Wo ist mein Verstand?

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Integration ist keine Momentaufnahme sondern ein Prozess, der viel Zeit und Geduld erfordert. Ob sie glückt, weiß ich nicht. Aber einen Versuch ist es in jedem Fall wert.“

In diesem Artikel gibt die Lehrerin Maria Lodjn einen kurzen Einblick in ihre Arbeit in einer Integrationsklasse mit einem autistischen Jungen.

Ich bin unendlich dankbar für solche Artikel. Frau Lodjn beschönigt nichts, sie beschreibt ganz schlicht ihre Gedanken und Erlebnisse. Weder vollständig noch voller Verständnis. Ja, es bleiben Fragen offen, der Weg ist offen. Aber sie ist ehrlich und authentisch. Ich erlebe (auch bei mir und) bei anderen, dass das Ideal der Inklusion gerne zu einer Realität gemacht wird, die jedoch nicht existiert. Es braucht Mut, die Dinge auszusprechen, wenn sie nicht dem Wunschdenken entsprechen. Ja, es gibt es, das Anderssein.

Noch schwieriger wird es, wenn das Anderssein so gar nicht verstanden wird.“

Ja, es gibt sie, die Verständnislosigkeit.

Es gibt sie auch dort, wo die Experten des eigenen Kindes leben: zuhause.

Diese Kinder, die völlig neben der Spur sind, das sind nicht zwangsläufig vernachlässigte Menschlein aus zerbrochenen Familien. Das hätte ich früher selber nicht geglaubt. Der eigene Horizont ist begrenzt.

Schule ist anstrengend. Socken anziehen ist anstrengend. Mein Kind, das Pulverfass. Die Kekse werden abgewogen. Er schummelt. Ich interveniere. Kurz darauf will sich das Kind vom Balkon stürzen. Jetzt interveniert der Papa. Ich atme. Ja, es gibt sie, die Verständnislosigkeit. Wo ist mein Verstand?

Stapelweise Bücher, all das Wissen über Autismus, Wahrnehmungsstörungen, Sprachstörungen, Hochsensibilität, das lässt Dich im Stich.

Für jedes erschossene Huhn sollte ein Mensch erschossen werden!“. Ist das brutal? Das ist Gerechtigkeit. Für ihn. Draußen stehen trauernde Maibäume mit flatternden Bändern. „Soll ich auch mal ´nem Menschen die Beine absägen und ihn vor´s Haus stellen und schmücken?“. Ich kenne das. Ich hatte keinen Brautstrauß und zimmerte mir einst meinen wiederverwendbaren Holztannenbaum.

Weltschmerz.

Er zerkratzt gerne alte CDs. Als Nachmittagsbeschäftigung. Draußen zündelt er mit der Lupe in der Sonne bis ein paar trockene Äste rauchen. Ich sitze dabei. Manchmal schnieft er abends im Bett. Oder spricht gegen die stummen Wände. Es ist anstrengend und ich fühle mich ohnmächtig. Es braucht Mut, Dinge anzunehmen, die nicht dem Wunschdenken entsprechen. Ich bin da, um mein Kind in allen seinen Lebensphasen und Gemütszuständen in den Arm zu nehmen und zu begleiten. Nicht jedoch, um es glücklich zu machen. Ich bin Mama, keine Glücklichmacherin. 

Frau Lodjn schreibt: 

Nichts, rein gar nichts ist in Stein gemeißelt. Was am Montag gut ankommt, kann am Dienstag scheitern.

Genau so ist es.

5 Gedanken zu “Wo ist mein Verstand?

  1. Kerstin 17. Mai 2016 / 0:17

    Liebe Frau Taugewas!
    Genau so ist es. Inklusion wird, in meinen Augen, immer ein Balanceakt mit einigen Kindern bleiben, weil es eben nicht nur auf die Lehrer oder die Mitschüler ankommt, sondern eben auch auf das Kind..das manchmal gar nicht integriert sein will..oder jann…oder eben heute ja und morgen aber besser lieber nicht. ..
    Und ja, wir Eltern sind ganz sicher keine Glücklichmacher. Genauso wenig eben wie das Kind auf der Welt ist, um uns glücklich zu machen. Oder auch nur zufrieden. Ich habe mich vor Jahren bewusst dafür entschieden ein Kind zu bekommen: na klar, aber damit hatte er ja nicht soviel zu tun und – mal ganz ehrlich – ich habe mich ja auch nicht bewusst für die Menschen entschieden, die jetzt aus ihnen geworden sind. Bei Beiden im übrigen. Das ich sie trotzdem kompromisslos liebe: das ist Gott sei Dank so und ich werde sie immer versuchen zu schützen und zu begleiten, aber sie werden auch ihren eigenen Weg gehen müssen: selbst wenn er steinig ist und ich ihn vielleicht irgendwann nicht mehr versteh.
    Wo mein Verstand ist? Das frage ich mich auch oft. Oft aber auch, wo mein Sohn seinen gerade verlegt hat…wenn er wie heute einen Wutanfall bekommt, weil er – ausnahmsweise – in Stoppersocken in seine Schuhe steigen sollte, um zum Auto zu laufen, wo -aus Vwrsehen- schon alle anderen Socken eingepackt waren. Im Endeffekt lief er dann barfuß bei 5 Grad und unser beider Verstand flog schon mal voraus. Wir haben ihn dann irgendwo auf der Autobahn wieder eingeholt.
    LG und eine angenehme Woche, Kerstin
    Ps: wir gaben den begehrten Schulplatz und hoffen jetzt, dass er ihm auch gewachsen ist. Aber endlich mal eine Baustelle – fürs Erste – zu.

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    • Frau Taugewas 19. Mai 2016 / 23:11

      Liebe Kerstin,

      das freut mich aber wirklich sehr, dass ihr den Wunsch-Schulplatz bekommen habt und die Warterei endlich ein Ende hat :-)
      Ist es eigentlich ein I-Platz an einer Regelschule (so hatte ich es in Erinnerung..)
      …Du schreibst das so locker, dass das Kind in manchen Situationen tatsächlich auch nicht integriert sein _will_ .. So empfinde ich das manchmal auch, eine gewisse „Ich mag da nicht mitmachen“-Haltung, für die man im Übrigen nicht mal I-Kind sein muss ;)
      Aber ob dieses Wissen über das Nicht-Integriertseinwollen bereits bei den engagierten Sonderpädagogen in den Gemeinschaftsschulen angekommen ist ?
      Dass es bei Euch auch Socken-Schuhe-Probleme gibt, ist wirklich tröstlich. Es gibt also auch andere Menschen mit solchen absurden Situationen. Wie gut, dass der Verstand dann doch immer wieder auftaucht! Mein Sohn ist mit einem Jahr im Schnee barfuß gelaufen wegen seiner Schuhe….
      Liebe Grüße!

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      • Kerstin 23. Mai 2016 / 23:25

        Hallo:-)!
        Ja, er ist ein I-Kind an der Regelschule und ich bin wirklich sehr gespannt wie es klappt.
        Lg

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  2. inklusionsgedanken 17. Mai 2016 / 10:22

    vielen Dank für den starken und berührenden Text… ich finde auch den Gedanken „kein Glücklichmacher, sondern Papa zu sein“… wichtig und oft auch hilfreich.

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    • Frau Taugewas 19. Mai 2016 / 23:12

      Ich freue mich, danke für den netten Kommentar! :)

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