Anleitung zum satt werden. Und: die erstwichtigste Sache der Welt

Anleitung wie man in zwei Stunden satt wird und Menschen kennen lernt.

Ihr braucht:

  • Ein Kleinkind, nonverbal und niedlich
  • Öffentliche Plätze
  • Zeit

Vorgehen am Bahnhof:

Das Kind stellt sich an den Süßigkeitenautomaten, zieht wahllos Leute an den Händen vor den Automaten, bis einer es fehlinterpretiert und denkt, dass Kind möchte den Inhalt des Automaten.

Ergebnis: Zwei Kinderriegel und ein lachendes Kleinkind auf dem Arm eines jungen Mannes.

Vorgehen in der Bahn:

Das Kind wandert durch das Abteil, bis es Leute antrifft, die ihr Essen teilen möchten.

Ergebnis: Eine halbe Chipstüte, eine Banane und ein wunderbar nettes Gespräch mit einer Familie.

Vorgehen im Supermarkt:

Das Kind rennt von der Kasse zur Bäckerei und räumt dort wahllos das Regal mit den Getränkeflaschen aus.

Ergebnis: Ein Brötchen und lachende Gesichter von ziemlich vielen drumherum.

 

Vom Hühnchengott.

Im Park findet das große Kind ein kleines, rundes Etwas und klebt es sich auf die Stirn.

Kind: „Ich bin ein König“.

Ich: „Bist Du vielleicht ein Hinduist mit Deinem Punkt da auf der Stirn?“

Kind: „Was bin ich?“

Ich: „Ein Hinduist. Also einer, der dem Hinduismus angehört. Das ist eine Religion.“

Kind: „Nein, ich gehöre nicht dem Hinduismus an. Aber dem Hühnchenismus.“

Ich: „Was ist das denn? Gibt es da den Hühnchengott?“

Kind: „Der Hühnchenismus ist so wie das Christentum. Da gibt es nur einen Gott, aber der heißt nicht so. Jeder kann den so nennen wie er will. Zum Beispiel Hühnchen. Oder auch Elefantenspitzmaus. Und da wird auch nicht sowas behauptet wie in der Bibel, dass der über Wasser gehen kann und so. Das ist viel naturwissenschaftlicher. Und die Gebete sind moderner. Aber die Gesetze, also die Gebote, die von Mose, also die sind die selben. Die sind gut.“

Ich: „Ah, so ist das also. Das klingt schon ähnlich wie beim Christentum. Nur eben die alten Geschichten aus der Bibel nicht?“

Kind: „Ja, die nicht. Aber: In der Bibel steht auch, dass man Geflüchtete nicht misshandeln soll. Das ist wichtig!“

 

Von der wichtigsten Sache der Welt.

Ich rufe zum Abendessen. Das Großkind trampelt wie ein Elefant durch die Wohnung und schreit:  „Jaaaa, Essen!“.

Ich: „Ruhiger bitte! Nicht so aufgedreht.“

Kind: „Aber Essen ist die zweitwichtigste Sache auf der Welt!“

Ich: „Und was ist für Dich die wichtigste Sache auf der Welt?“

Kind: „Meine Gefühle!“

Kind, Du hättest keine bessere Antwort geben können! Wenn ich mir nur eine Sache aussuchen könnte, die wir Eltern diesem Kind vermitteln können, dann diese: Du und Deine Gefühle sind wichtig und gut und es wert, wahrgenommen und gefühlt zu werden durch Dich und Durch andere. Und nichts materielles, keine Note auf dem Zeugnis, kein Kommentar von irgendwem, niemand und nichts soll für Dich so wichtig sein wie Du selbst und Deine Gefühle.

4 Gedanken zu “Anleitung zum satt werden. Und: die erstwichtigste Sache der Welt

  1. Ideenfülle 1. August 2017 / 16:48

    Auch gut zur Kontaktaufnahme: Mehrere Menschen wollen einen Postkartenständer drehen :-) Auch für Große gut geeignet, um nette Begegnungen zu „provozieren“. Und wahre Worte im zweiten Teil, danke :-) So schön, dass die Vermittlung geglückt ist – das passiert nicht immer…
    Wirklich schöne Begebenheiten aus eurem Alltag…

    Gefällt 1 Person

    • Frau Taugewas 18. August 2017 / 2:42

      Ja das stimmt, das glückt nicht immer und ich bin sehr dankbar, dass er so empfänglich ist dafür :)
      Viele Grüße an Dich!

      Gefällt mir

  2. E 2. August 2017 / 9:43

    Ich liebe diese Geschichten die euer Leben schreibt. Sie sind so echt, so voller Gefühl.
    Elke

    Gefällt 1 Person

    • Frau Taugewas 18. August 2017 / 2:41

      Danke Elke :) Liebe Grüße an Dich!

      Gefällt mir

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