Ausatmen

 

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In meinem Kopf. Ein Vor und ein Nach der endgültigen, schlussendlichen, abschließenden, alles offen legenden, Klarheit bringenden Diagnose. Ein Dasallesistmöglich, ein Dasallesprüfenwirnach. Ein WirwartenaufsErgebnis. Und dann ein So Ist Es. Ein Einatmen. Um dann auszuatmen.

Ich atme nicht aus. Nicht jetzt. Vielleicht in ein Paar Jahren. Vielleicht nie. Kann man ohne zu atmen leben?

Ob er oft stolpert.

Ja.

Aber rennen kann er?

Er kann beschleunigen.

Er läuft recht breitbasig. Wie läuft er denn eine Treppe? Läuft er überhaupt die Treppe? Wir wollen das mal angucken, im Flur ist eine kleine Treppe. Es gilt herauszufinden, warum er denn draußen nicht läuft.

Liegt das nicht an seinen Augen?

Wir sind bei der Physiotherapeutin im SPZ. In ihrer Hand ein Zettel, auf dem sie Nummern einträgt. Wissen Sie, ich muss hier vermerken, was er alles kann, alles hat eine Zahl.

Achso.

Ich wusste ja, dass ein Junge mit weichen Muskeln kommt, ich hab es mir aber schlimmer vorgestellt.

Achja?

Der Junge macht nicht mit. Er räumt ein bisschen die Kiste mit Gewichtskissen aus und er reißt ein bisschen Zettelchen ab. Ich räume und klebe hinterher. Bei den Übungen weint er. Dann ist auch schon Schluss.

Ich schreibe jetzt einen kurzen Bericht und gebe es dem Doktor, dann werden Sie aufgerufen.

Alles klar.

Schnell räume ich noch ein bisschen das Spielzeug zur Seite. Vielleicht sollte ich wegen des Chaos hier offensiv vorgehen, sonst denken die noch, ich hab´s nicht drauf als Mutter oder so.

Der hat hier aber auch einen Wust gemacht, oh Mannohmann.

Kennen Sie das denn auch von zuhause?

Na klar, der macht immer Wust!

Ja, also wenn Sie da Beratung brauchen, dann gibt es hier heilpädagogische Hilfe im SPZ.

Nee, schon gut, er ist zwei, er darf Wust machen!

Im Arztzimmer zerreißt der Junge Zettelchen. Während ich zuhöre. Dann wackelt das windelbekleidete Kind zwischen uns herum. Ob die Assistenzärztin denn auch mal seine Haut anfassen dürfe? Na klar! Ein bisschen ziehen und dehnen. Die Füße immer kalt.

Vielleicht war er im früheren Leben ´n Reptil oder sowas.

Glauben Sie an sowas, also sind Sie Buddhistin?

Nee, ich bin Christ.

Ach? Dogmatisch?

Ich?

War nur ´n Scherz!

Ach!

Stürzt er oft?

Ja.

Mmhm.

Ein bisschen Reflexübungen. Das Kind wackelt zum Mülleimer. Ich hinterher. Er steckt sich gerne komplett rein, das ist in einem Krankenhaus ungünstig.

Wir haben ihn komplett durchgecheckt. Und alles getan, was wir tun konnten.

Pause.

Ich auch.

Der Arzt guckt verwirrt.

Und ich: Ist das nicht frustrierend?

Ja natürlich.

Er blickt auf seinen Stapel Zettel auf dem Schreibtisch. Er wirkt plötzlich anders. Es liegt bestimmt daran, dass er mir die Nase zuhält, sodass ich nicht ausatmen kann.

Wir sehen uns trotzdem in einem Jahr wieder.

Als sei das ein Trost.

Und morgens aufwachen. Immer noch zwei Arme und zwei Beine und einen Kopf. Immer noch das Loch im linken Schuh und die abgebrochene Ecke in der Lieblingsteekanne. Immer noch ein behindertes Kind. Und noch eines. Aber das ist anders.

Im Krankheitsfall der Tagesmutter kann man auch vormittags einkaufen gehen. Die Leute hinter mir an der Kasse sollen ruhig vorgehen, ich hab ja den Wagen voll.

Gehen Sie ruhig vor, ich hab ja so viel und dieses Hampelkind.

Das Kindchen hängt nur noch mit einem Fuß im Wagen. Die Leute hinter mir bleiben dort wo sie sind und nehmen ihn auf dem Arm, damit ich ausräumen kann.

Bis zur Bushaltestelle sind wir voll nasser Tomatenglibberkerne. Tomaten sind zum Reinbeißen da, nicht zum im-Rucksack-liegen. Nasen sind zum Atmen da.

 

 

5 Gedanken zu “Ausatmen

  1. Kerstin 2. Mai 2016 / 12:20

    Hallo Frau Taugewas!
    Es gab mal einen Film, der hieß „waiting to exhale“: es ging dabei zwar um die Liebe, aber er beschreibt eigentlich das Gefühl , das du hast ganz gut. Ich finde, man kann oft viel aushalten ,aber wenn man so lange auf einen wichtigen Termin wartet und man sich 1001 Gedanken darum macht, ist es einem oft fast egal, was dabei rum kommt….Hauptsache, es kommt mal zu einem Ergebnis mit dem man dann so oder so umgehen kann.
    Ich habe gerade jede Menge Dinge offen : privat und beruflich ( der Brief von der Schule ist ua immer noch nicht da….) , negativer und positiver Natur und im Prinzip kann ich gut damit umgehen, auch da wächst man ja rein und irgendwas ist- sind wir doch mal ehrlich- gerade in Familien immer….aber was mich wirklich mürbe, müde und mitunter auch fassungslos macht, ist, wenn man – wie ich immer sage, “ keine Baustelle mal schließen kann“, sondern alles keinen Abschluss findet.
    Daher kann ich deine Frustration sehr gut verstehen…und auch das Luft anhalten.
    Hoffe, du holst dir die Kraft zum trotzallem durchtrennt irgendwo her….
    Alles Liebe,Kerstin
    P.s.: die Heilpädagogin, die hier das Chaos meines 3 und 6jährigen vereitelt, kannst du gerne mal rum schicken ;-)

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  2. Frau Taugewas 6. Mai 2016 / 23:44

    Liebe Kerstin,
    oh das dauert ja furchbar lange mit dem Schulbrief bei Euch.. Ich drücke weiterhin die Daumen! Zu einem Ergebnis oder Abschluss zu kommen, selbst wenn es anders kommt als erhofft, ist irgendwie trotzdem besser als in der Luft zu hängen. Ich hoffe für Euch, dass der Brief und eine Zusage bald kommt.

    Liebe Grüße :)

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  3. Natalie 9. Mai 2016 / 23:32

    Liebe Frau Taugewas,
    Es ist ja nun schon ein paar Tage her — wir haben ums im Krankenhaus (blöd) und auf einer Familienfreizeit (wunderbar) herumgetrieben — , so hoffe ich, dass du mittlerweile ausatmen, durchatmen konntest.
    Soviele Tage und Nächte voller „was wäre, wenn…und wenn nun… wie ertrage ich unter Umständen…“ und dann … nix, nur die skurrilen Szenen, die du so überdeutlich beschreibst. Aber „Nix“ bedeutete auch, ziemlich viele brutale Diagnosen NICHT erhalten zu haben, vielleicht ist das ein Trost.
    Ich bin sicher, dein Kleinzauberer wird den Weg zeigen, den ihr gehen müsst, den ihr gehen werdet, auch ohne Diagnose.
    Alles Liebe
    Natalie

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    • Frau Taugewas 10. Mai 2016 / 22:56

      Liebe Natalie,
      ich hoffe mal, dass der KH-Aufenthalt nichts dramatisches war und wünsche gute Besserung!
      Das Atmen klappt. Es gibt ja Unterschiede. Flache Atmung, bewusste Atmung, Bauchatmung, Brustatmung. Solange der Kopf noch überlegt, ob und wie geatmet werden soll, atmet der Körper seine flache Bauchatmung geduldig und verlässlich, bis der lästige Kopf nachzieht und Kontrolle über etwas haben will, was sich sowieso selber regelt. ;-)
      Ich bin auch dankbar, dass viele Diagnosen sich nicht bewahrheitet haben. Der Arzt und sein Labor forscht ja weiter an den Genen herum und schließt nicht aus, irgendwann etwas zu finden. Das sollte jedoch besser nicht zum Klammergrashalm werden.. Es ist ziemlich doof, nichts zu wissen. Aber diese Erkenntnis ist ja auch uralt ;-)

      Liebe Grüße an Dich!

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