Inklusion von Autisten in der Arbeitswelt

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Die Fachzeitschrift  IX schreibt in der Ausgabe von Juli 2015 über Autisten in der IT-Branche. In dem Artikel wird erwähnt, dass schätzungsweise 50 – 90 Prozent der Autisten arbeitslos sind.  Woran könnte das liegen?  Die Anforderungen, die an Arbeitnehmer gestellt werden, sind neben der fachlichen Kompetenz auch sogenannte „Soft Skills“, also soziale Kompetenzen.  Genau hier hakt es anscheinend, denn fachliche Fähigkeiten können autistische Menschen sich ebenso schnell oder sogar noch schneller anlernen als Menschen ohne Autismus.  Was genau soziale Kompetenzen sind, kann man bei Wikipedia lesen:

Soziale Kompetenz in Bezug auf Zusammenarbeit:

Das alles klingt sehr theoretisch und je nach Arbeitsstelle sind die Anforderungen auch unterschiedlich.  Was genau behindert einen Menschen mit autistischem Wesenszügen sich an seinem Arbeitsplatz wohl zu fühlen? Wie unterscheiden sich die Bedürfnisse?

„Ich bin ein Hammer und kann Nägel in die Wand schlagen. Und nur dafür möchte ich verwendet werden. Ich bin aber kein anderes Werkzeug und möchte auch nicht diese Arbeiten übernehmen.“  Diese wunderbare Metapher meines Partners bringt das auf den Punkt, was ihm persönlich wichtig ist in seiner Position als Arbeitnehmer.  Berechenbarkeit und Ordnung in den Anforderungen.

Autismus ist nicht gleich Autismus und ich finde, es ist ganz schwer abzugrenzen von sozialer Angst aufgrund von Wahrnehmungsstörungen. Es ist auch schwer abzugrenzen von Wahrnehmungsstörungen im Allgemeinen. Die Grenzen verlaufen fließend. Wenn der Lärm am Arbeitsplatz, aber auch der Kinderlärm zuhause oder die Dauerbeschallung im Supermarkt zu Stress führt, ist das gleich Autismus, ist es eine auditive Wahrnehmungsstörung oder ist es normal? Ebenso kann ich mir die Frage stellen, ob es taktile Wahrnehmungsstörungen sind, wenn ein „Rempler“ am Bahnsteig sich mehr als Unangenehm anfühlt oder ob es ein Zeichen einer autistischen Störung ist. Vielleicht sind es andere Denkmuster, andere Sinnesverarbeitungen und vielleicht ist Autismus auch nur eine sehr spezielle Form von Wahrnehmungsstörung?

Festzuhalten ist, dass Menschen mit besonderer Über- oder Unterempfindlichkeit in ihrer Wahrnehmung, Menschen mit anderer Gefühlssprache, dass diese Menschen offenbar nicht entspannt arbeiten können an einem „normalen“ Arbeitsplatz.

Soziale Interaktion kostet unheimlich viel Kraft und nimmt einen Großteil der Ressourcen in Anspruch, sodass diese Menschen ständig unter Stress stehen. Den Arbeitskollegen auf dem Flur zu grüßen kostet Kraft. In der Mittagspause Smalltalk zu halten kostet Kraft. Unvorhersehbare Anrufe entgegen zunehmen kostet Kraft. Vielleicht möchte man sich als Mensch mit einer Störung im Autismusspektrum selber beruhigen, indem man sich hin- und herschaukelt, an irgendeinem Notizblock nestelt oder denkenderweise den Flur auf- und abläuft. Das alles nicht zu tun oder aber es zu tun und zu ertragen, wenn andere deswegen gucken, kostet Kraft. Dem Gesprächspartner in die Augen zu gucken kostet Kraft. Kommunikation kostet Kraft und ist doch unumgänglich. „Man kann nicht nicht kommunizieren“ (Paul Watzlawick).

Weil all diese Nebensächlichkeiten 80% der Kraft rauben, dann ist es kein Wunder, wenn 50-90% der autistischen Menschen arbeitslos sind. Wenn ein Arbeitnehmer nur noch 20% seiner Kraft in die eigentliche Arbeit stecken kann, dann wird er seinen eigenen Ansprüchen oder die des Vorgesetzten nicht gerecht. Im Zweifel wird so ein Mensch sogar psychisch krank, vielleicht depressiv oder bekommt ein Burn-Out. Unter diesen Umständen kann man nicht glücklich werden und erfolgreich arbeiten. Im schlimmsten Fall wird dieser Umstand als menschliches Versagen gewertet: Zu blöd zum Arbeiten. Der kann sich nicht motivieren. Nicht konzentrieren. Der hatte ja nicht mal Lust, mit seinen Kollegen zu sprechen.  Von Außen mag es so aussehen. Was dahintersteckt vermögen die wenigsten Menschen zu wissen. Wie sollten anderen Menschen das auch wissen, die Gedankenlese-Maschine und Gefühlelese-Maschine ist noch nicht erfunden. Es ist auch verständlich, dass autistische Menschen nicht bei ihrem Chef offen ansprechen möchten, dass sie eine Autismusdiagnose haben. Es gibt gute Gründe, das nicht zu tun. Angst vor Vorurteilen. Zweifel an der eigenen Diagnose. Das Bedürfnis, normal behandelt zu werden und keine Sonderstellung zu bekommen.

Leben und arbeiten in einer Welt, die ununterbrochen kommuniziert und interagiert. Das gestaltet sich schwierig und umständlich, wenn das Konzept von der Sprache nicht das selbe ist wie das der Mitmenschen. Kommunikation ist viel mehr als nur in Zeichen kodierte Information. Jede Form von Kommunikation zwischen Menschen ist auch gebunden an soziale Konvention.

Um die anfangs gestellte Frage aufzugreifen: Woran könnte es liegen, dass so viele qualifizierte autistische Menschen arbeitslos sind? Wahrscheinlich liegt es daran, dass die meisten Arbeitsstellen ein zu hohes Maß an Kommunikation und Interaktion und an akustischen und visuellen Reizen abverlangen als für autistische Menschen erträglich ist. Möglicherweise liegt es auch daran, dass Autismus oft auch tabuisiert wird, dass autistische Menschen sich schämen oder zu oft negative Erfahrungen gemacht haben, es gibt viele Gründe.

Die Inklusion behinderter Kinder an Schulen mit gemeinsamen Unterricht ist seit der UN-Behindertenrechtskonvention ein großes Thema. Doch Inklusion am Arbeitsplatz wird kaum beachtet. Wo in Schulen eine individuelle Förderung angestrebt wird, kommt es in der Arbeitswelt auf Effizienz und Gleichschritt an. Wen ein Telefonat überfordert, wer nicht teamfähig ist und spontan, der ist schnell ausgeschlossen und wird für unfähig erklärt.  Firmen wie SAP streben bereits an, 1% autistische Menschen einzustellen, da die fachlichen Fähigkeiten oftmals herausragend sind, doch für mich hat das trotz des Engagement einen bitteren Beigeschmack. Inklusion bedeutet für mich, dass wirklich jeder – ob mit oder ohne Diagnose, Besonderheit – einzigartig ist und gleichwertiger Teil der Gemeinschaft. Absichtlich Menschen mit Behinderung einzustellen – sei es wegen einer Behinderten-Quote oder aufgrund ihrer besonderen Fähigkeiten – ist eine erneute Distanzierung von Inklusion. Das ist Separation unter dem Deckmantel der Inklusion. Aber immerhin ein Ansatz. Und wenn ich ehrlich zu mir bin, dann halte ich es selber für eine Utopie, dass wir Menschen, die in unseren Genen eine natürliche Ablehnung gegenüber fremdartiges, ungewohntes tragen, es jemals schaffen werden, komplett alle Vorurteile abzubauen und unser Schubladendenken abzulegen.

 

3 Gedanken zu “Inklusion von Autisten in der Arbeitswelt

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