Die Gleichzeit ist nicht zeitgleich

blog79

Dieser Blog heißt „Aus dem Leben eines Taugewas“, womit zumindest eine Bedingung gestellt ist an den Inhalt des Blogs: Hier bekommt der Leser Einblick in das Leben des Taugewas. Nun sind schon zehn Tage vergangen seit dem letzten Einblick und, Mensch, was dauert denn da so lange bis zum nächsten? Tja, „Gleich, gleich, warte nur!“ würde ich in so einem Fall meinem Sohn sagen. Und er stellt dann fest: „Gleich ist eine Lüge! Es gibt kein GLEICH. Vielleicht gibt es Kurz-Gleich und Lang-Gleich und Mittel-Gleich.“ und damit hat er irgendwie Recht.

Gleich ist auf eine sehr undefinierte Art eine Zeitangabe und mit Zeit verhält es sich sowieso merkwürdig. Bei einem Wasserschaden zum Beispiel. Sowas haben wir gerade. Ein Schrank fällt von der feuchten Wand. Schrecksekunde. Davon hat man länger was. Jetzt stehen zwei Trocknungsgeräte in der Wohnung. Sie surren und brummen. Das Trocknen braucht seine Zeit. Zwei Wochen. Vier Wochen. Sechs Wochen. „Wir müssen warten, ich komme in einer Woche noch mal zum Messen“ sagt der Mann in Arbeitshosen, während er auf der Küchenarbeitsplatte steht und die Tapete von der Wand pflückt. „Daaaaaaaaaaaaaaaaa“ sagt das Kleinkind und zeigt begeistert auf das Loch. Letztes Jahr beim Wasserschaden im Bad war das Loch noch größer, die Begeisterung aber kleiner. Ein Grund zur Freude.

Das Brummen ist ununterbrochen und unerträglich für auditiv sensible Menschen. Wasserschäden sind jedoch sehr inklusiv und kommen auch zu uns. Dabei wären wir gerne mal ausgeschlossen zur Abwechslung. Immerhin bringt ein Wasserschaden die Menschen zusammen. Die Nachbarin ist auch betroffen und guckt mit mir das Loch an und kommt ins Gespräch. „Du studierst doch noch, oder?“ „Ja. Immer noch.“ „Ach, immer noch. So lang…?“. Da ist sie wieder, die Zeit. „Ich belege oft nicht alle Module wie meine Kommilitonen, weil ich ja die Kinder habe.“. Mh. Vielleicht brauche ich länger fürs Studium, dafür bin ich früh zur Löwin geworden. Mama-Löwin. Ich blicke betreten auf meine Krallen. „Was ist eigentlich mit….?“ Wie erkläre ich die Autismus-Behinderten-Kind-Sache bitte zwischen Tür, Angel und Wandloch? Naja, der Große ist autistisch, deswegen immer das Schultaxi vorm Haus. „Achso. Kann man das heilen, also, geht das irgendwie weg?“ Ich kläre auf. Binnen Minuten. Wie soll das gehen? In drei Minuten Autismus erklären? Dafür bin ich Löwin. „Und der Kleine?“  ich kann verstehen, dass andere Interesse haben, wie das gehen soll. Eltern Studenten, Kinder irgendwie so behindert, wie machen die das? „Und wie macht ihr das? Also ich meine…?“ „Beten!“ „Ach? Ja?“ „Ja!“. Was sonst? Das Interesse ist groß. Ob das geplant war mit den Kindern. Und finanziell? Wäre ich meine Nachbarin, würde es mich wahrscheinlich auch interessieren. Ich bin eine Löwin. Ich stehe anmutig vor meinem Wandloch. Wenn die Brut nach Hause kommt, dann lecke ich Wunden.

Aber eigentlich ging es doch um Zeit. Ein Tag Surren ist lang. Zwei Tage und, schwupps, eingewöhnt im Kindergarten, das ist echt kurz. Das Kleinkind hat ein anderes Zeitempfinden. Vielleicht flieht es auch einfach vor dem Brummen.

Die Kinder sind also in der Schule und im Kindergarten. Vor mir ein weißes Textdokument. Die zweite Hausarbeit in diesen Semesterferien. Ferien. Ha! Die Arbeit muss warten. Gleich. Jetzt rufe ich erst mal den Opa an. So viel Zeit nehme ich mir und gehe spazieren dabei. Der Opa ist 95 Jahre alt. „Echt alt, der Uropa!“ stellte das Großkind mal fest. Ja. Damals fuhren noch Kutschen auf der Straße und seine Hausarbeiten hat er auf einer Schreibmaschine runter getippt.

Am Hörer die geliebte Stimme. Wir sprechen von Sterntalern und Liebe. Und von damals, als ein solches Leben, das mein kleiner Sohn lebt, ein unwertes Leben war und ein Grund ins KZ zu kommen. Eine andere Zeit. „Mein Sonnenschein, mein Engel!“ höre ich meinen Opa sagen. Jetzt ist es fast zwei Jahre her, doch wie gestern erscheint ihm der Moment als er die klitzekleine Hand des Herrn Taugewas Junior der zweite gehalten hat. Wie gestern. Der Opa meint, dass trotz Forschung und Diagnose uns das am Ende doch auch näher zu Gott bringt.“. Das. Diese Behindertenkindsache. Ich glaube auch. „Und wie gut, dass wir heute in einer Zeit leben, in der zumindest dort, wo ich lebe, das Leben meiner Söhne ein wertvolles sein darf.“ sage ich. 90 Minuten Telefonat kommen mir schrecklich kurz vor. Danach wieder Surren und Seminararbeit. Es ist noch Zeit.

4 Gedanken zu “Die Gleichzeit ist nicht zeitgleich

  1. Kerstin 2. September 2016 / 10:28

    Liebe Frau Taugewas!
    Und wieder einmal hat dein brillanter grosser Sohn ein wahres Wort gelassen ausgesprochen. Gleich ist nicht immer dasselbe. Zeiträume sind immer auch mit Gefühlen verbunden, die sie uns lang oder kurz erscheinen lassen. Gerade Kinder können davon wahrscheinlich ein Liedchen singen. Wenn mein Grosser sich morgens für die Schule fertig macht,ist gleich ein sehr, seeeehr dehnbarer Begriff. Wenn ich aber etwas mit ihm machen soll, heisst gleich bitteschön jetzt:-).
    Es freut mich sehr, dass dein Kleiner so gut im Kindergarten angekommen ist : aus der Ferne bin ich sehr stolz auf ihn! Und es tut mir echt leid mit eurem Wasserschaden….wie furchtbar und das Brummen wäre für meine Kinder (beide!!, da Nummer 2 sehr geräuschempfindlich ist) auch ein Riesenproblem. Hoffentlich ist es bald überstanden.
    Und mit deinem Studium…ganz ehrlich : es ist eben so wie es ist. Wenn es eine universelle Liste gibt, was man im Leben schaffen und erreichen sollte, hast du einfach sowieso mehr auf der Habenseite wie viele, die ihr Studium in der Regelzeit schaffen. Das Leben hat nunmal ganz eigene Gesetze, aber wem erzähle ich das?
    LG und einen schnell trocknenen Wasserschaden, LG Kerstin

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    • Frau Taugewas 6. September 2016 / 22:36

      Liebe Kerstin,

      ich habe meinem Sohn den Anfang deines Kommentars vorgelesen und er hat sich sehr gefreut über das Adjektiv „brilliant“ :D
      Ich freue mich auch sehr, dass der Kleine so schnell und gut eingewöhnt ist im Kindergarten. Ganz anders als der Große. Er umarmt und küsst dort alle, da geht einem das Herz auf :)
      Liebe Grüße :)

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  2. Natalie 2. September 2016 / 22:09

    Ja, das ist der Grund , warum ich der Versuchung selbst zu bloggen bislang widerstehe. Immer wenn endlich das Gleich ist, an dem ich Zeit zu haben glaube, will schon wieder was anderes lieber sofort als gleich erledigt werden.
    Vielleicht irgendwann mal, auch dies‘ so eine tolle Zeitangabe …
    Ich finde übrigens ein Bolg zeichnet sich mehr durch die Qualität seiner Beiträge aus als durch die pure Menge – und in der Beziehung „taug dein Blog was“, wird also seinem Namen höchst gerecht.
    Auf so einen schönen Text wie diesen warte ich gerne mal zehn Tage.

    Bei meiner 15-jährigen heißt „gleich“ übrigens zurzeit wortwörtlich , „vergiss es Mama, das mache ich sowieso nicht, ich will nur gerade keinen Streit mit dir“ ;)

    … und die Methode funktioniert auch bei neugieriger Umgebung ganz gut, „das erzähle ich Ihnen mal bei Gelegenheit, in Ruhe bla, bla … und schon wollen viele gar nicht mehr so genau wissen,wieso da eine ohne Mann mit drei Kindern mit drei verschiedenen Hautfarben lebt, von denen eines den ganzen Tag Bus fährt und ein anderes meistens schreit.
    Und die, die wirklich empathisch sid, dürfen es ja auch wissen.

    Ich bin dann mal aus der Ferne stolz auf das „Daaaaaa!“ deines Zwerges, ist nämlich nur eine kurze Zeit her, dass ich mich über ein anderes Zwergendaaaa unendlich freuen durfte :), eines Zwergen, der sich wahrscheinlich lächelnd auf einen brummenden, vibrierenden Trocknungsapparat drauflegen und glücklich „aaaaaan“ sagen würde….

    Ich kann dagegen echt mitfühlen, dauerndes Wasserschäden waren einer der vielen Beweggründe für meinen Umzug letztes Jahr.

    Wünsche euch eine Rekord-Turbo-Trocknung

    Natalie

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    • Frau Taugewas 6. September 2016 / 22:40

      Liebe Natalie,
      danke für das Kompliment :)
      Oh, ich finde, das klingt nach einem ganz wunderbaren Mischmasch bei Euch zuhause! Und bei uns schreit einer auch ständig, aber wenn einem die Worte fehlen..was soll man tun..
      Liebe Grüße :)

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