Brief an Susi #3

blog90

Liebe Susi,

weißt Du, wenn ich nur eine einzige Person, vielleicht Dich, erreichen kann und es schaffe, ein klein wenig mehr Verständnis und Akzeptanz gegenüber Menschen, die anders wahrnehmen und denken und kommunizieren, zu schaffen, dann hat meine Schreiberei schon einen Sinn. Die Mehrheit kann nicht ermessen, was eine Familie mit einem autistischen Kind erlebt und überlebt. Mit Distanz betrachtet mag es lustig klingen, dass mein Sohn sich selber das Bruchrechnen beibringt, ich aber jeden morgen ihm beim Anziehen der Wäsche helfen muss. Autismus zu verstehen ist schwer. Es ist wie eine Festplatte, die total durcheinander ist und es gelingt nicht, alle Informationen richtig abzurufen oder einzuspeichern…

Vielleicht stecken in uns allen noch ein paar alte, verstaubte Floskeln und Konventionen und ja, auch Vorurteile. Ich selber merke das bei mir. Wenn mein Sohn etwas geschenkt bekommt und stumm im Raum steht, dann sage ich fast automatisch „Und? Was sagt man da?“. Ich sage das wohl mehr zu dem Schenkenden, damit dieser merkt, dass ich mich um die guten Sitten bemühe, als für meinen Sohn. Mein Sohn fühlt sich doof, wenn ich das sage, das weiß ich. Ich sage es manchmal trotzdem und ärgere mich deswegen. Wenn ich von oben auf dieses zarte Elfengesicht gucke, auf die großen halb geschlossenen Augen, die in eine Zimmerecke gucken, um nicht in Gesichter gucken zu müssen, dann ärgere ich mich sehr über mich selbst.

Früher, als mein Sohn zwei, drei oder vier Jahre alt war, da habe ich immer selber „DANKE!“ gesagt. In der Hoffnung, er gucke es sich ab. So nämlich steht es in den ganzen Erziehungsratgebern. Oft mache ich das heute noch.

Mein Sohn aber sagt „Danke!“, wenn er „Danke!“ sagen möchte und nicht, wenn die gesellschaftliche Konvention „Danke!“ für angemessen hält. Ein Danke von meinem Sohn ist selten und dafür aber ein wahres Danke und alle dahin gemurmelten „Danke“ von Kindern, die in Seite gestupst werden, denen das Danke aus der Nase gezogen wird, sind keine echten Dankeschöns. Wenn mein Sohn nicht „Danke“ sagt, dann bedeutet das nicht, dass er sich nicht freut oder dankbar ist, er nutzt nur nicht unsere Sprache. Wer sind wir, uns anmaßen zu wollen, nur ein Danke in unserer Lautsprache sei ein echtes Danke? Ist das nicht überheblich? Katzen kneifen die Augen zu, streifen sich an unseren Körpern, setzten sich dezent zu uns, werfen sich provokant auf den Rücken, schnurren leise, schnurren laut, treteln auf der Stelle und manchmal lecken sie unsere Hand. Das alles kann „Danke“ bedeuten. Mein Sohn ist auch dankbar, selbst, wenn er es nicht sagt. Ich will, dass Du das weißt.

Konventionen wie diese hindern uns, die Schönheit solcher Charakter zu entdecken. Die Schönheit seines Charakters und die Schönheit der vielen anderen „autistischen“ Charaktere. Im schlimmsten Fall verletzen wir sie mit unseren Kommentaren und sorgen damit Stück für Stück, dass solche Menschen sich und ihre Wahrnehmung als falsch empfinden, dass wir uns von ihnen distanzieren und dass sie sich missverstanden fühlen.

Neulich waren wir doch mit ihm im Spielzeuggeschäft. Er wollte zu dem Regal mit den Mikroskopen, doch zwischen uns und dem Regal steht diese eine Frau mit einem Buggy und zwei Kindern im Gang. Er macht sich ganz schmal und flitzt wie ein Eichhörnchen flink zwischen Regal und Frau und Buggy und Kindern hindurch. Huch! ´tschuldige, ach – Sag doch was!“ stottert die Frau. Das „Huch, ´tschuldige“ klingt überrascht. Das „Sag doch was!“ klingt vorwurfsvoll. So sind wir erzogen worden, nicht wahr? Erst ein mal intuitiv um Verzeihung bitten. In der Annahme, etwas falsch gemacht zu haben. Und nach dem ersten Analysieren der Situation den tatsächlich Schuldigen finden und diese Erkenntnis verbal zum Ausdruck bringen. So bin ich auch. Zumindest was das intuitive Entschuldigen angeht. Schuldfragen kümmern mich nicht so sehr.

Sag doch was!“. Was hätte er sagen sollen? „Entschuldigen Sie, können Sie mich da bitte mal durchlassen?“ oder „Ich möchte da durch!“ oder „Könnten Sie kurz zur Seite gehen?“. Das macht er nicht. Wenn ich höre, dass andere sagen „dass kommt noch!“ fühle ich mich unverstanden. Vielleicht wird er es irgendwann tun. Oder auch nicht. Vielleicht wird er noch als Erwachsener lieber warten oder einen Umweg gehen, als die Dame anzusprechen. Vielleicht wird er sich als Erwachsener die Mikroskope auf Amazon.de im Internet angucken, weil dort keiner den Gang versperrt. Es ist hilfreich in unserer Welt, Lautsprache nutzen zu können. Mit Können meine ich nicht die bloße Fähigkeit, Laute zu artikulieren und Sätze zu formulieren. Ich meine die Fähigkeit, Sprache für soziale Zwecke einzusetzen.

Sag doch was!“ klingt fast ironisch in meinen Ohren, wenn ich mir die Monologe meines Sohnes über Technik und Biologie anhöre. Sprache mit dem Zweck, fachliche Informationen zu übermitteln, das kann dieses Kind gut.

Sag doch was!“. Hat ihn das verletzt? Meinst Du, er hat sich überhaupt angesprochen gefühlt? Ich wünsche mir, er hat es nicht gehört. Er weiß doch selber, dass er das Sprechen mit fremden Leuten, das formulieren von Bitten und Wünschen, dass er das nicht gut kann. So ein „Sag doch was!“ hält ihm nur abermals vor, dass er genau das nicht schafft. Dass er unhöflich ist. Ja, mit acht Jahren kann man sich noch zu einem flitzenden Eichhörnchen machen. Und mit 12 Jahren? Ich will in schützen.

Täglich gibt es solche Situationen. Ein Kind im Kindergarten des kleinen Sohnes sagt nicht „Tschüss“ bei der Verabschiedung. „Ach, man muss nicht „Tschüss!“ sagen“ stelle ich fest. „Doch, dass muss man“stellt der Papa des Mädels fest. Ein unsichtbarer Stich in meine Brust. Wie gut, dass mein großer Sohn nicht dabei ist. Wie oft hörte er das schon. Wegen eines „Hallo“ und „Guten Tag“, das er als Kindergartenkind nicht ausgesprochen hat, durfte er damals beinahe nicht den Gruppenraum betreten. „Also, ein Guten Tag, das muss schon sein!“ stellte damals die Kindergärtnerin fest. Sie war nett, aber sie hatte diese Konventionen, die so so so viele Menschen haben.

Würdest Du einem humpelnden Kind beim Einsteigen in den Bus sagen „Lauf doch schneller!“? Das würdest Du doch nicht tun. Es ist ja offensichtlich gehbehindert. Warum sagst Du oder sagen andere oder sage ich dann aber „Sag doch was!“ oderWas sagt man denn da?“

Nur, weil dieses Kind schon groß ist und weil es über Chemie und Physik und sonstwas sprechen kann? Er hat Schwierigkeiten mit der sozialen Kommunikation, doch die ist nicht offensichtlich. Er humpelt verbal und kommunikativ in sozialen Situationen. Und wir stellen ihm auch noch ein Bein und merken es nicht mal.

Dieses Kind hat eine ganz andere Art, Sprache zu nutzen. Es hat eine ganz andere Art, Gefühle auszudrücken. Diese Art ist bereichernd, merkwürdig, lustig, verworren und einmalig. Ich möchte ihm kein Bein stellen, sondern meinen Blick und mein Herz öffnen für diesen Menschen. Und ich möchte so gerne, dass Du es auch tust.

Letztens habe ich mein Rad vom Bahnhof nach hause geschoben. Nebenher lief der große Sohn, hinten auf dem Sitz ließ sich der kleine Sohn schieben. Er schrie wie am Spieß, Du weißt ja, er mag es nicht, auf dem Radsitz zu sitzen. Ach je, er weint so sehr! Magst Du die Hand deines Bruders halten? fragte ich meinen großen Sohn. Ich sah, wie er ungeschickt seine Hand in Richtung Kleinkindhand schob. Keine Chance. Das Kleinkind schrie weiter. Ich schob weiter. Plötzlich sagt das Großkind: „Er hat einen zu niedrigen Salzgehalt im Körper!“ – „Ach, und deshalb schreit er so sehr, meinst Du?“ – „Nein, deshalb schreit er nicht! Aber seine Tränenflüssigkeit schmeckt nicht salzig, habe ich gerade gemerkt.“. 

Oder als ich ihm letztens eine Scheibe Käse abgeschnitten habe und er daraufhin sagte: „Das sieht aus wie die Aufzeichnung eines Seismografen.“ 

Ist das nicht wunderbar? Solche witzigen Situationen erhellen den Tag. Und sie verdeutlichen auch, wie anders er denkt und dass er nicht böswillig unhöflich ist. Er ist einfach er selbst.

8 Gedanken zu “Brief an Susi #3

  1. autcry 3. November 2016 / 13:00

    Wirklich schön geschrieben! Das spricht mir so sehr aus der Seele! Diese ganzen Situationen mit dem Dankesagen, Grüßen und „Sag doch was“ habe ich genau so auch schon zur Genüge erlebt.

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    • Frau Taugewas 16. November 2016 / 11:52

      Danke :) Es freut mich wirklich sehr, wenn ich andere erreichen kann mit meinen Texten! Gerade bei den Briefen an Susi, die ja sehr persönlich sind, freue ich mich, wenn es „da draußen“ tatsächlich noch andere Leute gibt, die ähnliche Erfahrungen machen, ähnlich denken…

      Viele Grüße :)

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  2. Home is where the boys are 3. November 2016 / 20:32

    Vielen Dank für diesen schönen Text und die Einblicke in euren Alltag. Es ist so wahr, wir versuchen von Anfang an, den Kindern etwas überzustülpen, was uns selbst beigebracht wurde, als wir klein waren. Wir hinterfragen es selten. Und dann fällt es uns verdammt schwer, alles was sich nicht in unsere Schubladen pressen lässt, einzuordnen. Du hast ganz tolle Kinder. Du kannst so stolz auf sie sein.
    Liebe Grüße
    Katja

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    • Frau Taugewas 16. November 2016 / 11:54

      Liebe Katja,
      danke Dir! Sowas höre ich als Mama wirklich gerne! Und ja, es fällt verdammt schwer, solche „eingetrichterten“ Dinge abuschütteln… Merke ich fast täglich…
      Liebe Grüße :)

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  3. Natalie 4. November 2016 / 23:19

    O wäre ich Susi, würde ich mich jetzt zwei Mal ertappt fühlen.
    Als Kind — und an gewissen Tagen auch heute – war und bin ich das durchflitzende Eichhörnchen, das sich seine Nüsse sichert ohne dabei gesehen werden zu wollen.
    „Gerne“ durchforste ich stundenlang einen Laden auf der Suche nach einem Produkt, vor allem Buchläden auf der Suche nach Büchern und gehe eher unverrichteter Dinge als mal „eben schnell die Verkäuferin zu fragen“ , weil ich mich mit meinem Wunsch dann so entsetzlich entblößt fühlen würde..
    Und auf der anderen Seite nötige ich meine Kinder auch zu „Danke“ „Guten Tag“ und „Tschüss“. Hm, vielleicht mal Zeit das gründlich zu reflektieren.
    Besonders die Bedankdressur hat bei mir selbst schon seltsame Früchte getragen. Ich registriere leider oft erst im Nachhinein, dass ich mich aus Reflex bei Menschen bedanke, die mich in Schwierigkeiten bringen,mich unfreundlich abfertigen oder denen ICH gerade geholfen habe …
    Muss ich das meinen Kindern beibringen? Fällt mir auf jeden Fall sehr schwer mich davon frei zu machen.
    Daher ein EHRLICHES danke für den Gedankenanstoß.
    Natalie

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    • Frau Taugewas 16. November 2016 / 12:14

      Liebe Natalie,
      ein bisschen sind wir ja alle „Susi“, nicht wahr ;) Ich streife auch gerne wortlos durch Buchhandlungen :)
      ….und das mit dem Bedanken obwohl man nicht nett behandelt wurde, das kenne ich auch…
      Sowas sagt sich irgendwie schneller als man es hinterfragen kann…
      Obwohl ich es selber hinterfrage, schaffe ich es nicht, mich und meine Erziehung komplett davon zu befreien. Es ist sehr schwer.

      Liebe Grüße :)

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