Was ich so an Dir mag. Menschlichkeit.

blog78

Was ich so an Dir mag, ist, dass Du so frei und unbeschwert in die Welt hineinblickst und dass Du ohne Angst auf Jedermann zugehst. Noch bevor Du krabbeln oder laufen konntest, hast Du deine Ärmchen ausgestreckt nach anderen Menschen. In der Bahn, im Bus, auf der Straße. Du hast dort auf dem Schoß fremder Leute gesessen und mit dem ganzen Körper gewackelt. Du hast gestrahlt und gelacht.

Du kannst unsichtbare Bänder knüpfen zwischen Fremden und uns. Du stolperst nicht über unsichtbare Hürden, weil Du sie nicht siehst, weil sie für dich nicht existieren. Du lachst und breitest die Arme aus.

Sie nehmen dich auf den Arm. Knuddeln dich. Tragen dich. Öffnen sich. Du hast schon als Baby auf dem Schoß fremder Menschen getanzt. Hast Dich an ihre Hände geklammert. Angstlos hast Du jeden so angelächelt wie mich. Und Du bist fast immer in offene Arme gefallen.

Ich weiß immer noch nicht, wie Du das machst.Vielleicht fehlt Dir nicht nur eine richtige Base auf dem DNA-Strang, sondern auch die Angst, die uns Menschen umhertreibt. Die uns zuschnürt und einklemmt, nebeneinanderher leben lässt und Hürden baut.

Du hast keine Angst.

Du drehst Dich im Bus und Bahn zum Hintermann oder Vorderfrau oder zum Nebenkind um und beginnst mit deinem Spiel. Du berührst und betatschst und streichelst und kneifst. Du lächelst und lachst und rufst „aaahhhh“ und „oooiiiooooiii“.

Ich weiß jetzt, dass es sich lohnt, Led Zeppelin wegen der E-Gitarre zu hören. Weil Du so neugierig warst und der jungen Mann Dir dafür die Kopfhörer gab. Ich weiß jetzt, dass wir zu Straßenmusik tanzen können und zwar überall. Und auch zu Volksmusik. Weil Du zu tanzen beginnst in der Trage vor meinem Bauch und weil es dann kein Halten mehr gibt.

Ich weiß jetzt, dass keine Sprache zwischen uns Menschen steht, weil Du mir gezeigt hast, wie es geht. Du lächelst den jungen Mann an. Er lächelt zurück. Seine Mutter lächelt mich an. Du breitest Deine Arme aus. Er putzt Dir vorsichtig die Nase. Zwei Stationen später seid ihr Freunde, du lässt ihn nicht los und winkst beim Aussteigen. Ihr habt keine Sprache, er spricht Arabisch, Du sprichst Deine eigene Sprache. Eure Sprache ist Menschlichkeit. Du bist ein Menschenfreund. Er auch.

Den afrikanischen Frauen ziehst Du an den Haaren. Der muslimischen Frau am Kopftuch. Mir fehlen die Worte, das zu entschuldigen. Du findest ein Lächeln. Nichts steht zwischen Dir und ihnen. Höchstens ein Lächeln, das das Band knüpft. Sie lachen Dich an.

Du läufst, lässt Dich fallen. Da ist immer einer, der Dich fängt. Dein Vertrauen ist unermesslich.

Du reißt dem alten Mann den Stock weg. Du wedelst mit Deinen Händen, Du haust und Du winkst. Du umarmst und küsst und dann reißt Du die Brille weg. Das alles so schnell. Das alles mit mir und mit jedem anderen auch, denn Du machst keinen Unterschied. Ich suche die Sprache, um das zu erklären. Und versuche ein Lächeln. Wie Du.

Du bist so frei. So frei von Angst. Du zeigst Deinem Bruder, wie das funktioniert. Wie das klappen kann. Auf Menschen zugehen. Er sieht Dir dabei staunend zu. Und ich auch.

Die, denen Du begegnest, denen Du entgegengelaufen kommst, an denen Du Dich hochziehst, die Du anlächelst. Die lächeln zurück, umarmen zurück.

Du zeigst mir, dass es so ist. Dass nur ein Lächeln dazwischen steht. Zwischen dem Blick auf das Smartphone, jeder für sich. Und dem Menschlichsein. Das geht nicht allein. Nicht jeder für sich. Du kannst Bänder knüpfen. Du bist ein Menschenfreund. Du sprichst die Sprache der Nächstenliebe und die der Musik.

Für Dich gibt es kein „Aber-den-kennen-wir-doch-gar-nicht-wer-weiß-ob-der-das-überhaupt-möchte-komm-wir-wollen-mal-lieber-ein-Bilderbuch-angucken-und-nicht-fremde-Menschen-anfassen“. Für Dich gibt es das nicht. Du lächelst und umarmst und machst keinen Unterschied. Das mag ich so an Dir.

2 Gedanken zu “Was ich so an Dir mag. Menschlichkeit.

  1. Andrea 23. August 2016 / 23:40

    Das ist so ein toller Beitrag. Meine Tochter war ein Schreikind und extrem Fremdler. Alles außerhalb unseres Hauses ging im ersten Jahr gar nicht. Auch Oma, Opa, Onkel oder Tante selbst Ortswechsel wurden nicht angenommen. Es war extrem schwer. Doch nun, zwei Jahre später ist meine Kleine ähnlich, sie hat so einen Draht und sucht sich die Leute aus, die es brauchen und ist auch menschlich zu Ihnen. Es treibt mir manchmal auch die Trönen in die Augen wie besonders und toll sie geworden ist. Mach weiter so, ich liebe es wie du schreibst, es gibt viel Kraft. Danke

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  2. Kerstin 26. August 2016 / 22:54

    Liebe Frau Taugewas!
    Was für eine tolle Liebeserklärung. Falls du es nicht sowieso schon hast, solltest du es unbedingt ausdrucken und für ihn aufbewahren. Ich mag deinen Kleinen sehr und ich hoffe, er erhält sich sein Brückenbautalent.
    LG Kerstin

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