Frühling. Mit Kind, Eduard Mörike und ein bisschen Heinrich Heine

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Diese Tage, an denen ich nicht in der Uni bin, weil das einzige Seminar an dem Tag für diese Woche gestrichen wurde. Das könnten in-der-Bib-sitzen-und-lernen-Tage sein, denn Zeit ist kostbar. Oder ich könnte ins Schwimmbad gehen, was ich auch viel zu lange nicht mehr gemacht habe.

Das Wetter baut einen Erwartungsdruck auf, dass einem fast schlecht wird und es guckt einen böse an, wenn man dennoch drinnen sitzt. Statt vom Wetter gedrückt zu werden, lasse ich mich lieber drücken und zwar vom Kind. Ich melde es von dem OGS-Brückentag ab und wir machen nur das, was Spaß macht. Vor allem machen wir es ohne Quäkekleinkind und sowas haben wir selten.

Keine Wolke ist am Himmel zu sehen, wir laufen zum Botanischen Garten. Auf dem Weg stehen Kastanien streng in der Reihe und wollen eine Allee sein. Man erkennt die an den Pigel-Blüten, sagt das Kind und ich verstehe genau, was er meint. Ein Hochzeitspaar grinst dem Fotografen verliebt in die Kamera, daneben stehen die Übrigen mit Sekt. Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte. Kaum sind wir unsichtbar vorbeigehuscht um nicht Teil einer Fotografie zu werden, da stehen schon die nächsten mit Sekt in Schwarz. Neben dem Leichenwagen. Wo wird einst des Wandermüden letzte Ruhestätte sein? Der neben mir erzählt schon von der Notwendigkeit einer gerichtlichen Einigung im Falle einer Scheidung oder eines Verkehrsunfalles (alles nur hypothetisch, betroffen ist er glücklicherweise nicht). Die Allee ist lang genug. Sie reicht für die Kopftuchfrage, die keine sein sollte, denn jeder sollte tragen dürfen, was er selber möchte. Und es reicht es noch für das Thema der Gleichberechtigung der Frau.

Oh wie wunderschön der Botanische Garten ist! Wir können uns nicht satt sehen. Der Ginko, der sowohl männliche als auch weibliche Äste besitzt, weil die eine Pflanze in jungen Jahren an die andere gebunden wurde. Das Mammutblatt aus Chile. Die Lotusblüte. Wilder Rhababer. Jede Pflanze, jedes Schild, jede Infotafel soll ich erklären und vorlesen. Dann sehen wir eine kleine Eidechse, die sich in der Mittagshitze wärmt. Im großen Gewächshaus stehen Ameisenbäume und Kakteen. Warum haben wir nicht längst eine Patenschaft für einen Baum übernommen? Riesige, gummiartige Blätter versperren uns den Weg.

Unsere Nasen sind schon längst rotgebrannt in der prallen Sonne.

In der Unicaféteria trinken wir Automatenkaffee und Automatenkakao und besprechen die gewichtigen Dinge im Leben. HIV (und weshalb es ein Virus und kein Bakterium ist und warum noch keiner ein Mittel dagegen gefunden hat), Prostitution und wie es möglich ist, diskriminierungsfrei zu handeln und zu denken.

Dann fällt mir das blaue Band ein, wieder flattern durch die Lüfte, süße wohlbekannte Düfte, und wir gehen etwas essen, in die Bibliothek und in das Spielzeuggeschäft.

Oh! Das Spielzeuggeschäft! Unsere roten Nasen kleben an der Vitrine mit den kleinen Roboter-Käfern. Und Roboter-Larven. Und Roboter-Spinnen. Und wieder lese ich alles vor und erkläre alles ganz genau. Auch bei den Mikroskopen, die das Kind Miroskope nennt und damit gerne einzelne Blutbestandteile angucken würde. Aber wir kaufen nichts, denn das Kind möchte sparen. Immerhin schafft die Europäische Zentralbank den 500€-Schein ab, so eine Frechheit, dabei spart er seit Monaten auf so einen großen Schein! Mit so einer Entscheidung hätte die Bank doch auch noch zwei Jahre warten können.

Für ein Eis im besten veganen Eiscafé der Stadt reicht es zum Glück. Schokolade und Kokos. Ich lese „die drei ???“ vor und das Kind stellt den Rekord im Langsamessen auf. Ein Genießer.

Solche Tage sind schön.

Verdächtig.

Kind, ich gönne Dir solche Tage.

Später sitzen dicke Tränen in blauen Augen. Das ist so gemein. Ich leide mit. Es ist die Sonnencreme. Wir sollten nach Island ziehen, wo man keine Sonnencreme braucht.

Nichts hilft. Dazu klebt das Kleinkind an mir dran. Zum Glück haben wir einen Stein aus seiner Steinsammlung dabei. Mit dem gehen wir ins Mineralogische Museum und lassen ihn bestimmen. Ein Quarz. Die Dame ritzt verschiedene Materialien in den Stein, um seine Härte zu bestimmen. Das Klo dürfen wir auch benutzen und die eklige Creme immerhin von den Händen waschen.

Auf dem Rückweg erklärt er mir Unterschiede zwischen theoretischer und praktischer Physik. Ein bisschen gehen die Mundwinkel wieder nach oben. Horch, von fern ein leiser Harfenton! Frühling, ja du bist´s! Dich hab ich vernommen!

4 Gedanken zu “Frühling. Mit Kind, Eduard Mörike und ein bisschen Heinrich Heine

  1. Natalie 9. Mai 2016 / 23:36

    Oh ja, das ist so wichtig, den Kindern Zeit ohne ihre anstrengenden Geschwister zu schenken. Danke für die Erinnerung, das Mittelkind ist dringend mal wieder dran.
    Und dein Großer ist einfach bezaubernd.
    Natalie

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    • Frau Taugewas 10. Mai 2016 / 22:47

      Liebe Natalie,

      oh danke, das Kompliment leite ich morgen mal weiter – ich finde ihn ja auch bezaubernd :o)
      Es ist gar nicht so leicht, sich Zeit für nur ein Kind frei zugraben – bei drei Kindern ist das bestimmt noch um einiges schwieriger..

      Liebe Grüße :)

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  2. Natalie 11. Mai 2016 / 23:24

    Der Älteste ist ja schon erwachsen … Mit dem quatsche ich mich manchmal stundenlang in der Küche fest, wenn die Lütten schon schlafen

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  3. Bruder 16. Mai 2016 / 0:05

    Egal was sonst ist, wer Automatenkaffee oder Automatenkakao aus der Uni trinken kann und dem nicht sofort schlecht wird oder darüber diskutiert wie schlecht der das Getränk ist hat meinen größten Respekt verdient ;) LG

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