Die Superkraft Autismus

Ich mag es, dass wir so eine große Familie haben. Also, dass ich auch alle kenne. Wir und die Oma und der Opa und deren Kinder und die Geschwister von Oma und die andere Oma und ihre Kinder und der Uropa. Viele aus meiner Schule kennen gar nicht alle aus ihrer Familie. Dass wir so viele sind und ich auch alle kenne, das finde ich gut. Wir sind wie eine lange Molekülkette.

Spricht das große Kind, noch ehe es begonnen hat, seine große Schüssel Milchreis zu essen.Eine Familie mit einer Molekülkette zu vergleichen ist toll, finde ich.

Das große Kind spricht viel. Sehr viel. Oft ist es inhaltsleer. Immer und immer wieder, gefühlt 1000 Mal am Tag, wiederholt er den selben Satz in Phantasiesprache. Früher, als er jünger war, da waren es monatelang die selben Sätze, bis diese durch andere abgelöst wurden. In der Endlosschleife hat er Miau heißt Piau gesagt. Oder Heureu, heureu. Diese stereotype sprachliche Besonderheit nennt man Echolalie und ist nicht selten bei Autisten vorzufinden. Jetzt gerade, seit Monaten, ist es Schickimokka. Immer und immer wieder. Manchmal nervt es ein bisschen. In der Schule ist er eher still. Er mokkat dort nicht, sagt er. Er reißt sich zusammen, um unauffällig zu sein. Dafür ist er hier er selbst. Wir reden Familiensprache. Die ist geheim. Er sagt: Du, Mama, die Familiensprache kennen nur wir, sonst keiner. Nur wir vier. Aber sprechen kann der kleiner Herr Schnuff ja nicht. Nun tanzt der Große mit mir den Mokkatanz, den er selber erfunden hat. Dazu mokkan wir das Mokkalied. Wenn ich sage, dass es ja ein Lied sei und er singen würde, verneint er dies. Es sei kein Lied, eher ein Sprechen. Singen tut er nicht. Auch im Musikunterricht bewegt er nur die Lippen, behauptet er. Jetzt in der Küche tanzen wir den Mokkatanz. Es ist eine Mischung aus dem Tanz von „Walk like an Egyptian“ von The Bangles und „Gangnam Style“ von PSY. Beide Musikvideos kennt er nicht, aber ich muss daran denken, wenn ich ihn tanzen sehe. Wir zwei können ausgelassen tanzen und singen dabei den Sprechgesang. So etwas geht nur zuhause, heimlich, und auch nur mit seinem eigenen erfundenen Lied und Tanz. Andere Lieder und Tänze, die ich vorschlage, findet er unschön bis schrecklich und ich soll bitteschön aufhören damit.

Zwischen verrückten Mokkatänzen und inhaltsleerem Vor-sich-hin-Gespreche erzählt dieses Kind jedoch auch von Familien-Molekülketten und von ganz anderen Dingen. Dinge, die wichtig sind für ihn.

Morgens frage ich: Hast Du dir die Zähne geputzt?

Daraufhin antwortet er: Hier, in dem Tütchen hier, da ist Luft eingesperrt!

Am Tisch fragt er: Also den Gärungsprozess von der Milch zum Käse, kann man den auch rückwärts ablaufen lassen? Vom Käse zur Milch?

Während ich auf dem Fußboden rieche und putze fragt er: Gibt es Jesus eigentlich schon immer?

Auf dem Spielplatz erklärt er mir: Ich gehe da in die Ecke, da sind nur Hunde. Hunde wedeln nur mit dem Schwanz, Menschen reden und sind laut!

In einem Buch1 von Christel Manske, die ich wegen ihrer inklusiven Pädagogik sehr schätze, schreibt sie von Donna Williams, „die den Autismus überwindet.“2 Den Autismus überwinden? Beim Anblick meines tanzenden Kindes, das in Phantasiesprache spricht, das so wunderbare sprachliche Bilder entwirft und seine Familie mit einer Molekülkette vergleicht, das voll und ganz in seinen Gedanken aufgeht, physikalische Prozesse beobachtet und hinterfragt, das still und aufmerksam seine Umwelt beobachtet, das philosophische und theologische Überlegungen anstellt, beim Anblick dieses Kindes, bei dem ich spüre, welche intensive Bindung entstehen kann, wenn wir uns nur darauf einlassen, ganz andere, nie dagewesene Wege zu gehen, ganz andere, nie dagewesene Sprachen zu sprechen, ganz andere, nie dagewesene Gedanken zu denken, beim Anblick dieses Kindes wünsche ich mir, dass er niemals den Drang verspürt, ebendiese Kraft, die in ihm wohnt, zu bekämpfen und überwinden zu wollen, sondern immerfort diese Kraft seinen Rückenwind und Antrieb werden lässt.

In den letzten Wochen ist eine Schranktür kaputt gegangen und Wut und Verzweiflung entstanden aus ebendieser Kraft, genauso wie die genialen Gedanken, wie das zarte Band, wie der Wunsch, lieber zu Hunden als zu Menschen zu gehen.

Ich spreche mit mehreren Lehrern und Rektoren, auf der Suche nach einer geeigneten weiterführenden Schule. Auf der Suche nach einer Schule, die diese Kraft nicht überwinden will, sondern sie als die erkennt, die sie ist. Das ist die Superkraft meines Sohnes. Superman kann superschnell fliegen und ist superstark. Kryptonit jedoch wirkt wie Gift und schwächt sogar Superman. Eine Schule sollte kein Kryptonit sein. Eine Schule sollte die Superkräfte stärken und einen Weg zeigen, diese konstruktiv einzusetzen. Jeder hat Superkräfte. Es kann eine Superkraft sein, statt eine Erdbeere einfach zu essen, sie minutenlang anzublicken, ihre Form und Struktur erfassen zu wollen, sie zu befühlen und über all ihre Besonderheiten in Einzelheiten aufzuzählen. Es kann eine Superkraft sein, statt geradeaus zu gehen, um ans Ziel zu kommen, am Wegesrand stehen zu bleiben, um eine Pflanze, manche Menschen betiteln sie vielleicht als Unkraut, näher zu untersuchen, um ihre weichen Blätter zu streicheln und sie von allen Seiten zu befühlen. Es kann eine Superkraft sein, sich mit Körper und Geist erfassen zu lassen von Regelmäßigkeit, von Ordnung, von Physik, Chemie, Biologie, von einem einzigen Satz, von Farben. Wer zu oft sagt „Iss doch! Lauf doch! Lass Dich nicht ablenken!“, der ist ein Kryptonit für jene Superkräfte.

1Manske, Christel, 2013. Inklusives Lesenlernen für Kinder ab drei. Berlin

2S. 125

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