Warum das hier keine privilegierte Reise ist

blog58

Tatsächlich kommt mir wirklich wenig in den Sinn, zu fragen, wo Gott denn sei, wie das denn zu rechtfertigen sei. Im Angesicht der Behinderung danach zu fragen schien mir stets weniger wichtig. Erst mal fragen, wie es denn zu Krieg und Gewalt und frühem Tod kommen kann. Dennoch ist es hin und wieder Thema. Beim Thema Behinderung beim Kind tauchen irgendwann die Frage nach dem Wieso-Ich und dem Wo-ist-Gott auf. Wenn nicht von selbst, dann von außen.

Längst glaube ich das nicht mehr, dass es einen tieferen Sinn gibt, eine Art Privilegiertsein oder ein besonderes Ausgewähltsein. Behinderung passiert wie die Sonne scheint. Sie scheint sowohl auf Unkraut als auch auf Feldfrüchte. Dass das hier, diese Behindertenkindsache, eine Reise ist, glaub´ ich auch nicht. Ein feststehender Baum oder die windwackelnde Sonnenblume, die fangen nicht an plötzlich wurzelausreißenderweise zu reisen, nur weil die Äpfel Würmer haben und die Sonnenblumenkerne von den Vögeln angepickt werden. Die stehen immer noch so wie vorher. Wohin denn auch reisen? Die Äpfel nähren Würmer statt Menschen, die Sonnenblumenkerne nähren Vögel statt aufs Brötchen gestreut zu werden. Wohin reisen, wenn hier Sonne und Tiere sind?

Tatsächlich passiert Behinderung einfach, dabei ist das hier bei aller Gottesfurcht auch Gottesfrucht und da zählt survival of the fittest. Evolution. Dass hier Mutter und Kinder noch leben ist Medizin. Gott sei Dank!

Ich habe also nicht diese „Aufgabe“, nicht diese „Reise“, nicht diese Kinder, weil ich das besonders gut abkann oder es eine Inspiration ist oder eine Herausforderung. Ich habe das, weil es passiert ist. Nicht so wie shit happens. Und es ist kein Pech, denn die Sonne scheint ja bekannterweise auch wankende Sonnenblumen ins Gesicht. Es passiert, so wie sich das Wasser zu Seen zusammensammelt, wie Steine geformt werden im Flussbett, wie Möhren manchmal zweibeinig in die Erde wachsen und es besonders sonnige oder windige Tage gibt. So passiert das. Und keiner fragt dann: Wo ist Gott? Er ist einfach da. Zu hinterfragen, wo er sei, ist legitim. Sogar Jesus fragte (ver-)zweifelnd am Kreuz: Eli, Eli, lama asabtani? Das bedeutet: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?

Die einzige Antwort auf die Frage des Wo kann aber nur heißen: Er ist da.

Das Wieso-Ich ist damit aufgehoben. Lass es nicht zu einer Strafe werden, die einen trifft: ach weh, warum denn ich? Lass es dich nicht erheben, das dich befähigt: oh ja, wegen mir!

Es ist wie es ist.

Das hinzunehmen und nicht mehr zu fragen. Die Vielfalt und Einzigartigkeit sehen. Aber ja, auch klagen oder zweifeln. Wie es sogar Jesus tat. Und auf die Frage, warum denn dann überhaupt noch beten, in Dorothee Sölles Worten einen Sinn finden: „weil wir nicht ohne angst sind auch vor uns selber / nicht ohne zweifel an uns selber und unserem weg / nicht ohne ironie auch für unsere versuche / darum sagen wir manchmal // dein reich komme“ (D.Sölle/F.Steffensky, Politisches Nachtgebet, Bd. 1, S. 123)

3 Gedanken zu “Warum das hier keine privilegierte Reise ist

  1. Kerstin 20. April 2016 / 22:46

    Liebe Frau Taugewas!
    Ich glaube den Weg, den du innerlich gegangen bist, ist ein sehr weiter, kluger, manchmal vielleicht auch steiniger und ganz sicher nicht die Abkürzung. Ich glaube, dass dein Text hier für einige Eltern mit behinderten Kindern sicherlich starker Tobac ist. Aber: in meinen Augen auch ein Text , der geschrieben werden sollte.
    Auch ich glaube nicht, dass die Auserwählten behinderte Kinder in Gottes Lotterie „gewinnen „. Denn im Umkehrschluss bedeutet dies ja eigentlich auch, dass die Eltern von gesunden, kraftstrotzenden, alle Normen erfüllenden Kindern schlechter sind oder zumindest schwächer. Das ist natürlich völliger Humbug. Genauso wenig ist es für mich schlüssig, dass Kinder, die am plötzlichen Kindstod sterben oder still geboren werden „zu gut für diese Welt “ sind oder gar Engel, die zurück gerufen werden. Trotzdem kann ich verstehen, dass diese Aussagen für Eltern tröstlich sein können und es liegt , so glaube ich, in der Natur des Menschen nach dem Sinn zu suchen. Ich glaube nicht, dass sich Eltern erheben wollen, die an solche Aussagen glauben oder glauben wollen, sondern vielleicht manchmal einfach die Erkenntnis das man schon besondere Fähigkeiten braucht mit einem behinderten Kind zu leben und vielleicht auch die Aussage von Aussenstehenden :“ ich könnte das nicht….“
    Das Ding ist, dass ich denke, dass es im Endeffekt vermutlich fast (!!!) Jeder könnte, wenn es das eigene Kind betrifft, da eines gleich bleibt: die Liebe. Elternliebe trägt und erträgt viel mehr als jede andere Form der Liebe. Im schlimmsten Fall sogar lächelnd ein Kind für immer in seinen Armen zu verabschieden, in dem Wissen, dass man danach niemals wieder ganz glücklich sein wird.
    Vielleicht und nur vielleicht ist genau das ein Zeichen dafür, dass Gott da ist: die Liebe von Eltern, trotz Verzweiflung, Wut , Trauer,Müdigkeit oder Überforderung.
    Bis ganz bald, Kerstin

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    • Frau Taugewas 24. April 2016 / 13:25

      Liebe Kerstin!

      Falls dieser Text für Eltern von behinderten Kindern schwer verdaulich sein sollte oder sie sich nicht darin wiederfinden, dann kann ich das sogar verstehen. Ja, erheben will sich keiner und ob „jeder“ in der Lage wäre, ein behindertes Kind groß zuziehen, das werden wir nie erfahren, denn ein behindertes Kind zu haben, ist ja immer noch eine Ausnahme. Ich danke Dir für deinen Kommentar und mir geht es ganz ähnlich wie Dir.
      Ich (! das trifft bestimmt nicht auf jeden zu) denke, vielleicht ist es besser, das eigene Ich und die Tatsache der Behinderung nicht in einen Zusammenhang (sei es Schuld, Befähigung oder Sinnessuche) zu stellen, um eine Akzeptanz zu erreichen.
      Sinnsuche kann ja trotzdem abseits dieser Frage geschehen.

      Manchmal, an schrecklich anstrengenden Tagen, da tut es sicherlich gut, sich bewusst zu machen, dass man da etwas Überdurchschnittliches tut. Diese Erkenntnis kann ja auch Anerkennung sein.

      Liebe Grüße :)

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