Die wahre Qualität eines Schulsystems

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Die Schule der Zukunft ist eine gemeinschaftliche Schule. Eine Schule mit gelebter Inklusion. Was kann und soll Schule sein? Schule als Ort der Bildung, der reinen Wissensvermittlung? Als Ort der Erziehung? Der Entfaltung? Sind unsere Kinder denn eingefaltet und müssen entfaltet werden? Oder entfalten sie sich selbst? Oder werden sie langsam in Form gefaltet von einem System, das sich zum Ziel gesetzt hat,“ jedes Kind optimal zu fördern“ ?

Warum eigentlich? Und was genau bedeutet „optimale individuelle Förderung“ ?Was streben wir an? Dass möglichst viele Kinder das Abitur erreichen?

Ich möchte nicht, dass mein Kind eine Schule besucht, die sich als Ziel gesetzt hat, alles an schulischer Leistung aus dem Schüler zu holen, was nur möglich ist. An Noten und an schulischen Leistungen ist nicht abzulesen, wie gut ein Kind sozial integriert ist und ob es psychisch gesund ist.

Ich wünsche mir einen Ort für mein Kind, an dem es die Hälfte oder Dreiviertel seines Tages verbringt (denn das tut es in der Ganztagsschule), an dem es natürlich auch unterrichtet wird, an dem es jedoch vor allen Dingen mit Liebe begegnet wird. An dem die Zielsetzung nicht die Leistung in einzelnen Fächern ist, sondern die emotionalen Bedürfnisse, die soziale Integration und das Erlernen einer respektvollen und ehrlichen Kommunikation.

Kann das eine Schule leisten? Eine heterogene Schule, die mit Inklusion und Gemeinschaftsunterricht wirbt?

Der GGG – Verband für Schulen des Gemeinsamen Lernens  und der Debus Pädagogik Verlag haben gemeinsam eine neue Zeitschrift zum Thema Inklusion und gemeinsamer Unterricht auf den Markt gebracht. Die Zeitschrift wendet sich an Fachpersonal wie Lehrer, Pädagogen, Mitarbeiter der Schule, sowie auch an die interessierte Öffentlichkeit, also auch Eltern.

Mein erster Eindruck der Zeitschrift ist positiv. Auch ohne Pädagogikstudium sind die Texte gut zu verstehen und trotzdem auf einem sehr hohen, fachlichem Niveau. Es werden unter anderem verschiedene Schulen und Schulmodelle porträtiert und der Leser gewinnt einen Eindruck, auf welche Weise Inklusion und Gemeinschaftsunterricht funktionieren kann, welche Baustellen es noch gibt und welche Ziele angestrebt werden. Die Zeitschrift macht Mut zur Veränderung und zeigt Wege und Möglichkeiten auf, wie Inklusion gelebt werden kann.  Besonders gut gefällt mir, dass der Leser durch den Einblick in verschiedene Schulsysteme (z.B. Gemeinschaftsschulen in Finnland und einzelne Gemeinschaftsschulen in Deutschland) die Unterschiede vor Augen geführt bekommt. Oft kommt es mir so vor, als seien die Diskussionen um Inklusion nur Theorie, in diesem Fall gibt es neben Zahlen, Fakten und guten Vorhaben auch einen Praxisbezug: Schulen, in denen Bereits gemeinschaftlich unterrichtet wird. An vielen Stellen kann ich nur nicken und laut „ja, genau!“ aufschreien, zum Beispiel wenn ein Schulleiter einer Gemeinschaftsschule die Notwendigkeit der sonderpädagogischen Inhalte im Lehramtsstudium benennt.

Was mir beim Lesen auffällt, ist, dass der Erfolg der einzelnen Schulen und Schulmodelle oft nicht (oder nur nebensächlich) belegt wird durch positive Rückmeldung der Schüler- und Elternschaft (z.B. werden hohe Anzahl an Anmeldungen erwähnt, wenige Schüler, die die Schule wechseln möchten) oder durch Umfragen und Erhebungen bezogen auf die Zufriedenheit der Schüler und ihren Familien. Sehr oft wird der Erfolg des Schulmodels (in den porträtierten Schulen lag der Schwerpunkt auf dem gemeinsamen Unterricht, also die Inklusion von behinderten Kindern bzw. die Aufhebung des dreigeteilten Schulsystems und die Mischung leistungsschwacher und -starker Kinder) an den fachlichen Leistungen der Schüler gemessen. Hervorgehoben wird mit genauen Prozentangaben, wie hoch der Anteil der Schüler ist, die einen bestimmten Schulabschluss erreichen. Die Verbesserungen in einzelnen Fächern wie Deutsch oder Mathe sind graphisch dargestellt und stehen im Vergleich mit den Leistungen von Schülern anderer Schulen.

In den Mittelpunkt werden demnach inhaltliche und fachliche Leistungen gestellt, an den Rand rücken Faktoren wie die psychische Gesundheit und die soziale Inklusion der Schüler. Zwar erwähnen die Autoren die Wichtigkeit des Lernklimas und des sozialen Lernens in der Gemeinschaft, doch wenn Belege für bestimmte Modelle und Unterrichtsformen von Nöten sind, dann wird hauptsächlich mit dem schulische Erfolg und den fachlichen Leistungen, verpackt in Zahlen und Fakten, argumentiert.

Nun könnte man meinen, an den schulischen Leistungen wäre die psychische Gesundheit abzuleiten. Denn wer stressfrei lernen kann und auf sein Können vertraut, wer die Ruhe und den Raum hat, in seinem Tempo zu lernen, wer in einem sicheren Umfeld arbeitet und sich gut versteht mit seinen Mitschülern und Lehrern, der erbringt auch gute Leistungen.

Wer jedoch unter Druck steht, wem es an Selbstvertrauen mangelt, wer gehetzt und gestresst wird oder sich hetzten und stressen lässt, wer Konflikte hat mit Mitschülern und Lehrern, wer abgelenkt, über- oder unterfordert ist, der erbringt demnach eher schlechte Leistungen.

So einfach ist es jedoch nicht.

Von schulischen Leistungen ist nicht auf die psychische Gesundheit des Schülers zu schließen und von der psychischen Gesundheit kann auch nicht auf die Leistung geschlossen werden.

Wie oft erbringen Schüler mit Nachhilfe und großem Druck (von ihm selbst ausgehend, den Eltern oder der Schule ) zwar gute Leistungen und verbessern sich, doch erfahren ebenso auch eine große seelische Belastung. Genau umgekehrt ist es möglich, dass ein Schüler sehr gut in der Klassengemeinschaft integriert ist und in seinem Tempo lernen darf und kann, trotzdem aber nur mittelmäßige oder schlechte Leistungen vorweist. Möglicherweise weil er schlichtweg „faul“ ist und nachmittags lieber Fußball spielt oder aber weil er bestimmte Inhalte bis zur anstehenden Prüfung noch nicht verstanden hat, es ihm (und den Lehrern? Den Eltern?) jedoch nicht so wichtig ist, denn „man lernt ja für sich, nicht für die Prüfung oder den Lehrer“ (oder für die Quote, damit auch im Folgejahr so tolle Prozentzahlen für die Schule vorgewiesen werden können ). Die Inhalte verinnerlicht er vielleicht erst ein paar Wochen oder Monate später. Zu spät für die Prüfung, aber genau richtig für ihn.

Mir persönlich als Mutter eines Kindes, dessen Schwierigkeiten in dem Bereich soziale und emotionale Entwicklung liegen, ist die Stärkung ebendieser Fähigkeiten viel wichtiger als gute fachliche Leistungen. „Individuelle optimale Förderung“ bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, die Kenntnisse in Mathe, Deutsch und Englisch zu verbessern, damit auch er die Prozentzahl derjenigen, die den Schulabschluss XY erreichen, mit vielen anderen Schülern hochschrauben kann.

Individuelle Förderung bedeutet für mich, für dieses Kind, an einem Ort der Bildung, der immer auch zu einem gleich großen Teil Ort des Lebens, des sozialen Lernens und der Kommunikation ist, die Fähigkeiten vorzuleben, die er benötigt, um ein selbstbewusster, kommunizierender, sozial handelnder Mensch zu werden, der seine eigenen Stärken und Schwächen kennt, der weiß, wie er seine Stärken einsetzen kann und der weiß mit den Schwächen umzugehen.

Kann das eine Schule leisten, wo doch ein Großteil der Elternschaft den Fokus auf inhaltliche Themen und Leistung lenkt? Immerhin ist Schule die Vorbereitung auf die Zeit des Studiums und der Ausbildung. Schule ist aber auch Vorbereitung auf unser gesellschaftliches Leben, nein, Schule ist gesellschaftliches Leben.

Die Qualität einer Schulform kann daher nicht nur gemessen werden an den fachlichen Erfolgen. Es wirkt nicht authentisch, Noten abschaffen zu wollen und dennoch mit an Fächer und Inhalte gebundene Leistungen zu argumentieren. Natürlich ist es lobenswert, wenn die Schüler gute Leistungen erbringen oder wenn eine Schule viele Sportangebote anbietet, das möchte ich nicht schlechtreden. Doch wenn wir Inklusion auf allen Ebenen anstreben und in einer Gemeinschaft leben und lernen möchten, in der tatsächlich alle Stärken und Schwächen individuell gefördert und gefordert werden, nicht nur die fachlichen, dann sollte die Messung der Qualität von Schulformen ihren Schwerpunkt, den Blickwinkel, ändern.

Wie hoch ist der Prozentsatz der Schüler, die sich sozial einbringen? Wie schätzen die Schüler (und Lehrer und Eltern) das Unterrichtsklima ein? Fühlen sich die Schüler wohl? Wie gehen die Schüler mit sozialen Differenzen um? Wie oft wird das Thema Gewalt thematisiert? Gibt es Anzeichen, dass die Schüler unter Stress und Druck stehen? Sind ihre Freundschaften stabil und gehen sie über den Unterricht hinaus? Ist Schule oft ein problembehaftetes Thema zuhause? Wie wird zwischen Erwachsenen und Kindern kommuniziert? Sind auch Kinder mit Behinderungen sozial integriert oder nur in Bezug auf ihre Lernanforderungen? Arbeitet der Schüler mit Behinderung zwar im selben Klassenraum, doch steht er auf dem Schulhof allein? Wurde an der Eingangstreppe eine Rollstuhlrampe für den Schüler mit Rollstuhl gebaut, doch eine andere Schülerin mag weder essen noch schlafen aufgrund sozialer Isolation?

Das alles sind eher Fragen aus dem Bereich der Soziologie und Psychologie. Schule ist ein Ort an dem Menschen zusammen kommen, an dem kommuniziert und interagiert wird. Weshalb sollten fachliche Inhalte also mehr Bedeutung haben als gesundheitliche, die das psychische Wohl der Schüler und aller Beteiligten betreffen?

Schule (insbesondere die Ganztagesschule) ist mehr als nur Wissensvermittlung. Zur Erziehung gehört es selbstverständlich auch, den Schülern eine angemessene Arbeitshaltung vorzuleben, doch ebenso gehört zur Erziehung, als Vorbild für Selbstachtung, Nächstenliebe und Toleranz zu agieren. Nicht nur in der Förderschule für emotionale- und soziale Entwicklung, sondern in jeder Schule und ganz besonders in einer gemeinschaftlichen, inklusiven Schule.

In einer Gesellschaft, in der 1% autistische Menschen leben und jedes zehnte Kind psychisch erkrankt ist,  ist die psychische Gesundheit und die soziale Inklusion in der Schule ein Thema, das meiner Meinung nach zu selten in den Vordergrund rückt. Es gibt Schulen mit Schulpsychologen, es gibt einzelne Anti-Mobbing-Themenwochen und es gibt engagierte Klassenlehrer, denen das Gemeinschaftsgefühl und Toleranz wichtig ist. Das ist gut, doch nicht genug.

Diese Tatsache ist mitunter auch der Grund, weshalb ich, obwohl ich von der Idee der Inklusion überzeugt bin, diese anstrebe und mich für sie einsetze, die Förderschule der Schule mit Inklusion für meinen Sohn vorziehe. Die Förderschule kann, zumindest aus heutiger Sicht, mehr Bedürfnisse und Ziele erreichen, die wir Eltern zusammen mit unserem Sohn und seinen Lehrern anstreben, als eine Schule mit gemeinsamen Unterricht.

Die seelische Gesundheit von Kindern ist ebenso wichtig wie gute Leistungen.Man kann diese beiden Themen nicht voneinander trennen. Ein Schulpsychologe ist zwar eine Möglichkeit für Schüler, sich in Problemsituationen Rat zu holen, doch das ist nicht ausreichend. Die Lehrerausbildung sollte nicht nur mehr sonderpädagogische Inhalte, sondern auch mehr psychologische Inhalte aufgreifen.

Seelische Belastungen und soziale Probleme sollten nicht übergangen, schamvoll verschwiegen oder als Nichtigkeiten angesehen werden. Auch bin ich der Ansicht, dass das Erkennen solcher Schwierigkeiten in den Aufgabenbereich von Lehrern und Schulpersonal (Erziehern in der OGS) gehört, da gerade die Schule der Ort ist, wo diese auftreten oder sich erstmalig zeigen können.

Schule ist keine Psychotherapie und Lehrer keine Therapeuten, das ist mir klar und auch nicht das, was ich mir wünsche. Vielmehr ist mir wichtig, dass der Blickwinkel umgelagert wird und eine Schule und eine Schulform nicht damit werben muss, welche hervorragenden fachlichen Leistungen erbracht werden, welch hohe Zahl an Abiturienten sie hervorbringt, sondern welch hervorragende Kommunikation zwischen den Schülern dort herrscht, welch hohe Toleranz und Akzeptanz unter den Schülern und Lehrern herrscht. Eine Schule, die den Blick auf den Menschen als emotionales Wesen richtet und in der die seelische und soziale Entwicklung einen ebenso großen Raum einnimmt wie die fachliche Leistung.

 

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