Dem Stuhl sei Dank

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Hallo Stuhl. Da bist du. Du bist ein Therapie-Stuhl. Ein Reha-Stuhl. Kein normaler Stuhl. Kein Hochstuhl aus Holz, kein Kinderstuhl am Basteltisch. Jetzt stehst Du bei uns in der Küche. Hast Rollen und Stützen und Gurte. Du bist uns eine Hilfe. Du hilfst dem kleinen Kind beim Sitzen. Mit dir sitzt er viel stabiler. Er kann nicht alleine stabil und lange sitzen. Das ermüdet ihn. Er hat nicht genug Kraft.

Dafür hat er jetzt dich. Dafür bist Du da.

Wäre unser Kind komplett gesund, dann bräuchten wir dich nicht. Und in unserer Küche stünde ein Hochstuhl aus Holz. Du bist wie die Kontaktlinsen. Wie die Brille. Da wo der Körper nicht kann, da seid ihr.

Ihr seit Hilfsmittel.

Und immer wenn ich Euch sehe, dann erinnert ihr mich daran, dass dieses Kind nicht so gesund ist wie andere gesund sind. Und trotzdem.

Trotzdem ist es bereits so normal mit Dir. Und den Linsen.

Ich will sagen: Danke, dass ihr da seid, ihm und uns helft.

Hier steht keine Sauerstoffpumpe, Magensonde, Liegerollstuhl oder ein Blindenstock.

Ihr seid im Vergleich ziemlich harmlos und erschreckend unerschreckend.

Wenn ihr nicht da seid, dann merke ich das. Ohne dich als Stütze kippt das Kindchen aus jedem Stuhl. Müde und kraftlos, zappelig und unruhig. Ohne die Linsen und die Brille kann er kaum sehen. Ihr seid die Augen. Durch Euch kann er sehen. Wenn auch nicht so wie ich. Aber überhaupt. Danke. Danke. Wirklich. Danke.

Und trotzdem: Ständig merke ich, dass ihr gerade nicht da seid. Weil du bei uns in der Küche stehst und nicht in der Bahn, im Restaurant, bei Freunden und Bekannten. Weil die Linsen verloren sind, im Gras im Park, in der Bahn, im Teppich, bei Freunden und Bekannten. Ein Kind, das nicht richtig sitzen kann. Ein Kind, dass nicht richtig sehen kann. Jeden Tag.

Ich sehe tausend schöne Dinge. Die Blume im Garten. Die Katze im Bilderbuch. Der alte Mann, der uns zuwinkt. Ein Marienkäfer auf meiner Hand. Das kann das Kind ohne die Linsen nicht sehen. Er sieht das alles nicht. Er klatscht in die Hände zur Musik. Er lacht. Aber sehen tut er die Katze im Buch nicht. Auch nicht das Lächeln des Mannes.

Ihr seid nicht da, wenn ich Euch brauche!

Was seid ihr bloß für Freunde?

Ach.

Ihr seid ja keine Freunde. Ihr seid Hilfsmittel.

Du bist ein Stuhl. So stehst Du auch dort in der Küche. Wie ein Stuhl. Kontaktlinsen sind Kontaktlinsen. Klein. So schnell verloren. Für Kinderaugen nicht gemacht. Und so gehen sie verloren. Jeden Tag. Danke, dass ihr Hilfsmittel helft. Wenn ihr da seid. Mehr kann ich nicht erwarten. Ich will nicht abhängig von Euch sein und trotzdem bin ich es so oft.

Meine Kind, Dir wünsche ich nicht, so viel Muskelkraft zu haben wie ein Leistungssportler. Keine Augen, die gestochen scharf sehen können, wünsche ich Dir. Das wäre alles schön. Aber nicht lebenswichtig. Und Hilfsmittel gibt es ja auch. Ich wünsche Dir Freunde, die da sind, wenn Du sie brauchst. Dich dort unterstützen, wo Du Hilfe benötigst. Freunde, die gerne annehmen, was Du zu geben hast. Du hast so viel. So unglaublich viel.

Und trotzdem.

Danke, Du Stuhl. Und auch ihr verteufelten Kontaktlinsen. Danke.

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