen so ein Morgen, für uns alle!

      Liebe Grüße :)

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  4. Natalie 18. September 2016 / 21:56

    Ja, schon seit er acht Monate alt ist. Aber er hat den Vorteil mit Brille fast normal gucken zu können, da fällt die Akzeptanz vielleicht leichter.
    Ich hoffe, ihr habt das Wochenende ohne den morgendlichen „Take-off“ auch genossen.

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