Autismus ist keine Nebensache

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Autismus ist keine Beleidigung. Und auch keine Nichtigkeit, keine Nebensache. Autismus ist nicht: „Ach, die sitzen still hinten in der Klasse, davon merkt man ja kaum was, so unscheinbar wie die sind.“ und Autismus ist auch nicht: „Wie können die denn sagen, er ist Autist? Darf heutzutage denn niemand mehr besonders und individuell sein ?“

Doch, still in der Klasse sitzen geht. Mit und ohne Autismus. Besonders und individuell geht auch. Mit und ohne Autismus.  Das geht alles. Autismus zu bagatellisieren und als kaum bemerkbar abzutun, Autismus beinahe als Schimpfwort und Unerhörtheit zu interpretieren, das geht aus meiner Sicht nicht. Und trotzdem erlebe ich es. Trotzdem treffe ich auf Menschen, die so denken und uns es erfahren lassen, dass sie so denken. Und das nicht mal aus Abneigung mir oder meinem Sohn gegenüber. Nein. Es sind Menschen, die kompetent und erfahren sind im Umgang mit Kindern und anderen Menschen. Diese Aussagen sind motiviert durch Nettigkeit, durch das Bedürfnis, ausdrücken zu wollen „So anders ist Ihr Sohn gar nicht, ihr gehört dazu zu dieser Gruppe. Zu dieser Gesellschaft.“. Ich verstehe diese Botschaft dahinter und nehme es keinem übel.

Die (Regelschul-) Lehrerin, die auf dem Elternabend behauptet, autistische Kinder seien eher unscheinbar und still, die möchte ausdrücken, dass sie autistische Kinder nicht als sonderbar, sondern als besonders wahrnimmt, dass sie offen Gegenüber behinderten Menschen ist, dass sie positiv über autistische Menschen denkt. Was bei mir zusätzlich ankommt ist jedoch auch, dass sie in ihrem Leben möglicherweise nicht viele autistische Menschen getroffen hat, sonst könnte sie nicht so verallgemeinern. Und, dass sie nicht die autistische Menschen kennt, die laut schreiend mit strampelnden Füßen auf eine Tür eintreten. Bei mir kommt auch an, dass sie Autismus nicht in seiner Ganzheit kennt.

Die Kinderärztin, die nach der U10 sagt, dass mein Sohn – bis auf die Sprachentwicklung und den Autismus – eine gute Entwicklung macht, dass er ja wie er hier so wirkt nicht merkbar autistisch scheint, es ja eine große Bandbreite gibt von wirklich schweren Fällen und er ja gut zurecht zu kommen scheint. Das wichtigste sei, dass er sich wohl fühlt und zufrieden ist. Und dass ja jeder Mensch autistische Züge hat, mehr oder weniger ausgeprägt, und die Diagnose eigentlich nur nützlich ist, um Therapien, die er benötigt, wie Logopädie und ähnliches durchzusetzen und sie sich ansonsten eher schwer tut mit so einer Diagnose, die eher wie ein Stempel wirkt. Diese Kinderärztin kann ich sehr gut verstehen. Ich tue mich auch schwer mit dieser Stempel-Diagnose. Und dass er zufrieden ist, scheint mir auch die Hauptsache zu sein. Ja, ich finde auch, dass er oft nicht autistisch wirkt. Und ich bin auch froh, dass er kein Autist ist, wie solche, die ich in der Behindertenwerkstatt kennen lernen durfte. Er kann sprechen, auf die Toilette gehen, er ist fähig, sich auf vielfältige Weise auszudrücken. Ja, ich finde auch, dass das Autismusspektrum groß ist und wahrscheinlich alle Menschen die eine oder andere autistische Verhaltensweise haben. Die Ärztin hat eine Einstellung, die ich auch teile. Inklusive der Ansicht, die Diagnose sei meist nur eine gute „Eintrittskarte“ für Therapien. Die Erfahrung habe ich auch gemacht.  Was ich jedoch auch raushöre ist, dass sie bestimmt nicht mit autistischen Menschen im nahen familiären Umfeld zu tun gehabt hat. Dass sie nicht weiß, dass Autismus, gerade wenn es eine leichte Form ist, die ein Leben in vollständiger Selbstständigkeit nicht ausschließt, ein tägliches Ringen um Normalität und Akzeptanz ist. Dass ein autistischer Mensch unglaublich viel Energie aufwenden muss, um nicht merkbar autistisch zu wirken. Und dass dieser Aufwand oft auf Kosten der Zufriedenheit, der Hauptsache, geht. Das ist eine große Last. Das ist der eigentliche Leidensdruck.

Die Person, die hört, dass dieses wunderbare Kind, Autist sein soll, also einer dieser Menschen, die unempfindlich sind für soziale Interaktion und Zwischenmenschlichkeit, die es nicht glauben kann, nicht glauben will, die sagt, dass die Ärzte und Psychologen vorschnelle Diagnosen geben, dass heutzutage kein Kind mehr besonders und individuell sein darf, sondern direkt eine Diagnose bekommt, diese Person möchte eigentlich etwas anderes sagen. Am meisten sagt diese Haltung etwas über sie selbst aus. Ich höre: Mein Bild von Autismus ist negativ und nicht zu vereinbaren mit dem Bild, das ich von diesem Jungen habe, den ich doch so gern mag.  Ich weiß, dass dahinter nichts weiter steht als Unwissenheit über Autismus, vielleicht auch ein paar vorschnelle Vor-Urteile. Ich kann die Botschaft dahinter raushören: Ich mag diesen Jungen und ich sehe ihn an, nur ihn, keine Krankheit, keine Diagnose, ich will seine Besonderheit als Besonderheit wahrnehmen, nicht als etwas, das therapiewürdig ist. Trotzdem schmerzt es auch, solche Aussagen zu hören, denn dadurch wird mir bewusst, dass Autismus oft negativ behaftet ist, dass es beinahe eine Beleidigung ist. Dass viele Menschen nicht viel über Autismus wissen und sich nicht öffnen können oder möchten.

Ich selber kenne nur eine handvoll autistischer Menschen und davon nur zwei wirklich gut. Ich kann daher ebenfalls nicht verallgemeinern. Ich möchte das auch nicht. Menschen sind verschieden. Autismus ist still oder laut, merkbar oder fast unsichtbar. Autismus kann vieles sein. Aber niemals ist es eine Bagatelle, eine Kleinigkeit. Autismus ist auch keine Beleidigung, nichts schlimmes oder abwertendes.  Wenn Jemand diese Diagnose hat, dann, weil diese Person Schwierigkeiten, Probleme und Leidensdruck hat. Und zwar waren und sind diese offensichtlich so schwerwiegend, dass diese Person oder die Angehörigen damit zu Ärzten und Psychologen gegangen sind. Das ist keine Kleinigkeit. Das als Nichtigkeit anzusehen, spricht demjenigen die Ernsthaftigkeit der Situation ab. Den Leidensdruck, der dahinter steht.  Die Diagnose Autismus kann erschrecken, verunsichern, stutzig machen, sie kann uns zweifeln lassen, sie kann erleichtern und erklären. Niemals macht sie einen schlechteren, weniger liebenswerten, sittenlosen oder kümmerlichen  Menschen aus uns. Und deshalb ist die Diagnose Autismus auch keine Beschimpfung oder Herabsetzung.

Ich weiß nicht, was Autismus ist und ob ich je in der Lage sein werde, es herauszufinden und in Worte zu fassen. Es gibt Situationen, da spüre ich die Blicke. Die Blicke der Menschen, die nicht wissen, was los ist.  Dann denke ich an den Satz, den ich  hier gelesen habe: Autismus ist nicht deine Schuld.  Anfangs habe ich den Satz nicht verstanden. Wieso überhaupt eine Schuldfrage stellen und klären wollen? Doch dieser Satz tröstet und hilft. Autismus ist kein Erziehungsfehler. Autismus ist nicht deine Schuld.

 

 

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