Brot für die Diebe

Wenn bestimmte Dinge anders laufen als erwartet, ist es an der Zeit zu lernen, wie Umdenken funktioniert.  Ich kann voller Überzeugung behauptet haben, dass es mir zwar wichtig sei, meinem Kind meinen Glauben nahe zu bringen, es schlussendlich jedoch selbst entscheiden soll, ob es etwas damit anfangen kann und woran es glaubt. Wichtig sei doch, dass das Kind überhaupt einen Weg zur Religiosität und Spiritualität findet und von der Existenz dieser Kräfte weiß und diese spürt. Ob es später Christ oder Moslem oder Buddhist oder etwas ganz anderes wird, das sei zwar nicht nebensächlich, aber würde mich als toleranten Menschen nicht stören, sondern vielleicht sogar bereichern. Oder sogar ganz bestimmt.  So weit, so gut. Auf jeden Fall jedoch sollte der Glaube an eine höhere, mit Liebe umgebende Kraft das Kind erreichen. Eine Kraft, die durchs Leben trägt, tröstet und Hoffnung schenkt.

Ist nun Umdenken angesagt, frage ich mich, als mir mein Erstklässler erklärt: „Irgendwie denke ich, das stimmt nicht mit den Geschichten über Gott!“

Er argumentiert naturwissenschaftlich. Alles würde irgendwann mal zerfallen, alle Isotope. Die Geschichten aus der Bibel überzeugen ihn nicht.   Ich merke, er stellt infrage, was vorher in seinem Kinderglauben eine Selbstverständlichkeit war. Und ich verstehe ihn. „Hör zu“, sage ich, „die Geschichten in der Bibel über Jesus stimmen zum größten Teil. Menschen, die ihn gekannt haben, haben ihre Begegnungen aufgeschrieben. Und ja, wir wissen mittlerweile, dass die Erde nicht in sechs Tagen entstanden sein kann. Du musst auch nicht daran glauben. Es ist okay, den Gottesdienst langweilig zu finden. Die Geschichten in der Bibel dürfen dir alt und unwichtig erscheinen. Du findest für die tollen Dinge in der Natur ganz bestimmt Antworten in der Biologie, Physik, Chemie. Aber eines möchte ich, dass Du weißt: Dass der, der am Anfang stand, am Anfang des Urknalls, der alles erfunden hat. Der alles einmalig macht und dich so geschaffen hast, wie du bist, dass der dich und alles andere auf dieser Welt liebt“.  „Auch die Diebe?“. „Auch die Diebe. So ist Gott. Wir Menschen tun uns schwer, die zu lieben, die uns nicht nahe sind. Aber Gott schafft das“. „Wenn er ein Brot hat, dann teilt er es in gleich große Stücke und gibt jedem davon. Auch den Dieben!“

Noch ist Umdenken nicht angesagt, denke ich mir. Doch trotzdem möchte ich umdenken. Ich blicke in mich hinein. Vor meinem inneren Auge sehe ich ihn in ein paar Jahren bei seiner Konfirmation. Doch was fühle ich, wenn er sich dagegen entscheiden sollte? Kann ich wirklich voller Überzeugung behaupten, sein Bekenntnis sei nebensächlich?

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