Lachfalten

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Im Wartezimmer des Kontaktlinsenlabors. Neben mir sitzt ein Elternpaar mit ihrem Sohn, der ziemlich aufgeregt ist. Er rutscht unruhig auf dem Stuhl herum und sagt „Licht“ und „Labor“ und „Auge gucken“. Sein Vater beruhigt ihn mit warmer Stimme und seine Mutter lächelt sanft. Das Kleinkind und ich hocken daneben am Kindertisch und wurschteln mit Ausmalbüchern und Stiften herum. Ich finde es durchaus mutig, in einem Wartezimmer in der Augenklinik spitze Holzstifte für Kinder auszulegen, aber das ist eine andere Geschichte.

„Schau mal wie ruhig der kleine Junge dort ist!“ sagt der Vater zu seinem aufgeregten Sohn. „Oh, der kann auch anders“ sage ich. „Mein Sohn hat auch eine geistige Behinderung und spätestens auf dem Untersuchungsstuhl ist alles vorbei.“„Ach so. Ja, das kenne ich. Aber unser Sohn ist ja schon 50 Jahre alt!“ schmunzelt der Vater und wendet sich direkt danach seinem Sohn zu „Ja, genau, ins Licht musst Du gleich gucken. Und danach fahren wir auch wieder. Mit dem Taxi.“ Er spricht so ruhig und geduldig, hält dabei mit seiner alten, faltigen Hand die Hand seines Sohnes. „Und morgen gehen wir auch wieder was schönes machen. Zum Schwimmen.“

Wir unterhalten uns ein wenig und stellen fest, dass wir aus der selben Stadt kommen. Außerdem sind sie zum ersten Mal im Kontaktlinsenlabor. Die Eltern sehen nicht aus als hätten sie tatsächlich einen fünfzig Jahre alten Sohn. Die Mutter ist dezent geschminkt und stilvoll gekleidet. Das sind keine Sorgenfalten auf ihrer Stirn, sondern Lachfalten an Augen und Mund. Die beiden sitzen so ruhig neben ihrem so unruhigen Kind und lächeln mild und geduldig. Plötzlich verbindet mich so viel mit ihnen und ich möchte noch viel mehr fragen. Ob sie noch ein weiteres Kind haben, ob sie Enkel haben. Oder keine. Wie man Lachfalten bekommt und keine Sorgenfalten. Was ihr Geheimnis ist. Wie sehr einem das Herz blutet in dem Moment, in dem man erkennt, dass man das erwachsene, behinderte Kind gehen lassen muss. Dass man nicht in einer Symbiose leben kann. Ob sie an ihrer Aufgabe gewachsen sind und ob ihre Ehe gelitten oder gewachsen ist daran. Wie man geduldig mit sich, mit dem Kind und mit den Mitmenschen wird und ob auch sie Momente der Verzweiflung kennen. Ob es schwer war, vor fünfzig Jahren ein behindertes Kind zu bekommen, als Inklusion und Frühförderung noch nicht das war, was es heute ist. Wie fühlte sich der Moment der Erkenntnis an, dass das Kind keine Fortschritte mehr macht und immerfort auf die Unterstützung anderer angewiesen sein wird. Der Moment, als die Hoffnung, die in den viel zu oft gesprochenen Worten „Warten wir doch einfach ab, wie weit er kommt in seiner Entwicklung, keiner weiß, was er alles lernen wird!“ mitschwingt, als diese Hoffnung zur Erkenntnis wird, dass es eigentlich der Weg ist und nicht das hoffentliche Dorthingekommensein. Wie fest steht man bei dieser Erkenntnis auf dem Boden? Woran halten sie sich fest? Sind sie manchmal traurig? Welchen Lebensentwurf mussten sie überdenken und wer hat ihnen die Richtung gewiesen? Tut ihnen der Rücken manchmal weh? Was ist ihre geheime Quelle?

Das alles wäre aber viel zu privat. Außerdem wird der kleine Herr Taugewas ins Sprechzimmer gerufen. „Viel Glück und alles Gute!“ wünscht mir die Mutter. Im Untersuchungsraum höre ich bald durch die Trennwand ihren aufgeregten Sohn. Mein Sohn lässt keine Untersuchung zu und wird deshalb im nächsten Monat in Narkose untersucht. Er windet sich auf meinem Schoß und gräbt seinen Kopf in meinen Schal. Die Dame aus dem Labor kann keinen Wert messen. Das ist keine schöne Erkenntnis, aber die Narkose ist notwendig. Viel schöner ist es, zu wissen, dass es das wirklich gibt, dass es ein erreichbarer Zustand ist. Ein sehr erstrebenswerter Zustand: Lachfalten. Und eine milde, warme Stimme zu haben. Ein altes Elternpaar eines behinderten Kindes zu sein. Sich nicht wie andere Eltern über den Studienabschluss oder den beruflichen Werdegang des Sohnes zu freuen, ihm nicht zur Geburt seines Kindes, zur eigenen Immobilie oder zur Heirat zu gratulieren. Sondern mit ihm zum Schwimmen oder ins Kontaktlinsenlabor zu fahren, so wie ich mit meinem Kleinkind. Zusammen zu lachen, bis Lachfalten kommen. So wie alle Eltern. Dass es das gibt.

2 Gedanken zu “Lachfalten

  1. Judith 14. Februar 2017 / 17:47

    Ich muss ein paar Tränen weinen beim Lesen deines Textes. All diese Fragen würden mir beim Anblick eines so souveränen Elternpaares auch einfallen und ich wäre manchmal so gerne schon ein paar Jahre weiter und wüsste, wie sich mein kleiner, behinderter Sohn entwickeln wird. Aber du hast Recht, der Weg ist das Ziel. Es wäre schade, auch nur einen Tag auf diesem Weg zu verpassen. Danke dir für diesen Text!

    Judith
    (in der Hoffnung, irgendwann mit einem Lächeln auf diese schöne und zugleich schwierige Zeit zurückblicken zu können und dann eine ganz ruhige und geduldige Mama geworden zu sein :o))

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    • Taugewas 20. Februar 2017 / 23:50

      Ich danke Dir für Deinen Kommentar :) Ich möchte auch manchmal in die Glaskugel gucken und wissen, wie sich alles entwickeln wird.. Vielleicht so wie bei diesem Elternpaar.. Alles Gute unbekannterweise Dir und Deinem Sohn!

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