Was (nichs) zur Sache tut

blog25

In der Straßenbahn.

Der Kleine neben mir. Über der Lehne hängend. Eine Brezel in der Hand. Er schaut zu den anderen Sitzplätzen. Sie sind leer. Dann steigt einer ein. Endlich. Ein Junge mit Fußball. Sitzt nun genau hinter uns. Spielt dem Kleinen den riesigen Ball zu. Der lacht und lässt die Brezel fallen. Der Junge fängt sie noch. Danke. Dann spielen sie. Mein kleines Kind und der große Junge. Ball nehmen, fallen lassen, der Junge fängt. Lachen.

Er möchte den Namen vom Kleinen wissen. Sie spielen. Ball nehmen, fallen lassen, der Große fängt, der Kleine lacht. „Hast Du jüngere Geschwister?“ frage ich.

„Ja, zwei kleine Brüder.“ antwortet er.

„Das merkt man. So wie Du mit ihm spielst.“

„Danke.“

Eine Zeit lang spielen sie weiter. Ball nehmen, fallen lassen, der Große fängt, der Kleine lacht.

„Wie alt ist er?“ möchte der Junge wissen.

„Er ist ein Jahr und neun Monate.“ sage ich. Und füge hinzu: „Aber er ist etwas zurück, weißt Du, also er wirkt etwas jünger, er spricht noch nicht.“

Jetzt frage ich mich, warum ich das erzähle. Wäre es dem Jungen überhaupt aufgefallen? Auch wenn er jüngere Geschwister hat, so genau weiß ein Jugendlicher nun auch nicht Bescheid über die Entwicklungsstufen von Kleinkindern. Ich selbst möchte doch so gern, dass meine Mitmenschen in erster Linie ihn, den Jungen, das Kind, sehen – und selber erzähle ich von seiner Entwicklung und den Problemen, egal ob gefragt oder ungefragt. Ich mache mich zur Außen- und Gesundheitsministerin meines Kindes. Noch bevor ich mich über diesen Umstand aufregen kann, hab ich schon von seinen schlechten Augen erzählt. Als müsste ich begründen, warum er den Ball hält wie er ihn nun mal hält. Als täte das etwas zur Sache. Kurz bevor ich mich nun wirklich innerlich aufrege sagt der Junge:

„Hauptsache…er ist da!“ und lächelt und hält dem Kleinen den Ball hin.

Ich sage nichts. Endlich.

Und er sagt: „Meine Nichte, die ist jetzt drei, die hat lange auch nichts gesagt. Nun spricht sie total gut. Auch Arabisch.“. Seine Augen beginnen zu leuchten. „Ich kann auch Arabisch, aber besser noch Deutsch.“

Und wir erzählen noch eine Weile weiter. Über seine Verwandtschaft in Frankreich, in Paris, die er nachher anrufen will. Und ich höre zu, weil er was zu erzählen hat, das etwas zur Sache tut.

4 Gedanken zu “Was (nichs) zur Sache tut

  1. Maria 28. November 2015 / 23:43

    Das macht nichts. Hauptsache er ist da.
    Wunderbar.
    Einfach gut.
    Danke für deine schönen Texte voller Wärme und reflektierten Gedanken.

    Gefällt 1 Person

  2. Kerstin 29. November 2015 / 14:40

    „Hauptsache…er ist da!“ …das tut sicher gut,;dass zu hören und eigentlich sollte man ihm ein Oberteil drucken lassen, wo genau das drauf steht.
    Was für ein kluger Junge sass da bei euch .
    Soviel klüger wie heute oft Ärzte, Erzieher, Jugendämter und die vielen, vielen schlauen Leute, die einem gerne begegnen und immer neue Schubladen, Prüfungen und Entwicklungstabellen für kleine Kinder entwickeln.
    Leider lass ich mich auch immer wieder davon anstecken und entschuldige und erkläre mein Kind und seine (vermeintlichen) Unzulänglichkeiten, bevor es jemandem auffällt. Einen Gefallen tut man ihnen damit sicher oft nicht….auch wenn man sie schützen möchte.
    Und richtig…es gibt Wichtiges : Paris zB oder die vielen, vielen Kinder, die gerade in Unsicherheit, Armut und mit dem Tod konfrontiert leben müssen.
    Wir beide sitzen bald mit unseren Jungs unter dem Tannenbaum. Sie werden beschenkt, sind geliebt, satt, im Warmen und in Sicherheit. Kann es Wichtigeres geben? Nein.
    Eine schöne Adventszeit, Kerstin

    Gefällt 1 Person

  3. Claudia 29. November 2015 / 17:16

    So ist es. Hauptsache er ist da !!!
    Vielen Dank für deine berührenden Texte. Ich mag deine Art zu schreiben sehr gerne.
    Alles liebe für dich und deine Familie.
    Eine schöne Adventszeit wünscht
    Claudia

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  4. Taugewas 30. November 2015 / 0:18

    Vielen Dank für Eure Kommentare! Ich freue mich total, wenn ich lese, dass Euch meine Texte gefallen und ihr sie gerne lest.
    Am liebsten würde ich die Komplimente an den Jungen aus der Bahn weiterleiten, wenn das nur ginge..
    Eine gesegnete und ruhige Adventszeit wünsche ich Euch!

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