Gründe gegen Inklusion

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Für unser kleines Kind haben wir eine Zusage für einen Kindergartenplatz bekommen. Diesen Sommer schon! In dem Kindergarten unserer Kirchengemeinde, nur ein paar Straßen entfernt. Neuerdings haben die dort nämlich auch eine Gruppe für Kinder ab zwei Jahren. Ich rief dort an und als ich erwähnte, dass mein Kind eine Behinderung hat (und im selben Atemzug nannte ich das neue Inklusionsgesetz und all die Hilfen, die der Einrichtungen zustehen, um mein Kind zu betreuen), lernte ich lauter Gründe kennen. Gründe gegen Inklusion.

  • Also sie hätten ja schon Kinder mit einer lebensgefährlichen Allergie oder auch entwicklungsverzögerte Kinder gehabt, aber ein Kind mit richtiger Behinderung noch nie.  

Was bitte ist denn eine „richtige“ Behinderung?

  • Die Gruppe für die Kinder ab zwei Jahren läuft dieses Jahr erstmals an und allein die Umstellung auf die kleinen Kinder ist genug Arbeit.
  • Ist mein behindertes Kind nicht besser in einer Krippe mit kleinen Kindern aufgehoben, wenn er auf der Entwicklungsstufe eines Einjährigen ist?

Und muss er dann bis zum achten Lebensjahr in den Kindergarten gehen oder wie soll das gemeint sein?

  • Die neue U3-Gruppe würde ja erst zusammen gestellt und sie hätten die Vorgabe jedes Jahr soundsoviele Plätze anzubieten und wenn dann ein behindertes Kind in der Gruppe wäre, dann ginge das ja nicht mehr. Ein behindertes Kind zählt ja wie zwei Plätze und dann müsste die Einrichtung ja weniger Kinder aufnehmen.
  • Durch die ganze Bürokratie mit der Inklusion würde man ja auch noch nicht so durchblicken…

Am Ende des Gesprächs schlug ich vor, doch einfach mal mit meinem Sohn vorbeizukommen.

  • Ja also das könne ich gerne machen, aber wie gesagt, man müsse das erst alles abklären.

Ich hab es dann gelassen. Wer erst einmal so viele Gründe findet, warum mein Kind besser nicht in diesen Kindergarten gehen soll, der wird sich bestimmt nicht bemühen, die Inklusion voranzutreiben und vor allem möchte ich mein Kind gut und liebevoll betreut wissen. Vielleicht wurde ich zu schnell nachgiebig, doch zum Glück haben wir auch eine feste Zusage in einem integrativen Kindergarten. Leider erst für nächstes Jahr und auch eine Stunde entfernt in der Innenstadt. Aber immerhin mit Erziehern, die keine Angst haben, ein behindertes Kind zu betreuen. Die Dame von dem Kindergarten um die Ecke hätte ihre Gründe nämlich alle gar nicht sagen müssen, denn eigentlich meinte sie doch nur: Ich hab Angst vor Veränderung.

Diese Angst vor Veränderung versuchte die Regelschullehrerin der Grundschule, die mein Sohn die ersten drei Monate der ersten Klasse besucht hat, mit einem Beispiel zu lindern. Sie erzählte, sie sei zu Besuch bei einer Schule gewesen, die Inklusion betreibt, und dort hätte sie die Förderschüler gar nicht von den Regelschülern unterscheiden können. Ja, es sei sogar so gewesen, dass sie einen etwas zappeligeren Schüler für einen der Förderkinder gehalten habe.

So kann es tatsächlich sein, aber so muss es nicht sein. Das hat sie mit meinem Sohn dann auch gemerkt und wurde desillusioniert, denn „die Autisten“ sitzen wohl nicht alle „still“ da hinten rum.

Nein.

Inklusion ist oft tatsächlich anstrengend. Mein behindertes Kind ist zuhause anstrengend. Es hat einen viel höheren Pflegebedarf und dafür bekomme ich übrigens Geld von der Pflegekasse. Und diesen Mehraufwand hat das Kind auch im Kindergarten und in der Schule und das ist anstrengend und dafür werden Kindergarten und Schule bezuschusst, um das auszugleichen. Und manchmal sieht man einem behinderten Kind auch die Behinderung an. Warum auch nicht? Seit wann muss man denn eine Behinderung verstecken?

Es gibt keine Gründe gegen Inklusion, es gibt nur Angst vor Veränderung. Und es gibt nur ein einziges, überwiegendes Argument für Inklusion. Inklusion ist menschlich. 

 

11 Gedanken zu “Gründe gegen Inklusion

  1. Saskia 6. März 2016 / 21:51

    Genau so ist es. Und das sollte als „Argument“ doch schon genügen.
    Viele Grüße Saskia (die viel Wert darauf legt, dass ihre – nicht als behindert eingestuften Kinder – in eine Grundschule gehen, in der gemeinsames Lernen ganz „normal“ ist)

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    • Frau Taugewas 9. März 2016 / 11:27

      Liebe Grüße auch an Dich und es ist wirklich schön zu lesen, dass es sie tatsächlich gibt, die Orte, an denen Inklusion funktioniert!

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  2. Juristin 7. März 2016 / 11:11

    War die erste Einrichtung nicht auch religiös? Komischerweise habe ich von staatlichen Kindertagesstätten noch nie so viele Stories gehört wie von religiös geprägten. Wirklich seltsam. Zum Glück für dein Kind musste es dort nicht hin, wo man es nicht haben wollte. Nur für dich sind es wieder weitere Anstrengungen (Wegzeit…)

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    • Frau Taugewas 9. März 2016 / 11:36

      Liebe Juristin,
      ja, die erste Schule meines Großen war katholisch. Der Kindergarten hier ist evangelisch. Einen Zusammenhang mit der Konfession habe ich noch nie bewusst wahrgenommen, ich hätte eher geglaubt, dass christliche Träger eher die Inklusion unterstützen. Hier im Ort gibt es auch eine katholische Krippe, die Inklusion macht. Naja, ich habe ja auch einen theologischen Hintergrund, vielleicht hat mein Wunschdenken über die kirchlichen Einrichtungen mich bisher etwas geblendet. Der Kindergarten, den unser Kind dann 2017 besuchen wird, ist eine Montessori-Eltern-Initiative (dort war auch mein Großer), also nicht christlich. Immerhin ist der Kindergarten in der Nähe der Uni (so wie die Tagesmutter zur Zeit), aber an unifreien Tagen, fahre ich insgesammt knapp 4 Stunden umher, wenn ich wieder nach Hause fahre(n würde).

      Liebe Grüße!

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      • Juristin 9. März 2016 / 13:18

        Ich hätte das früher auch anders erwartet, aber die Erfahrungen sprechen komischerweise eine andere Sprache. Wobei ich nicht alle über einen Kamm scheren will. VG!

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  3. Kerstin 7. März 2016 / 22:35

    Liebe Frau Taugewas!
    Traurig macht mich das, vorallem weil ich tatsächlich glaube, dass dein Kleiner ein Gewinn für jede Kindergartengruppe wäre: gerade weil er etwas anders ist , andere Hilfestellungen braucht und sich anders bewegt und spielt. Kinder sehen ja oft gar keine Behinderung , gehen mit dem Anderssein offen um und lernen gerade im Kindergartenalter Berührungsängste gar nicht erst zu entwickeln.
    Das ist der Erzieherin des kirchlichen Kindergartens leider nie vergönnt gewesen und mal abgesehen davon, dass du genau richtig entschieden hast, weil jeder möchte, dass sein Kind willkommen ist, ist sie – in meinen Augen – generell keine gute Erzieherin.
    Ich bin mir sicher, dass die zweite Einrichtung die bessere ist, auch wenn es schön gewesen wäre, wenn auch mal die praktischte Lösung, die beste gewesen wäre. Gibt es eigentlich Tagesmütter,;die behinderte Kinder betreuen?
    LG Kerstin

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    • Frau Taugewas 9. März 2016 / 11:43

      Liebe Kerstin,
      Dich hätte ich mal mit diesen Worten zu der Kindergartenleitung schicken sollen ! :-) „Hören Sie mal, der kleine Taugewas ist ein Gewinn für Ihre Gruppe!“ – vielleicht hätte sie es sich dann überlegt? Sie hat ja nicht explizit gesagt „Bleiben Sie zuhause mit dem Kind!“, das darf sie ja gar nicht, glaube ich. Aber wer mir durch die Blume sagt „lieber zwei gesunde Kinder als ein behindertes, auch wenn ich ebenso viel Geld dafür bekomme“… mh..

      Unsere Tagesmutter hat mehrere Zusatzseminare zum Thema Inklusion gemacht und betreute vor unserem Kind schon vorher ein behindertes Kind. Es gibt sie also wirklich, die Tagesmütter, die Inklusion betreiben! Allerdings ist ein Kindergartenplatz auch ganz nett, da dort alle Therapien stattfinden können – die Tagesmutter hat ja keine Sporthalle ;)

      Liebe Grüße!

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  4. Natalie 8. März 2016 / 23:11

    Liebe Taugewas,

    Eine traurige Erfahrung, ich wäre da auch nicht mehr hingegangen, vermutlich hätte es immer noch neue Gründe gegeben, um sich weiter so zimperlich anzustellen.
    Manchmal denke ich, wir sind noch immer in den Pioniertagen der Inklusion, müssen vieles erkämpfen,scheitern immer wieder an unerwarteten Hindernissen, Vorurteilen, Ängsten,di nicht sein müssten.
    Auch wenn das dir und deinem Kleinen nicht weiterhilft:meine Hoffnung sind die Kinder, die jetzt mit Inklusion aufwachsen, die werden hoffentlich später als Lehrer, Erzieher, Beamte … nicht mehr von diesen irrationalen Ängsten gebeutelt werden.

    Ich hatte mal ein augenöffnendes Erlebnis mit meinen beiden größeren Kindern, damals so ca. sechs und zwölf Jahre alt.
    Wir fuhren in der U-Bahn, neben uns ein deutlich sichtbar behinderter junger Mann, der vor sich hin schaukelte und leise Geräusche dazu machte, bei ihm eine ältere Dame, vielleicht seine Mutter.
    Meine Tochter, die – selbst stark entwicklungsverzögert und frühtraumatisiert – generell vor allem Unbekannten Riesenängste hat, fürchtete sich sehr. „Was ist das?“
    Ich war höchst peinlich überfordert, wollte mein Kind beruhigen, weder den Mann noch seine mutmaßliche Mutter irgendwie kränken, korrekt in alle Richtungen sein, fischte panisch nach Worten.
    Da riss meinem großen Sohn der Geduldsfaden. „Nun stell dich nicht so an“, raunzte er die kleine Schwester an, der ist behindert, kennst du doch.“
    Die Kleine entspannte sich sofort, ach so behindert, das hätte man ihr doch gleich sagen können, gut, dann ist ja alles vertrauensvoll setzte sie sich neben den jungen Mann. Seine Begleiterin lächelte ihr zu.
    So einfach war das also, denn „behindert“ ist kein Schimpfwort.

    @Kerstin, ja gibt es, hab‘ ich mal ’ne Zeitlang gemacht

    Auf eine Super- Kindergartenzeit
    Natalie

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    • Frau Taugewas 9. März 2016 / 11:47

      Liebe Natalie,

      Deine Geschichte ist so toll!
      So sind Kinder. Und es ist so wahr: Behindert ist kein Schimpfwort.
      So natürlich wie Deine Tochter reagiert hat, „Achso, behindert, ja dann ist ja alles okay, dann setzen wir uns jetzt zueinander!“ – genauso wünschte ich mir die Reaktion von der Kindergartenleitung (was für eine Utopie!): „Achso, das Kind ist behindert, ja dann kommen sie
      doch vorbei und wir setzten uns zusammen hin und gucken, wie wir das managen im Kindergarten!“
      Aber so reagieren Erwachsene nicht. Das ist das Unvoreingenommene der Kinder.
      Und hoffentlich dann in den Köpfen der Erwachsenen von Morgen!! Das wäre ein riesiger Erfolg.

      Liebe Grüße!

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  5. Anna Tagliabue 11. März 2016 / 12:05

    Liebe Taugewas,

    es ist *so schön*, dein kleines Kind im Musikkurs zu haben!!! Es bringt viel Leben in die Gruppe, und kein anderes Kind im Kurs ist so neugierig und kontaktfreudig. Ich habe noch überhaupt keine Erfahrung mit dem Thema Inklusion – sag mir bitte immer Bescheid, wenn ich irgendwas anders und besser machen kann! Ich freu mich, dass ihr dabei seid.
    Liebe Grüße :-)

    Anna

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    • Frau Taugewas 12. März 2016 / 14:21

      Liebe Anna,

      das zu lesen ist wirklich total schön! Durch die Teilnahme vom Kleinen in Deinem Kurs hast Du ja nun doch Erfahrung mit Inklusion :-D und ich freue mich, dass das „einfach so“ klappt, wahrscheinlich ist diese Natürlichkeit die beste Herangehensweise :-)
      Wenn er in fremden Taschen Lebensmittel aufreißt und isst, an allen Haaren einmal ziehen muss… Er übt noch Distanz zu halten.. wie schön, dass Du das so positiv siehst! Das ist keine Selbstverständlichkeit,
      und wirklich toll!. :-)

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