Ein Gast auf unserer Insel

blog27

Seit 11 Monaten hat keiner mehr unsere Insel betreten, um das Inselkind zu besuchen.

Diese Woche kam jedoch Besuch. Ein bisschen wie ein Fest schrieb ich mal. Ja, so ist es. Ich backe Waffeln. Die Kinder spielen. Sie spielen! Sie spielen Lego! LEGO!

Ach Du…! Sagt mein Mann vor Schreck und kann es kaum glauben. Das Lego schläft sonst einen tiefen Schlaf oben im Regal. Wie ganz normale Kinder spielen sie. Ich höre Kinderlachen. Es ist so schön. Es ist so schön.

Sie albern. Albern wie ein Albatros sagt mein Mann.

Dass der Gast hier sein kann und dass er gerade jetzt hier sein kann, hat einen Preis. Eigentlich wollten sie sich schon früher verabreden, seit einigen Wochen, immer wieder gesagt, doch dann hatte ich seine Telefonnummer nicht und man konnte sie nicht einfach so weitergeben, OGS-Datenregelung und so weiter, also sagte ich zum Kind, es solle den Jungen nach der Nummer fragen, aber irgendwie klappte das nicht, dann doch, wir telefonierten, seine Mutter und ich, dann sollte es klappen, dann doch nicht, weil wir krank waren und wie das so ist, man sieht sich ja nicht beim Abholen, denn er fährt ja mit dem Taxibus, plötzlich ist das Jahr fast zu Ende und immer noch kein Treffen.

Das tat mir leid für meinen Jungen.

Und immer viel zu tun, die Wochen voll mit Uni und mit Krankenhaus und mit Therapieterminen, mit all dem Kram, der die Insel bewegt, der die Schranken runterklappt, kein Gast jetzt, jetzt kein Gast, jetzt nur Insel. Insel und Uni und Krankenhaus und Therapietermine.

Dann rief sie an, die andere Mutter, und wir merkten, die Wochen sind voll, entweder direkt am Folgetag ein Treffen oder das wird nichts mehr dieses Jahr. Und dann der Preis für mein Ja. Ja, ja, ja! Ich fahre hin, ich hole die Jungen ab, ich bringe sie hier her, damit sie spielen können. Nein, mein Kind kann noch nicht alleine mit dem Bus zu Euch fahren, also machen wir es so, er war noch nie allein bei einem anderen Kind zuhause, also machen wir das Treffen bei uns.

Der Preis. Hier auf der Insel wird alles geplant. Ein Treffen – vor allem eines bei uns auf der Insel – muss beantragt werden, dann wird der Antrag bearbeitet, bewilligt, und erst dann die Fähre zum Rübersetzen geschickt, die Schranken geöffnet.

Also morgen dann schon… erkläre ich meinem Mann und weiß, dass ich das hätte absprechen sollen, dass das einfach zu spontan ist und das hat nichts damit zu tun, dass er es unserem Kind nicht gönnt, sondern damit, dass es planbar und mit seiner Mitsprache sein sollte und das kann ich gut verstehen. Kinder sind laut. Mein Mann arbeitet und studiert von zuhause aus, in einem Schlaf-Arbeits-Zimmer sitzend vor zwei Monitoren, einem Stapel Unikram, Bücher und Skripten.

Die Kinder maunzen. Maumaumaumauamaumau. Maumauamaumau. Otzelot. Ein Gesang aus dem Kinderzimmer. Wie normale Kinder. Ich habe bei den Geburten der Kinder nicht geweint, auch nicht, als sie im Krankenhaus in kleinen Plastikkästen lagen. Beim Maunzen der Kinder, das Inselkind und der Gast, da schießen mir Tränen in die Augen. Ich überlege, eine aufgeschnittene Zwiebel an meine Seite zu legen, um die Lage zu erklären. Doch es fragt keiner hier auf der Insel und das ist gut.

Jedenfalls der Preis. Der Preis war das Gefühl. Das Wissen, dass ich es hätte absprechen sollen und nicht ohne ihn zu fragen ja,ja,ja,ja ins Telefon zu rufen. Denn wir sind hier auf der Insel und auf der Insel geht es eben nur mit Antrag und das weiß ich auch. Und ich bin spontan und das ist uninselig und manchmal anders.

Es tut mir leid, Inselmensch. Mein Inselmensch. Guck mich so an. Guck mich nur so an. Das ist okay. Aber guck. Guck! Du bist so schön, wenn du guckst, auch wenn du so guckst wie also das war jetzt aber nicht abgesprochen und das weißt Du doch, dass ich das nicht mag.

Der Preis. Die Erzieherinnen aus der OGS hätten gerne zwei Tage vorher Bescheid gewusst. Das weiß ich und hab es trotzdem gemacht. Nun müssen sie umplanen. Schwimm-AG und zu hoher Personalschlüssel, eine Erzieherin ist nun ganz umsonst gekommen und also das sehen wir nicht gerne, das ist jetzt eine einmalige Ausnahme. Mir ist das unangenehm. Weil ich es weiß. Aber es war so spontan. Es war so ja,ja,ja, jetzt klappt es, gleich morgen, keiner ist krank.

Jetzt ist es still. Kein Gemaunze. Leises Legoklappern.

Der Preis. Eine Stunde Fahrt zur Schule, das Kleinkind dabei. Es jammert, es weint. Es will im Bus auf dem Boden krabbeln und darf nicht. Es will sich in den Augen reiben und darf nicht. Es soll sich hinsetzten und kann nicht. Die Finger in meinem Gesicht. Dadadada. Daaaaa! Es ist so schlapp, rutscht von dem Sitz, will auf den Boden, will nicht sitzen, kann nicht sitzen, der Rumpf zu schlabberig. Es wirft sich in der Babytrage nach hinten und quäkt. Es zieht mir an den Haaren, lutscht an seiner Hand, haut sich rhythmisch mit der Hand auf sein Ohr und sieht dabei ziemlich besonders aus. Das ist eine Art der Selbststimulation erklärte mir mal die Physiotherapeutin und seitdem weiß ich, warum manche Menschen sich ab und zu mit der Hand rhythmisch auf den Kopf klopfen. So ist das halt. Bei besonderen Menschen.

Die Kinder abholen. Die Fahrt zurück. Eine Stunde. Jetzt lerne ich den Taxibus zu schätzen. Das Kleinkind will auf den Schoß und doch nicht und auf den Boden und fällt auf den Kopf und jammert und weint und dann steht da ein Hund, schau mal, ein Hund! Nein, der ist doof, den guck ich nicht an, gucke ins Nichts und auf Mamas Nase, stecke die Finger rein und dann wieder jammern. Das Kind ist müde und kann doch nicht schlafen, der Bus ist voll, die Leute gucken. Ja, guckt. Guckt. Ich gucke auch. Es ist auch verwunderlich. Da gucke ich auch.

Mein Mann sitzt im Zimmerchen. Eingegraben. Es ist hier leiser als erwartet, ich atme auf. Lautstärke stört, das weiß ich. Ob Inselmensch oder nicht, Lautstärke stört einfach beim Arbeiten. Aber er läuft hier nicht einfach herum und isst mit uns Waffeln. Die Waffel bringe ich ihm an den Tisch. Er blinzt nicht ins Kinderzimmer und guckt wie sie Lego spielen. Das mache ich. Er hat seine Insel auf unserer Insel. Ein Ureinwohner. Da ist Regelmäßigkeit, Planbarkeit, Normalität.

Der Preis. Ist ziemlich wenig wie Insel und auch kein Fest. Dafür Kinderlachen. So schön. Die Zwiebel brennt ziemlich. Als wären es drei oder vier.

Bitte, lieber Gast, komm bald wieder und bring Dein Lachen mit. Dein Lachen ist so schön.

4 Gedanken zu “Ein Gast auf unserer Insel

  1. Natalie 6. Dezember 2015 / 22:33

    Wieder ein Text, der mich sehr berührt.
    Ich werde langsam ein Fan von dir.
    Deine Insel erinnert mich an ein Naturschutzgebiet, rote Zone im Wattenmeer.
    Betreten zwecks Überleben der Tiere verboten.
    Sinnvoll und schade zugleich.
    Bist du bei aller Artenvielfalt manchmal einsam im Naturschutzgebiet?

    Mein Jupiterkind, dank dir begriff ich, dass es vom Jupiter kommt, ist auch ein Meister der „Selbststimulation“, Schläge auf den eigenen Hinterkopf, Hände zwischen die viel zu heißen Heizungsrippen,Haare zupfen und Kreischen. Kreisch, Kreisch,Kreiiiiiiiiiiisch. Ich bebe, ich vibriere. Es gibt mich.Kreiiisch.
    Bis meine beste Freundin ihren dritten Hörsturz hatte, das war auch ein Preis, den ich lieber nicht gezahlt hätte.

    Ich wünsche dir viel Lachen auf deiner Insel.
    Ganz und gar geschenkt
    Natalie

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    • Taugewas 10. Dezember 2015 / 0:07

      Liebe Natalie,
      danke schön! Das freut mich sehr!
      Naturschutzgebiet drückt es total schön aus..
      Einsam bin ich zum Glück nicht. Hier ist ja immer was los und ich bin oft auf dem Festland.
      Ich bin ja auch noch ganz normale Studentin und das tut gut. Da bin ich durch und durch Festlandmensch und genieße es ebenso wie mein Inselleben.
      Auf dem Jupiter werden wohl Schallwellen ganz anders übertragen, der Preis , den ihr da zahlen musstet ist wirklich ziemlich hoch. Es ehrt mich, dass ich zur Jupitereinsicht beigetragen habe.
      Offenbar dauert die Erdeingewöhnungsphase etwas, wobei es wohl immer ein Prozess bleibt und wahrscheinlich bei jedem, ob Jupiter, Mond oder Insel, wie auch immer.

      Liebe Grüße und mit den selben Lachwünschen zurück :)

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  2. Kerstin 8. Dezember 2015 / 13:11

    Ich habe deinen Artikel jetzt lange mit mir rum getragen: ihn in mir gewälzt und mich gefragt, was und ob ich es kommentieren soll. Beim ersten Mal lesen, hab ich Tränen in den Augen gehabt ( und keine Zwiebel zur Hand, was hier für Irritationen sorgte).
    Ich bewundere deine Kraft, deine scheinbar nicht zu erschöpfende Kraft,;die dich durch das Inselleben trägt und von Herzen gönne ich dir und deinem Grossen solche Tage, die nach Landleben riechen. Aber: ich wünsche dir Menschen , die sich an deinem „uninselig“ sein erfreuen, dich drücken und dir zurufen: das was du tust, entscheidest, fühlst, ist auch richtig und wichtig und verdammt nochmal nichts für was du dich entschuldigen musst.
    Mein Inselkind oder Brückenkind oder was auch immer er ist oder mal sein wird, hat es schwer momentan : die ganze Vorweihnachtszeit mit den Erwartungen und dem plötzlich anderem Alltag erschlägt ihn, überfordert ihn und die Magie der Zeit sprengt seinen Kopf. Aber hier sind noch zwei waschechte Landgänger neben mir, die mich unterstützen bzw sich erfreuen und auch das Brückenkind immer wieder an Land holen. Es ist leichter für ihn, wenn der 2jährige sagt: komm, mach dein Kalendertürchen auf, da ist was Gutes drin und keiner erwartet etwas von dir.
    Da hab ich es viel leichter wie du. Ich lese heraus, dass deine Liebe alle drei trägt, doch wünsche ich dir jemanden der dich trägt, wenn sie es nicht können auch wenn alle drei Herzen in deinem Takt schlagen wollen.
    Und ich wünsche meinem Grossen später eine Frau, die dir ähnlich ist.
    LG Kerstin

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    • Taugewas 10. Dezember 2015 / 0:08

      Liebe Kerstin,
      ich danke auch Dir für Deinen Kommentar!
      Ja, diese Erwartungen, das ist auch für den Jungen hier schwer.. Und weißt Du was?
      Ich hab das erst nicht gewusst und immer wieder unbewusst den Druck erhöht („na, freust Du
      dich schon, was morgen im Kalender sein wird?“) bis mir mein Mann erklärte, was das in ihm macht. Dann wurde mir einiges klar. Ich habe einen Dolmetscher hier, einen, der inselig ist und mir das alles erklären kann. Das ist mir eine große Hilfe im Inselalltag.
      Zu dem, was Du mir wünschst (und es rührt mich, dass Du deinem Kind eine Partnerin wünschst, die ähnlich verständnisvoll ist! ): Eigentlich merkt keiner, was ich entscheide oder nicht, denn kaum einer blickt hier in die Insel. Das ist bestimmt auch der Grund, warum ich hier blogge. Ein merkwürdiges Mitteilungsbedürfnis, um dem Festland zu zeigen, dass es solche Inseln gibt und vieles Selbstverständliche ganz mühselig ist und vieles Außergewöhnliche hier völlig normal.
      Und auch, um andere Menschen, die auf Inseln leben, ob Ureinwohner oder Migrant, zu erreichen.
      Ganz wenige wissen um die Inseligkeit hier und ermessen kann´s wohl kaum einer, aber die, die es
      ahnen, die lassen mich wissen, dass es gut und richtig ist, was ich tu. Wobei ich es wohl auch ohne
      dieses Wissen tun würde. Trotzdem ist es natürlich schön zu hören. Es ist wohl wie in jedem Kreislauf ein Hin und Her. Ich weiß, dass ich für mein Uninseligsein hier sehr gemocht werde.
      Und ich lebe auf der Insel, weil ich nicht nur zu anderen, sondern am Ende auch zu mir finden kann, denn: Wie könnte ich sonst zu einem Menschen sagen: Ich mag dich mit all deinem Anderssein, wenn ich nicht erst mein eigenes Anderssein akzeptiere und liebe.
      Es liest sich wunderbar, wie Deine Kinder miteinander umgehen. Ich glaube, die Mischung macht es.
      Liebe Grüße über die Brücke oder so ;)

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