Ein Schutzraum auf dem Festland

blog59

Es gibt diese Rubrik „Unser Wochenende in Bildern“ auf vielen Eltern-Blogs im Internet. Dort zeigen ganz normale Eltern Fotos von ihren ganz normalen Wochenenden. Frühstückstische mit Brötchen und Kakao, Kinder auf Spielplätzen, Kinder auf Laufrädern oder Rutscheautos. Ausflüge, Eis essen oder zuhause etwas basteln.

Daran musste ich denken. Als ich frierend auf einer Decke saß, im Park, am hintersten Rand. Neben mir ein großer, alter Karton. Mit dem Plastik eines blauen Müllsacks und silber-schimmerigen Panzertape beklebt. Dann noch ein wankendes Kleinkind in einem Müllsack-blauen Anorak und ein Großkind. Das Großkind stand ziemlich motzig hinter einem Baum versteckt und schlug verärgert einen dicken Stein in dessen Rinde. In der Ferne sah ich Kinder Ball spielen. Und Omas, die Kinderwagen schieben. Angeleinte Hunde, wippende und schaukelnde Kinder auf dem Spielplatz. Eine Menschentraube, die sich um den Spielplatz knubbelte. Ich hatte kein Handy dabei und hätte auch kein Foto gemacht. Mein Wochenende geht besser in Worte. Nicht in Bilder.

Schon auf dem Weg, wie ich so mit dem Großkind die IKEA-Tasche mit dem viel zu großen Karton trug, da fühlte ich schon, dass es wackelig werden kann mit dem Glücklichsein bei ihm. Er hatte einen Plan und Pläne können scheitern. Angestrengt versuchte ich, positiv zu denken. Und dieses bisschen Peinlichkeit wegzuschieben, das in mir hochkam angesichts des Müllkartons. Konnte er nicht einen Ball mitnehmen? Oder einen Roller? Ein Springseil? Quatsch! Außerdem ist das eine portable Wohnung, die er mit in den Park nimmt. In seinem Zimmer stehen überall solche Kartonhöhlen. Jetzt stand aber ein Karton im Park auf der Wiese. Ein Stück Insel auf dem Festland. Ein Schutzraum.

„Mama, wir gehen dahin, wo keine Leute sind, da drüben, ja?“ delegierte er mich (mit Karton und Kind in den Armen). Wo keine Leute sind. Ich muss nicht autistisch sein, um das selber gut zu finden. Wegen des Müllkartons und dieser Unglücklichkeitsbefürchtung in mir. Da ist man besser unter sich.

Außerdem hatte er noch einen kleinen Karton. Gefüllt mit Panzertape, Taschenmesser, Kleberolle, Schere, einem zusammenklappbaren Camping-Becher, eine Flasche Apfelsaftschorle und einer kleinen Dose mit Kirschtomaten. Für das Kleinkind. Denn was er plante, das war ein Picknick.

Irgendwie süß, dass er an den Kleinen denkt. Der aß Kirschtomaten und freute sich. Der andere schüttete sich Apfelschorle in den Becher. Das war der Anfang. Die Schorle tropfte auf seine Hose und klebte dort nässend den Stoff an sein Bein. Außerdem war es zu kalt und ich eine Spielverderberin. Er sollte Schuhe und Jacke anlassen, aber dann klappte es nicht so gut mit dem In-der-Kiste-hocken. Ich sah den Kopf aus der Kiste und wie sich das Gesicht langsam rötlich färbte. Wut. Dann räumte sein Bruder auch noch seine kleine Kiste aus. Der Plan war hinüber. Statt eines Müllkisten-Picknicks wie geplant war das eine klebrig-nasse Hose und nur noch doof. So stand er dann hinter dem Baum.

Die Wut und Enttäuschung über den missglückten Plan musste die Rinde aushalten. Und bloß nicht gucken. Aber ich guckte auch nicht. Ich guckte nur die Leute an, die da so normal rumliefen. Und dann wir. Wir sind anders. Das ist okay. Vielleicht weiß ich jetzt präziser zu antworten, wenn ich wieder gefragt werde, wie das so ist mit uns. Das ist ein Rübersegeln im Müllkarton. Sehr wackelig.

2 Gedanken zu “Ein Schutzraum auf dem Festland

  1. Kerstin 25. April 2016 / 21:29

    Liebe Frau Taugewas!
    Hätten wie euch im Park getroffen, wäre bei meinem Grossen ob des Kartons keine Verwunderung aufgekommen, sondern Begehrlichkeit und die grosse Frage,;warum er sein Karton-Schiff ( das ich Gott sei Dank noch nicht mal tragen KÖNNTE) nicht dabei haben darf…
    Vielleicht hättest du uns auch erkannt : der Grosse interessiert sich bei dergleichen Ausflügen momentan fast ausschließlich dafür Müll ( natürlich nur in meinen Augen) einzusamneln, den er dringend braucht. Gekleidet übrigens in eine Softshelljacke, die ich nächtelang im Internet gesucht habe, da sie von der letzten Saison ist, er aber nur diese tragen wollte, da er sie letztes Jahr hatte in einer Nummer kleiner. Verrückt sie dann zu suchen? Na klar, aber ich erkaufe mir damit nicht nur eine Jacke, sondern terrorfreie Morgende.
    Der Kleine rutscht und schaukelt zwar und fährt auch sein Motorrad, allerdings ausstaffiert mit meiner uralten Skibrille ( die ihm meine Eltern dankenswerterweise; -( überlassen haben) und einer Schiebermütze, die zu gross ist. Und vermutlich würde er dich fragen, was für Schuhe du trägst und wie oft. Schuhe sind sehr wichtig für ihn momentan. Und jaaa, ich glaube immer noch, dass er völlig normal ist.
    Und auch ja: ich verstehe gut, dass man sich manchmal ein grosses Stück Normalität wünscht ( in deinem Fall noch mehr)und die damit verbundene Leichtigkeit, damit wenigstens ein Ausflug nicht wieder beschwerlich ist.
    Manchmal ist ein: „es ist wie es ist“ Arbeit.
    Doch ich merke auch, dass mir das Drumherum und die Peinlichkeit immer mehr egal werden und ich mich kaum noch frage, was Andere denken und ich früher selbst gedacht hätte. Ändern kann ich es ja nicht und wenn ich wütend werde und ein “ kannst du nicht einfach mal….“ sage, wird es meist für alle erst recht kein guter Tag.
    Und ganz ehrlich, ob man den Wochenenden in Blogs immer so glauben darf…ich weiß nicht. Es sind Momentaufnahmen und wenn du dir die richtigen Motive raussuchst, sehe auch dein Wochenende ganz prachtvoll aus. Hast du nicht mal geschrieben, ;dass man an Urlaubsfotos mit Kindern oft denkt : wer hat die eigentlich gemacht und war ich dabei? Ich bin mir ganz sicher, dass es fast jeder Familie so geht….auch mit den Wochenenden.
    Und manchmal hebt mein Grosser beim Müllsammeln eine blaue Pailette auf,;schenkt sie mir und sagt:“ passt so gut zu deinen Augen!“. Da ist der Ausflug dann auch wieder schön.

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    • Frau Taugewas 6. Mai 2016 / 23:49

      Liebe Kerstin,

      ich musste so schmunzeln beim Lesen mit der Softshelljacke!
      Ich habe super lange im Netz nach einem bestimmten Schuhpaar, gebraucht, ich musste sogar neuen Klett drannähen, gesucht. Aber der terrorfreie Morgen ist es mir auch wert ;)
      Das mit der Pailette beim Müllsammeln liest sich so wunderbar, solche Momente sind so zauberhaft…

      Liebe Grüße :)

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