Umsetzungskompetenz und Fahrzeitoptimierung

Umsetzungskompetenz ist das Wort der Woche.

Sagt zumindest mein Mann und schreibt Listen, was er wann erledigen wird.

Ich bin Meisterin in sich-Sachen-vornehmen-und-sie-dann-ewig-vor-sich-herschieben.

Das Regal in der Vorratskammer aufräumen. Den Schreibtisch aufräumen. Mehr Sport machen. Den Balkon hübsch machen. Die Mail der Freundin beantworten. Die Brille zum Optiker bringen. Das Bücherregal im Kinderzimmer ausmisten. Das Bild, das an jenes Regal gelehnt ist, aufhängen. Den Bibliotheksausweis suchen und finden. MIt dem Kind Brombeeren pflücken, wie versprochen. Aus den Brombeeren Marmelade kochen. Früher ins Bett gehen. Den Krimi zu Ende lesen. Den Grund suchen und finden, weshalb der Kühlschrank merkwürdige Wasserpfützen ansammelt. Das angerissene Buch zusammenkleben. Das Loch in der Hose zunähen. Die geliehenen Bücher zurückbringen. Die Vokabeln auf Kärtchen schreiben und üben. Sohnemanns Namen auf Klebeetiketten schreiben und auf die Schulsachen kleben. Altkleider wegbringen. Den ominösen Fleck an der Küchenwand wegmachen. Und so weiter und so fort.

Die Liste ist unendlich lang, aber vom Aufzählen wirds ja auch nicht besser, nicht wahr?

Umsetzungskompetenz fehlt mir also, denke ich während ich in der überfüllten Bahn stehe, das Baby vor den Bauch gebunden. Es schwitzt. Ich auch. Wir sind auf dem Weg zur Krankengymnastik.

Was mache ich denn den ganzen Tag bitteschön, wenn nicht Flecken wegwischen und Bücher kleben, Vokabeln lernen und Krimis lesen?

Vor allem Bahn und Bus fahren. Zum Kindergarten und zurück. Zur Krankengymnastik und zurück. Zur Uni und zurück. Oder Rad fahren. Zum Sport und zurück. Zum Einkaufen und zurück. Manchmal auch zu Fuß gehen. Zum Arzt und zurück. Zum Gottesdienst und zurück. Manch einer meint, der Mensch verschläft ein Drittel seines Lebens, das mag ja sein, aber ist es nicht eine viel größere Ungeheuerlichkeit, dass zumindest ich ein Drittel meines Lebens damit verbringe, von A nach B zu kommen?

Fahrzeitoptimierung ist das zweite Wort der Woche, denke ich und beginne, in Gedanken das griechische Alphabet aufzusagen. Klappt.                                                                       Zur Sicherheit krame ich die Vokabalkärtchen raus und prüfe nach. Mist, ich hab Λ, λ vergessen. Dafür ist das Baby nun wach geworden beim Kramen in der Tasche. Es schreit, weil es noch müde ist. Die Leute gucken. In ihren Gesichtern kann ich ihre Gedanken erahnen.  Es würde mich nicht wundern, wenn nun die ein oder andere ältere Dame zu mir kommt und halb mitleidig und halb vorwurfsvoll so etwas sagt wie „Och was hat sie denn? Ist doch Mädchen, oder?“.  Während ich also meinen ganzen Körper wippend hin- und herschaukel, dabei dem Baby beruhigend auf den Popo klatsche – nur nicht zu dolle, sonst sprechen einen die Kinder an, wieso ich das Baby schlage (alles schon erlebt!) – und mich gleichzeitig an der Stange in der Bahn festhalte um nicht aus der nächsten Kurve zu fliegen, antworte ich lächelnd, dass es ein Junge ist und er müde ist. Ganz ruhig und freundlich, aber laut genug, damit es die anderen Leute noch mitbekommen und mich nicht ebenfalls fragen.  Dabei ignoriere ich die Schweißperlen, die mir vor Stress und Hitze die Stirn entlang fließen und  strahle eine Seelenruhe aus, wissend, dass sich gleich all die Leute, die jetzt noch höchst interessiert zugucken, wie ich das schreiende Baby in der Trage schaukel, ziemlich beschämt wegdrehen oder angestrengt aus dem Fenster oder auf ihr Handy starren, wenn ich dem Schreihals meine Brust in den Schabel stecke. In der Bahn. In der Babytrage. Unerhört! Aber still ist es nun.

Bei der Krankengymnastik angekommen erfahre ich, dass der Termin heute ausfällt, man habe mich leider nicht telefonisch erreichen können. Wieder Schweißperlen. Wieder lächeln. Macht doch nichts, sage ich und hinterlasse meine Telefonnummer.

Auf der Rückfahrt im Bus ist es still. Das Baby schläft, ich genieße das Drittel meines Tages, das ich busfahrend verbringe. Ich bin mir nicht sicher, ob ich nicht doch einen Zahlendreher hatte als ich die Telefonnummer hinterlassen hatte eben. Macht nichts, sage ich mir und denke über den ominösen Fleck an der Küchenwand nach. Die Umsetzungskompetenz kann mich mal.

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