Lachen und Zähnefletschen

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An Land. Du drückst meine Hand, etwas feste, und schaust mir dabei in die Augen, ganz dolle, bückst Dich sogar zu mir herab, weil Du viel größer bist, und das alles so lange. Das soll nett sein. Handschütteln ist Konvention und so bewusst das zu tun, das ist wohl nett. Warum machst Du das, so tief in die Augen blicken? So tief in die Augen blicken, ist das eine Drohgebärde? Und auch noch festhalten.

Und Lächeln. Zähne zeigen. Ist das Ausdruck von Freude? Frag einen Hund, eine Katze, frag einen Wolf. Das ist Überlegenheit. Du fauchst.

Du kneifst nicht die Augen zu, zwei, drei Mal. Oder schnurrst. Dann weiß ich, dass es okay ist. Oder hälst Deine Hand rückseitig an meine Hand. Rückseitig. Nur so nebeneinanderstehend, wie Pinguine, die sich an ihren Flügeln beiläufig berühren.

Aber das machst Du nicht. Du bist ein Mensch. Mit Menschengebärden und Menschenkonvention. Dieses Bitte-und-Danke-Sagen. Das Nettsein und Türaufhalten. Vor allem das Hallo-und-Tschüss sagen. Keine Schwänze und Ohren, die oben stehen können. Wir sind verkrüppelt. Darum haben wir die menschliche Sprache. Die ist uninselig.

Mit den Füßen stehe ich auf der Insel. Mit den Händen berühre ich das Festland. In dieser Position, im Yoga gibt es dafür bestimmt irgendeinen kreativen Namen, rutsche ich ab und gehe unter. Im Wasser. Die Fische neben mir sind stumm. Sind das wirklich die, die es nicht geschafft haben, beides zu sein? Den Abgerutschten wachsen Flossen und Kiemen. Und sind etwas neues.

Taub zu sein, stellst Du dir manchmal vor. Ohne den Lärm und auch ohne die Sprache. Aber auch ohne Musik, ist Dir das egal? Wie Du da so stehst und nichts sagst und Deine Augen zukneifst, ein, zwei mal. Dann schließe ich die Tür. Und wenn ich durchgenässt wiederkomme, weil ich keine Brücke bin, und „Hallo!“ rufe, dann kommt der eine und springt mich an wie ein junger Hund. Sein Bellen ist verpackt in Festlandsprache mit Inseldialekt und gibt eine Ahnung, was evolutionär nach den Fischen folgen kann.

Und Du sitzt da noch. Bis ich zu Dir komme. Pinguinhand. Du riechst noch immer nach meiner Herde. Ein kurzer Blick von der Seite, wie ein Paradiesvogel, den Kopf kurz nach vorn. Die Insel.

2 Gedanken zu “Lachen und Zähnefletschen

  1. Natalie 19. Juni 2016 / 23:30

    Wieder ein berührender Text.
    Danke.
    Ich werde es nie vergessen: Mein Mittelkind in Klasse vier, füng Tage auf Klassenreise.
    Der Reisebus hatte Verspätung, eine Schar von abholenden Eltern und Geschwistern, alle aufgeregter als sie zugeben mögen, wuselt auf dem Schulhof rum.
    Endlich kommt der Bus, das sind sie, da sind sie. In dem Durcheinander, das aus dem Bus quillt, kann ich mein Kind nicht ausmachen,so viele schwarze Schöpfe. Auf einmal rammt mich etwas in Bauchhöhe, mein Kind umschlingt mich, vielleicht zwanzig Sekunden lang. Das war das einzige Mal in zwölf Jahren. Ich werde es nie vergessen.
    Bei dem Kleinen kann sie es.
    Und einmal bei meinem dementen Vater. das werde ich auch nie vergessen.
    Natalie

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    • Frau Taugewas 22. Juni 2016 / 23:50

      Liebe Natalie,

      oh, das klingt nach wunderschönen Momenten, von denen Du schreibst..
      Unser Kleiner ist übrigens sehr, sehr körperlich, er ist ehrlich gesagt das absolute Gegenteil
      von den Inselmenschen und umarmt alle Leute, die sich ihm in den Weg stellen ;)
      Als Mittlerin zwischen den Sprachen wundere ich mich manchmal,
      wie natürlich ich inzwischen in Inselsprache kommuniziere. Als wäre sie schon ewig „meins“.
      Vielleicht schläft sowas ja in jedem von uns und ist gar nicht so anders..

      Liebe Grüße :)

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