Ich möcht´, dass Deine Tür offen steht. Und meine auch.

Ein unangenehm vertrauter Geruch steigt mir in die Nase: Desinfektionsmittel, leergeatmete Luft, kaltes Mittagessen und Pups. Über die Flure erstrecken sich an den Wänden Haltestangen aus hellem Holz. Vor den großen, hellen Fenstern stehen Grünpflanzen. Vor der Eingangstür rauchen zwei ihre Pausenzigarette. Eine alte Frau liegt eingekuschelt unter einer Decke und starrt ins Nichts. Hier war ich schon und war hier trotzdem nie. Ich kenne das und trotzdem kenne ich das hier nicht. Es riecht so wie es manchmal in dem Seniorenwohnheim roch, in dem ich als Teenie ehrenamtlich gearbeitet habe. Das hier ist jedoch ein Behindertenwohnheim.

Ich bin hier nur Gast. Eine Frau der Lebenshilfe begleitet mich hinein. Direkt vor der Eingangstür sitzt der jüngste Wohnheimbewohner mit angewinkelten Beinen auf dem Fußboden. Nennen wir ihn Stefan. Er ist 30 Jahre alt. Stefan hat eine Stoffpuppe in der Hand und stellt sich ganz nah neben mich. Seine Augen strahlen, als er mich anblickt. Er freut sich, dass ich hier bin. Und ich freue mich auch. Die Tür der Menschen, die hier wohnen, steht offen für mich. Ich möchte, dass meine Tür auch offen steht. Stefan hält mir jetzt seine Puppe direkt vor die Nase. „Oh, die hat ja gar nichts an!“ stelle ich fest. Das findet er urkomisch und beginnt vor Freunde zu kreischen. Dann gehen wir weiter. Stefan guckt mir ernst hinterher. Im Gruppenraum unterhalte ich mich mit einer Bewohnerin. Nennen wir sie Lore. Lore ist schon in Rente. Im Hintergrund kreischt und schreit Stefan. „Ach, der schreit immer so viel!“ beschwert sie sich. „Das ist bestimmt anstrengend.“ antworte ich und füge hinzu: „Stefan kann ja nicht sprechen. Deshalb schreit er. Ich kenne das. Ich habe ein Kind zuhause, das schreit auch, weil es nicht sprechen kann. Fast den ganzen Tag schreit es, wenn es etwas will.“ Lore lächelt mich an. Ja, wir beide, wir kennen das mit den schreienden Menschen. Wir müssen da durch, schließlich wohnen wir mit diesen Menschen zusammen. „Hast Du denn auch Jemanden hier, mit dem Du dich unterhalten kannst?“ will ich wissen. „Ja!“ sagt Lore. „Die Trudi. Mit der unterhalte ich mich gerne!“. Trudi ist auch schon in Rente und setzt sich zu uns. „Wie alt ist Dein Kind denn?“ will Lore wissen. „Er ist drei.“ sage ich. „Aber er ist behindert und deshalb kann er nicht sprechen. Ich habe aber auch noch ein Kind und mit dem kann ich auch sprechen. Der findet das Geschrei genauso schlimm wie Du Stefans Geschrei schlimm findest.“.

Erst heute morgen haben wir uns unterhalten. Er wollte wissen, weshalb Luther keine Frau war. Immer sind es die Männer, die in die Geschichte eingehen. Ich wollte etwas über Katharina Luther erzählen, holte ziemlich weit aus und erzählte erst mal etwas über seine Thesen und die Reformation, doch das kleine Kind schrie nach Aufmerksamkeit, deshalb hörte ich noch vor Katharina Luther auf zu erzählen.

Lore muss lachen. „Wie alt ist Dein anderes Kind?“ möchte sie wissen. „Er ist neun Jahre alt“ – „Ach, dann hat er ja bald Kommunion!“ – „Nee, wir sind evangelisch, da hat man keine Kommunion.“ – „Sondern Konfirmation, nicht wahr?“ – „Ja, genau, aber erst später, so mit 13 Jahren.“

Ich bin erstaunt, wie gut ich mich mit Lore unterhalten kann. Später mache ich einen Rundgang durch das Wohnheim. Viele der Bewohner sind gerade in der Werkstatt, deshalb ist es recht leer. Stefan hat Urlaub. Jetzt steht er wieder neben mir und wedelt lachend mit seiner Stoffpuppe vor meinem Gesicht. Dabei kreischt er vor Freunde, dass mir die Ohren klingeln. Ungeschickt läuft er die Treppen rauf und runter. Stefan erinnert mich an mein kleines Kind. Wenn ich in seine Augen schaue, beginnt er vor Freunde zu lachen und zu kreischen. Meine Augen blicken im Wohnheim umher. Rollstühle stapeln sich in einer Ecke. Die andere Ecke ist lichtdurchflutet von den großen Fenstern. Die Frau von der Lebenshilfe erklärt mir alles ganz genau. Ich habe viele Fragen. Eigentlich bin ich studiumsbedingt hier. Mit ein bisschen Einfallsreichtum schafft man es, die Seminararbeit thematisch so zu biegen, dass die Befragung im Behindertenwohnheim stattfinden kann. Mit Trudi und Lore. Uneigentlich bin ich auch hier, um mich mental dem Thema Behindertenwohnheim anzunähern. Wohnen und leben soll Freunde machen.

Damals, als eine neue Bewohnerin in das Seniorenheim zog, waren ihre Familienangehörigen bei ihr. Als ich erfuhr, dass es ihr erster Tag im Heim ist, strahlte ich in meiner unbefangenen Jugendlichkeit die Leute an und meinte, dass das ja schön sei. „Psst“ stupste mich meine Freundin an. Das sei nicht schön für die Leute, dass ihre Mutter jetzt ins Heim muss. Ach so. Ich schämte mich und versuchte, ernst auszusehen. Ich glaube, das hat nicht geklappt. Ich sah einfach nur rot und beschämt aus.

Ich will sagen: Wie schön, dass Du hier bist! Willkommen hier. Hier wohnst und lebst Du jetzt. Es soll nicht traurig sein für Dich. Nur anders.

Ich will das sagen. Auch zu denen, die in ein Wohnheim ziehen. Es ist schön, dass Du hier bist. Es ist schön, Dich zu sehen. Damals haben wir „Komm lieber Mai und mache“ und „Im Märzen der Bauer“ mit den alten Leuten gesungen. Wir sind mit ihnen spazieren gegangen und haben ihnen Essen angereicht. Wir wollten zeigen: Es ist schön, hier mit Ihnen zu sein!

So will ich es. Dass es schön ist. Dass die Türen geöffnet sind. Ja, manchmal ist es laut, weil einer kreischt. Aber es ist auch schön, weil es Jemanden gibt, mit dem ich sprechen kann. Der mit mir spricht. Mit mir lacht. Der sich freut, wenn ich mich freue. Der mit mir tanzt. Die Türen sollen geöffnet sein. Vielleicht bringe ich irgendwann, in zwanzig Jahren oder so, meinen kleinen Sohn durch eine solche Tür. Dann möchte ich, dass dahinter Jemand steht, der sagt: Es ist schön, dass Du hier bist!

Solche Leute gibt es. Ich kenne einen. Er ist sechs Jahre alt und kleinwüchsig. Er ist sogar kleiner als mein kleines Kind. In der Garderobe der Kita ziehe ich meinem Kind Schuhe und Jacke aus. Mein Kopf ist dabei ganz nah an ihm. Er umarmt mich überschwänglich und zieht mir schmerzhaft an den Ohren. Der Junge guckt mir dabei zu. „Ja, das macht der immer! Immer, wenn man nahe bei ihm steht. Aber weißt Du was? Ich umarme ihn dann immer so. So auf diese Art.“ der Junge umschließt seine Arme um den Körper des kleinen Taugewas. „So umarme ich ihn dann immer. Dann kann er nicht mehr an den Ohren ziehen! Oder ich mache Handabklatschen mit ihm. Dann sind seine Hände auch nicht an meinen Ohren!“. Die beiden geben sich ein High Five. Beide lachen. Es gibt sie: Menschen, die sich nicht abwenden, wenn einer schreit und an den Ohren zieht, sondern ihn nur umso fester umarmen. Menschen, die sich abklatschen. Die eine Möglichkeit finden, sich zu mögen. Und die zeigen: Es ist schön, dass Du da bist!

6 Gedanken zu “Ich möcht´, dass Deine Tür offen steht. Und meine auch.

  1. Charlotta Stracke 26. März 2017 / 11:45

    Wie wunderbar du das geschrieben hast!
    Ja genauso stelle ich mir das auch vor..ich habe gerade in einer neurologischen Rehaklinik eine neue Arbeitsstelle angefangen und dort sind viele Patienten die entlassen werden, mit dem Wissen das sie nicht mehr in ihr altes Leben zurück können. Ich wünsche mir für jeden Einzelnen, das er oder sie eine offene Tür mit einem lächelnden Menschen findet, der sagt: „Wie schön das du hier bist“.
    Ganz liebe Grüße Lotta

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    • Frau Taugewas 13. April 2017 / 8:09

      Liebe Lotta,
      Danke für Deine Worte.
      oh, das wünsche ich den Patienten bei Dir in der Klinik auch! Eigentlich wünsche ich es allen, die in so einer Situation sind.
      Liebe Grüße :)

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  2. Kerstin 28. März 2017 / 23:14

    Ich wünsche mir, dass es viel mehr Frauen Taugewas auf dieser Welt gibt. Die es so sehen wie du und auch so meinen. Gott sei Dank gibt es sie diese Heime, wo jeder willkommen ist. Die Nichte meines Mannes hat das Downsyndrom und zieht jetzt mit Mitte 20 auf eigenen Wunsch in solch ein Traumheim, weil sie sich durch ihre Freunde dort jetzt schon in diesem Haus Zuhause fühlt. Und genau so soll es sein.
    Und das ist es was ich deinem Kleinen von Herzen wünsche: das er ein Zuhause hat , immer und ganz gleich mit wem.
    Liebe Grüsse, Kerstin

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    • Frau Taugewas 15. April 2017 / 7:40

      Liebe Kerstin,
      endlich komme ich mal dazu, zu antworten, ich wollte nämlich noch Danke sagen für Deine lieben Worte!
      Wie toll zu lesen, dass es von den Heimen, wo jeder willkommen ist, tatsächlich welche gibt und auch, dass die Nicht Deines Mannes dort leben kann!! :)
      Liebe Grüße!! :)

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  3. Ideenfülle 29. März 2017 / 10:57

    Wie schön deine Zeilen sind. Mit so viel Herz. Danke dafür. Ich hoffe auch, dass es viele solcher Menschen gibt – in allen Lebensbereichen. Nein, eigentlich weiß ich es ;-) Liebe Grüße, Manuela

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    • Frau Taugewas 15. April 2017 / 7:41

      Liebe Manuela,

      dankeschön Dir! Ich spüre auch immer wieder, dass es solche Menschen gibt..
      Liebe Grüße :)

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