Festlandbegegnungen mit Tarnkappe

blog94

Ich stehe im Buchladen meines Vertrauens und suche ein ganz bestimmtes Wimmelbuch. Für meinen Neffen. Ich möchte etwas schenken, das gut ankommt und habe vorher extra gefragt. Ob ein 1,5-Jähriger arg wählerisch ist, das weiß ich nicht genau, aber manchmal sind es Eltern ja und die müssen das Buch nun mal vorlesen. Ich mag Wimmelbücher und fast möchte ich selber eines kaufen..aber hier geht es ja um den Neffen und, halt, mein Kind ist ja sehgeschädigt und nutzt Wimmelbücher nur, um sich drauf zu setzen oder sie auf und zu zu klappen. Mein kleines, sehgeschädigtes Kind, fast dreijährig, hängt krank in der Babytrage vor mir und schnauft. Vielleicht finde ich ja zusätzlich zu dem Geschenkwimmelbuch noch ein anderes Buch. Ein Buch für die Freundin oder für den Opa. Oder vielleicht tatsächlich eines für das kleine Kind vor mir.

Plötzlich höre ich meinen Namen hinter mir. Naja, was soll das schon bedeuten, mein Name ist nun wirklich nicht selten. Ich starre weiter das Bücherregal an. Wieder mein Name. Eine Frauenstimme ruft ihn laut und bestimmt durch die Kinderbuchabteilung. Soll ich mich umdrehen? Was bleibt mir anderes übrig. Ich drehe mich um. Eine Mama, die ich noch von der Tagesmutter kenne. Wir quatschen ein bisschen. Sie ist nett. Sie ist wirklich nett. Ihre Augen sehen aus wie große Murmeln. Sie sucht ein Geburtstagsgeschenk für einen bald Fünfjährigen. Ihr kleiner Sohn hätte sich gut im neuen Kindergarten eingewöhnt, er wird wohl gerne von anderen Kindern eingeladen. Er möchte sich auch gerne mal mit meinem Kleinkind treffen, erzählt sie. Manchmal fahren sie an dem Haus vorbei, in dem wir wohnen. Dann sagt sie: „Hier wohnt der kleine Herr Taugewas mit seiner Familie!“ und ihr Sohn sagt dann: „Den möchte ich gerne mal besuchen!“. „Das ist aber lieb!“ sage ich. „Im neuen Jahr kommen wir gerne mal vorbei!“ sagt sie. Sie seien gerade umgezogen und hätten noch etwas Stress. „Oh ja, kommt gerne, wir freuen uns!“ höre ich mich sagen. Und wie es uns so gehe, will sie wissen. „Er hat sich gut eingewöhnt im Kindergarten“ antworte ich. Dann wollen wir beide weiter Bücher kaufen und versprechen, uns bald zu melden.

Das Kinderbuchregal, vor dem ich eben noch stand, glotzt mich drohend an. Hunderte von Büchern und alle Titel so klein und senkrecht. Ich müsste meinen Kopf komisch verdrehen, um das eine Wimmelbuch zu finden. Müsste viele Bücher einzeln raus kramen und durchblättern, um sie auf Sehschädigungstauglichkeit hin zu prüfen. Alles mit der lieben Murmelaugenmutter hinter mir. Das geht so nicht. Also zur Info und sich helfen lassen. Und bezahlen. Und den Laden verlassen.

In der Fußgängerzone bemerke ich, dass das Kleinkind eingeschlafen ist. In meinem Rucksack das Wimmelbuch für den Neffen. Ich habe nicht mal hineingeguckt und es wider meiner das-Geschenk-kommt-von-Herzen-und-wird-daher-selber-und-von-Herzen-eingepackt-Prinzipien einpacken lassen. Weil ich es nicht länger angucken wollte. Bescheuert. Jetzt klebt da ein Sticker vom Buchladen auf dem Papier.

Mein Neffe guckt gerne Wimmelbücher an. Seine Augen haben lange, geschwungene Wimpern. Er sieht so süß aus in seinem Wolloverall. Er sitzt auf einem Stuhl und trinkt aus einem Strohhalm. Das kann er. Tatsächlich. Wenn er auf dem Arm getragen wird, dann kuschelt er sich an meinen Bruder an. Mein Bruder platzt fast vor Stolz. Sein Sohn ist wirklich zauberhaft. Er beginnt langsam zu sprechen. Er ist aufmerksam und beguckt neugierig die Welt. Bald wird er seinen Cousin überholen. Eigentlich hat er ihn schon überholt. Mein Kind sitzt nicht auf normalen Stühlen. Den Sinn eines Strohhalms versteht er noch nicht. Beim Tragen auf dem Arm macht er sich nach einigen Minuten zu einer krummen Banane, wirft sich zu allen Seiten und strampelt wild umher. Es ist nicht leicht, ihn ohne Babytrage zu tragen. Selber laufen ist jedoch kein Option. Er fällt, wenn er läuft. Ständig. Er fällt und bekommt Beulen und Platzwunden. Deshalb trägt er nur eine Wolljacke, die Hosenbeine sind bei ihm besser aus festem Material. Deshalb wird er untersucht. Mit komischen Stromreizen. Die Ärzte wollen wissen, was mit seinen Nerven nicht stimmt, warum er stürzt. Wir sprechen mit ihm und ich bin mir sicher, dass er eines Tages Lautsprache tatsächlich benutzen wird. Mehr als nur einzelne Silben. Und bei all dem sieht er irgendwie so normal aus. Da steht nirgendwo „behindert“ drauf auf ihm. Er wirkt auf den ersten Blick normal. Wie ein wuseliger Einjähriger. Vielleicht ein bisschen groß für einen Einjährigen. Vielleicht ist das gut, dass man es ihm nicht ansieht? Sieht man es eigentlich jedem behinderten Kind an? Oder nur welchen mit auffälligeren Gesichtszügen? „Es“. Vielleicht ist das eher schlecht. So weiß keiner, wie das hier wirklich ist bei uns. Vielleicht ist es einfach so und ändern kann ich es eh nicht.

Man soll nicht vergleichen!“ höre ich eine Stimme im Kopf. Nee, soll man auch nicht. Ein gesundes 1,5-jähriges Kind mit einem behinderten 2,75-Jährigem zu vergleichen ist ja auch arg dämlich. Wie Äpfel und unreife Bananen oder so. Es ist bescheuert, immer neu festzustellen, was das eigene Kind NICHT kann. Ach. Würde die Welt mich in Ruhe lassen und mir keine zuckersüßen, normal entwickelten Kinder vor die Nase halten, so käme ich nie auf die Idee irgendetwas zu vergleichen. Wirklich nicht.

Aber da sind sie ja, die normalen Kinder. Und erinnern mich an das zappelndes Kind im Hochstuhl, mit Schal und Babytrage provisorisch festgeschnallt. Das Kind, das seinen Becher ausschüttet und mit ihm im Takt auf den Tisch klopft, das dabei schreit und quäkt. Und wenn ich es mit einem Buch ablenken möchte, dieses als Wurfgeschoss nutzt und dabei leider meine Schläfe trifft. Mein wundervolles, zuckersüßes Kind. Es ist nicht so wie andere. Es lutscht an Schuhen und schlägt sich selber auf den Kopf. Es ist nicht so wie andere.

Nein, natürlich nicht. Aber er ist ja auch behindert.“ sprach mir mal mein anderer Bruder sanft ins Telefon, als ich meine Vergleichsanwandlungen hatte. Ja, er ist behindert. Er sagte es so sanft und mit so einer Natürlichkeit. So wie: „Hey, Frau Taugewas, natürlich kannst Du keine unterirdischen Gänge graben, Du bist ein Mensch, kein Maulwurf! Natürlich kann dein Mann keine Eier legen, er ist ein Mann, kein Huhn. Natürlich kann dein kleines Kind nicht x oder y, es ist doch auch behindert.“. Es ist so normal, dass er so ist.

Normal ist aber auch, es nicht aushalten zu können, ein Wimmelbuch zu kaufen. Es ist normal, sich nicht umdrehen zu wollen, wenn der Name gerufen wird. Weil ich eigentlich meine Tarnkappe aufhabe und unsichtbar bin. Wie Siegfried in der Nibelungensage. Dann bin ich unsichtbar und stehe vor dem Bücherregal und weine ein bisschen wegen der Bücher, die ich alle mit meinem Kind hätte lesen können und sollen in einer Parallelwelt. Dann spricht mich keiner an und schlägt mir ein Treffen vor. Ein Treffen bei uns daheim. Auf unserer Insel. Einer, der kein Visum beantragt hat. Ein Festlandmensch mit Festlandkindern. Dann muss ich nicht lügen und sagen „ja gern“ und eigentlich weiß ich, dass hier schon genug Wellen toben. Schildkröten, die im Panzer ausharren und auf ruhigeres Wetter warten. Früchte, die noch unreif an Palmen hängen. Und auch das geht vorbei. Dann setze ich auch wieder meine Tarnkappe ab.

9 Gedanken zu “Festlandbegegnungen mit Tarnkappe

  1. Sara 11. Dezember 2016 / 12:48

    Das hört sich so anstrengend an! Und es ist schon so so anstrengend. (Hab selbst zwei Kinder.) Sie machen das toll!!! Und ich wünsche Ihnen ganz viel Kraft und dass es langsam eine Gesellschaft hier wird, in der man keine Tarnkappen mehr braucht, weil alle Kinder (und Erwachsene) so sein dürfen, wie sie sind und das normal ist. Liebe Grüße!

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    • Taugewas 22. Dezember 2016 / 15:04

      Liebe Sara,

      vielen lieben Dank für Ihre Worte. Mich erfreuen solche Kommentare sehr! Liebe Grüße zurück :)

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  2. Natalie 13. Dezember 2016 / 23:50

    Ach liebe Taugewas,
    wenn du den Laden findest, in dem sie Tarnkappen verkaufen, verrätst du mir die Adresse , ja?
    Denn ich kenne die verwundbaren Tage, an denen ich mich nach einer sehne. Nicht jeden Tag, nein es gibt auch andere Tage, Tage, an denen das Anderssein mit Stolz erfüllt oder in diesem Fall vielleicht mal englisch mit „pride“, wie gay pride oder black pride.
    Aber für die anderen Tage eine Tarnkappe im Schrank zu haben, würde manchmal das Rausgehen erleichtern. Eigentlich eher eine Rüstung oder einen schützenden Verband, noch frische Wunden, die auch unbenutzbare Wimmelbücher reißen können, schmerzen halt, auch wenn sie ganz liebevoll berührt werden. Später wächst schützendes Gewebe drüber, manchmal recht hart, manchmal bleibt es komisch empfindlich oder wetterfühlig.

    Wir waren bei der Weihnachtsfeier der Frühförderung, da schien die Vergleicherei wie ein Virus zwischen den Eltern umher zu fliegen. Jede versicherte jedem krampfhaft, wie toll das sei, dass das jeweils andere Kind dies und jenes offensichtlich könne, das eigene brauche da leider noch ein bisschen.
    Irgendwie genierte ich mich auf einmal fürchterlich für mein motorisch inzwischen erschreckend fixes Kind, dachte, die fragen sich, was wollen die hier, vor dir hätte ich mich vielleicht auch geschämt und dann reißt dieses rasende, kreischende Kind auch noch das Spielhaus um, gut dass da kein Kind drunter lag …eine Tarnkappe bitte!
    Aber vielleicht bildete ich mir das auch alles nur ein, ich habe nämlich gar keiner der plaudernden Grüppchen beigewohnt, ich musste ja — an jenem Tag so ganz ohne „pride“ –mein Kind einfangen.;)
    Liebe Grüße
    Natalie

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    • Taugewas 22. Dezember 2016 / 15:11

      Liebe Natalie,

      ja, wetterfühlige Wunden, das beschreibt es sehr gut!!
      Diese Vergleicherei ist manchmal tatsächlich wie ein Virus – der auch vor Förderkindmamas nicht Halt macht. Erstaunlich. Wenn ich mich selber erwische, bei anderen hoch zu loben, was mein Kind überhaupt nicht kann, um evtl. den Fokus des anderen auf unsere seltsame Situation zu rücken, dann grabe ich innerlich vor Scham ein Loch und ärgere mich, dass ich solche Sitten nicht abschütteln kann.
      Und dieses Gefühl in Bezug auf das Kind, das zu normal ist, um zu den behinderten zu gehören, aber zu anders, um zu den normalen zu gehören, die kenne ich. Mein Großer ist so einer. Ich glaube fast, dass das mehr Nerven kostet als ganz eindeutig ein behindertes Kind zu haben – wie mein Kleiner einer ist. Diese Zwischenfälle werden zu oft mit den „normalen“ verglichen und können da nur „schlecht“ abschneiden, das ist auf Dauer schmerzlich.

      Liebe Grüße!!!

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