Leise Motivationsrede für einen Schul-Hospitations-Marathon

Gestern Nacht habe ich begonnen, eine Tabelle zu erstellen. In den oberen Spalten steht „Schulform“, „Schulname“, „Wohnortnähe“, „Klassenstärke“, „Inklusion seit…?“, „Schüleranzahl“ und „Besonderheiten/Empfehlungen“. In den darunter liegenden Spalten habe ich begonnen, die in Frage kommenden weiterführenden Schulen einzutragen.

Einige haben den Tag der offenen Tür bereits gehabt, andere werden ihn in ein oder zwei Wochen haben. Unser Kind ist Drittklässler, er ist acht Jahre alt. Ist es nicht zu früh, damit zu beginnen? Die Förderschule hat sechs Jahrgänge. Der 5. und 6. wird jedoch nach Hautpschullehrplan unterrichtet. Ich werde im kommenden Jahr an einigen Schulen hospitieren und Termine mit der Schulleitung vereinbaren. Dann werde ich von meinem Sohn erzählen, so wie ich es damals tat, vor zwei Jahren. Damals tat ich das unter großem Druck, die Situation kurz nach der Einschulung war kaum aushaltbar. Dieses Mal wird es hoffentlich angenehmer. Nach den Terminen werde ich das Ergebnis der Gespräche in meine Tabelle eintragen.

Unser Sohn mag Tabellen, weil dann alles schön geordnet ist. Er ist Autist. Das werde ich bei den Gesprächen direkt sagen. Und wenn dann Jemand meint, die Autisten würden doch nur still in der Ecke sitzen und nicht auffallen, dann werde ich nicht schweigen so wie damals beim ersten Elternabend vor der Einschulung. Wenige Wochen danach hat mein Sohn mit Händen und Füßen gezeigt, dass er nicht still in der Ecke sitzt. Hätte ich das verhindern können? Als ich nach einem Hospitations-Marathon endlich eine Förderschule für ihn gefunden hatte, rief ich noch vor dem Wochenende die Lehrerin an und teilte ihr mit, dass ich mein Kind auf die Förderschule umschulen will. Sie sagte, dass sie das für eine gute Idee hielte. Ich meine, Erleichterung in ihrer Stimme gehört zu haben. Am Montag drauf wollte sie sich an ihre eigenen Worte nicht erinnern und hielt unsere Entscheidung für überstürzt. Unser Sohn hat zu dem Zeitpunkt mit Nadeln, Scheren, Geschirr und Möbeln geschmissen, ich hielt die Entscheidung nicht für überstürzt.

In Zukunft möchte ich den Lehrern erzählen, was sie erwartet, wenn sie einen autistischen Schüler in der Klasse haben. Ich werde erklären, was das bedeutet. Bis dahin habe ich Worte gefunden. Damit mein Kind nie mehr an Lehrer gerät, die ihn nicht verstehen. Die nicht verstehen, dass er im einen Moment ganz klar und selbstbewusst über naturwissenschaftliche Themen referiert und im nächste Moment in einem sozialen mit Kommunikation zu bewältigenden Konflikt nur noch Gewalt als Lösung sieht. Das gibt es. Das ist keine schlechte Erziehung. Er benötigt Halt, Akzeptanz und Klarheit. Er benötigt Regeln und Wege, die ihn leiten. Durch Wertung und Unverständnis wird das nicht besser werden. Solange Vorurteile wie das still-sitz-Klischee existieren, wird all den autistischen Menschen die Chance genommen, zu zeigen, wer sie sind, was sie können und was sie brauchen. Solange ich Mutter bin, werde ich keine Gelegenheit ungenutzt lassen, den Vorurteilen zu widersprechen. Ich werde nicht mehr schweigen wie beim Elternabend damals. Ich werde Worte finden.

blog90
Huch, da ist es ja, das stille, an Technik interessierte Kind!

6 Gedanken zu “Leise Motivationsrede für einen Schul-Hospitations-Marathon

  1. Natalie 26. Oktober 2016 / 22:01

    Liebe Frau Taugewas,
    Du bist eine wunderbare engagierte Mutter trotz der vielen anderen Felder, die du auch noch beackern musst.
    Ich glaube, das ist der größte Schatz, den dein Großer hat.
    Mit der Schulauswahl finde ich das wirklich schwer, den letzlich steht und fällt alles mit der Klassenlehrerin bzw. dem Klassenlehrer.
    Meine großen Kinder besuchten beide die selbe Schule, sie als I-Kind , er als ,,,äh wie nennt mann das? „Ohne -I-Kind“? Na. du weißt schon.
    Mein Sohn ging mit Hauptschulempfehlung an dieses Schule und verließ sie mit Abi. Von Klasse fünf bis zehn hatter er ein wunderbares Lehrerteam, tolle Menschen, die die Inklusion in dieser wirklich breit aufgestellten Klasse wirklich wunderbar begleiteten. (Nebenbei hier habe ich gelernt, dass auch nicht alle Kinder mit Trisomie 21 in ihrer Niedlich-Fröhlich-Schublade sitzen bleiben, das war vielleicht ein „Wutbrocken“ und die Lehrerinnen haben auch dises Kind gut begleitet).
    Die Schule erfüllte auch andere Ansprüche (3km von unserer Wohnung, Inklusion seit 1987, mehrfach wegen der Inklusion für den Deutschen Schulpreis nominiert.
    Die Entscheidung für die Schule meiner Tochter musste schnell fallen, denn sah es noch in Klasse vier so aus, als würde sie im ersten Jahrgang sein, der bis Klasse sechs zusammenblieb, wurde dies‘ kurz vor Toresschluss per Volksentscheid gekippt.
    Das Elend nahm dann seinen Lauf, beratungsresistente Pädagogen , die mit den Eigenheiten des Kindes partout nicht klar kamen, eine Sozialpädagogin, die regelmäßig mich heulend anrief, Eltern, die sich beschwerten, dass mein Koboldkind und ihr autistischer,ganz und gar nicht still in der Ecke hockender Freund den Laden aufmischten, zwar nicht gewalttätig waren, aber alles und jeden beleidigten, zum U-Bahn fahren die Schule verließen….In der Klasse auch nicht mehr vier, sondern dank Gesetzesänderung sechs I-Kinder, de facto mehr.
    Auch ich suchte unter Druck eine andere Schule, Kind blieb dannn aber, weil es sich so gegen einen Wechsel sträubte, mit Schulbegleitung für sie und den autistischen Kumpel.
    Die Lehrer in dieser Klasse verschlissen schneller als man sie kennenlernte, aber irgendwan waren doch plötzlich zwei gestandene Frauen da und es kehrte Ruhe ein.
    Trotzdem hat das Kind die Klasse ein Jahr vor dem Abschluss verlassen und besucht — sehr gern – eine Berufsvorbereitungsklasse.
    Langer Rede kurzer Sinn: Ich glaube egal wie gut du dich vorbereitest, es können immer noch ungeahnte Kämpfe auf dich zu kommen. Oder ein seltsamer Kompromiss erweist sich als Hauptgewinn
    Wie gut dass dein Sohn dich hat!
    Natalie

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    • Frau Taugewas 3. November 2016 / 12:00

      Liebe Natalie,

      danke für Deinen lieben Kommentar! Ich hoffe sehr, dass mein Engagement für meinen Sohn, ihn auch erreicht, denn ein Kind lernt es wohl erst später zu schätzen, welche Mühen Eltern wegen der Schulwahl auf sich genommen haben. Im Moment zählt für ihn wohl nur der gelebte Alltag – und gerade an einem Tag wie gestern habe ich bestimmt zu viel rumgemotzt :/
      Ich habe es auch erlebt, wie sehr es tatsächlich mit dem Lehrer steht und fällt. Bei meinem kleinen Kind möchte ich auch unbedingt später die Lehrerin vor der Einschulung kennen lernen. Bei der weiterführenden Schule ist es durch die einzelnen Fachlehrer ja nicht immer möglich.
      Die jetzige Lehrerin empfiehlt uns eine Schule, die eine Stadt weiter ist.. Mal sehen, wie das umzusetzen ist..
      Wird in der Berufsvorbereitungsklasse auf einen bestimmten Beruf vorbereitet oder allgemein auf das Berufsleben?

      Liebe Grüße :)

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      • Natalie 4. November 2016 / 23:31

        Es ist eine Berufsvorbereitung mit dem Schwerpunkt Ernährung und Hauswirtschaft für Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf.Mit so tollen Schulfächern wie Textilpflege, Hauspflege und Nahrungszubereitung (also Waschen, Putzen, Kochen ;)), aber auch etwas Deutsch, Mathe, Englisch.
        Man kann nach zwei Jahren in eine Werkstatt für Behinderte wechseln oder als Essensausteiler im Altenheim o.ä. arbeiten, dann wars das mit Berufsvorbereitung.
        Es kann aber auch noch eine richtige Hauswirtschaftsausbildung angehängt werden evtl. sogar mit der Chance parallel doch noch einen Hauptschulabschluss machen zu können (man darf ja noch träumen)
        Wie auch immer – meine Tochter ist glücklich wie noch nie in der Schule „Stell‘ die vor Mama, ich weiß nicht, mit wem ich in der Pause zuerst reden soll, weil alle mögen mit mir reden.“
        Und abends muss ich ihr das Handy entreißen.
        Ach und ich kann sie mir durchaus als „gute Seele“ einer Kita-oder Altenheimküche vorstellen.

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    • Frau Taugewas 16. November 2016 / 11:50

      Oh, Natalie, das klingt aber toll mit der Schule bzw. Berufsvorbereitungsklasse Deiner Tochter :)
      Auch, dass sie dort so guten Kontakt zu den anderen Schülern aufbauen kann… toll!

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  2. Kerstin 2. November 2016 / 11:03

    Liebe Frau Taugewas!
    Ich bin auch ein Listenmensch:-). Mein Mann lacht sich schon oft kaputt, wenn er bemerkt, was ich immer alles aufschreibe und durchplane…andererseits weiß er mittlerweile auch, dass uns das schon oft gerettet hat.
    Gerade beim Thema Schule bin ich genauso: die Einschulungsgeschichte vom Grossen hat mich ja schon Jahre meines Lebens gekostet und man will es ja immer richtig machen für seine Kinder…gerade im Bereich Bildung, die so wichtig sein wird für ihr ganzes Leben.
    Inzwischen bin ich da aber auch wie Natalie der Meinung, dass es vorallem auf die Menschen ankommt, die dort auf dein Kind treffen werden. Konzepte, Wunschvorstellungen und Bildungsziele sind gut und schön…helfen nur nicht, wenn sie nicht umgesetzt werden können, da es an Herzensbildung fehlt und Verständnis : das betrifft alle Kinder, aber vielleicht noch ein Stückchen mehr unsere. Was ich dir raten kann…orientiere dich nicht nur an Webseiten und Infomaterial, sondern schau, ob du vielleicht irgendwie an Erfahrungsberichte von Eltern kommst und schleich dich mal auf dem einen oder anderen Tag der Offenen Tür oder Sommerfest ein. Da bekommt man schon viel mit, wie es an den Schulen wirklich läuft.
    Und ja: es ist gut und richtig zu erklären, wie das eigene Kind tickt, auch „negative“ Dinge nicht zu verschweigen und zu erklären. Doch auch ich frage mich da immer: wo ist die Grenze? Wann verbaue ich ihm etwas, in dem ich zuviel sage? Wann rede ich ihn „zu schlecht „? Wann bin ich eher in der Situation, dass mein Gegenüber denkt, dass ich übermotiviert , überbesorgt, zu bemutternd bin oder schlichtweg einen Knall habe?
    Es ist einfach schwierig, weil zumindest mein Sohn sich dann tatsächlich oft in der Öffentlichkeit anders benimmt wie Zuhause und ich dort dann erst bemerke was los ist und viel falsch interpretiert wird.
    Wie oft habe ich schon bei Ärzten, Erziehern oder jetzt Lehrern gesagt:“ Bitte nicht anfassen/umarmen! “ ( das war in der Kindergartenzeit lange mein Mantra), “ Bitte nicht auf Augenkontakt bestehen! , “ Bitte nicht gross erklären oder durch unverfängliche Fragen ablenken wollen, sondern einfach machen!“ und bin jedes Mal angeschaut worden, als hätte ICH ein Problem. Ohne das realisiert wurde, dass sonst gleich wirklich ein Riesenproblem besteht.
    Man weiß es einfach nie richtig und kann vielfach nur hoffen, dass es richtig läuft.
    LG Kerstin

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    • Frau Taugewas 3. November 2016 / 12:10

      Liebe Kerstin,

      das Tabellenschreiben ist eigentlich gar nicht meine Art, das habe ich mir von meinen Männern abgeguckt ;-) Ich bin eigentlich ein Chaosmensch…
      Ich werde auch alle Schulen am Tag der offenen Tür oder aber für ein extra Gespräch besuchen. Meinungen von anderen habe ich auch schon eingeholt, doch fielen die sehr gegensätzlich aus – was das wohl zu bedeuten hat?
      Ich kenne das Gefühl zu gut, zu bangen, man würde total für durchgeknallt gehalten werden. Ganz bestimmt dachte schon der ein oder andere, dass eher ich den Knall habe und mein Kind ohne mich „ganz normal“ wäre. Das verstehen wohl tatsächlich oft nur Eltern wie „wir“ – was schade ist. Ich wünschte, es würden mehr Leute verstehen!
      Nächste Woche bin ich bei einem Tag der offenen Tür bei einer Förderschule Sprache. Kleine Klassen, der Mann von der Klassenlehrerin meines Sohnes arbeitet dort. Ich bin sehr gespannt.
      Am Ende wird es sowieso anders laufen, als man es sich perfekt vorgestellt hat – Hauptsache ist, dass dieses „anders“ nicht schlimm ist.

      Liebe Grüße :)

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