Offener Brief an die ehemalige Lehrerin meines Sohnes

Ausgedruckt und handschriftlich unterschrieben erreicht dieser Brief die ehemalige Lehrerin meines Sohnes auf dem Postweg. Natürlich mit den richtigen Namen und der Anmerkung, dass ich ihn anonym auf meinem persönlichen Blog unter Pseudonym veröffentliche. Denn heißt es nicht: Tue Gutes und spreche darüber !? Die Begegnung mit dieser Lehrerin tat gut. Wenn es auch Jahre dauerte, bis sich die Wirkung entfaltete. Also lasst uns darüber sprechen!

Liebe Frau Magistra,

es ist nun 2,5 Jahre her als wir uns kennen lernten, als mein Sohn zu Ihnen in die Klasse kam. Es scheint mir, als wäre es gestern gewesen. Wie sie vor mir standen, den Zeigefinger erhoben vor mir: „Wir hatten einen Deal!“. Was Sie damit meinten, haben Sie mir direkt darauf erklärt: Ich soll meinen Sohn immer um 15 Uhr von der OGS abholen, weil dann die Schulbegleiterin heim ging. Mit dem Gruppenleiter der OGS hatte ich ausgemacht, dass wir es auch bis 16 Uhr versuchen wollten. Ohne Schulbegleitung. Konnten wir dieses Missverständnis eigentlich jemals klären? Ich weiß es nicht. Aber das ist nun nicht wichtig.

Wichtig ist, dass ich Ihnen Danke sagen möchte. Ich habe viel gelernt. Ich habe gelernt, dass Inklusion nicht selbstverständlich ist. Das dachte ich nämlich vorher, weil schon in den 1990er Jahren mein Mann in eine Schule ging, die ganz selbstverständlich Integration machte (damals hießt es noch Integration, doch das Konzept war das selbe) und weil unser Sohn im Kindergarten ganz selbstverständlich als „I-Kind“ aufgenommen und angenommen wurde. Wenn die Beschulung meines Sohnes reibungslos abgelaufen wäre, so würde ich in dieser Filterblase leben. Danke, dass ich da raus bin, aus der Filterblase. Jetzt weiß ich und habe selber erlebt, wo wir in Deutschland stehen mit der Inklusion. Wo die Schwachstellen sind. Ich weiß, dass es ganz viel Beratung braucht. Und Zeit. Ich weiß, dass Lehrpersonal, wenn es in Zukunft gemeinsamen Unterricht machen will, sonderpädagogischen Inhalt in der Lehrerausbildung oder Weiterbildung benötigt. Ich weiß, dass nicht jeder weiß, was Autismus ist. Wissen Sie es mittlerweile? Ich selber weiß es immer noch nicht so ganz genau. Ich versuche, jeden Tag ein bisschen mehr darüber zu erfahren. Dafür muss ich nur meinen wunderbaren Sohn beobachten und die Beziehung, die ich zu ihm habe, reflektieren. Dann lerne ich.

Was haben Sie gelernt in den letzten 2,5 Jahren als Lehrerin in einer Inklusions-Klasse? Von drei Kindern weiß ich, dass sie gewechselt haben. Woran liegt das bloß? Ich bin täglich auf der Suche nach dieser Antwort. Weil ich an Inklusion glaube. Weil ich mir von ganzem Herzen wünsche, dass Kinder wie mein Sohn, der seinem Klassenkameraden in einem Wutanfall mehrmals ins Gesicht geboxt hat, dass Kinder wie der andere Junge, der zappelig durch den Klassenraum wuselte, dass Kinder wie der dritte Junge, den ich nach über einem Jahr plötzlich auf der Förderschule meines Kindes wiedergetroffen habe, dass solche Kinder immer und immer wieder erfahren: Ich bin gut, wie ich bin. Ich trage etwas zur Klassengemeinschaft bei. Ich bin hier erwünscht.

Ich glaube, eine Schuldfrage zu klären ist der falsche Weg. Als Sie mir beim Abschlussgespräch sagten, Sie seien der Ansicht, ich würde die Beschulung auf der Sonderschule veranlassen, weil ich es dann bequemer haben werde, weil mein Kind mit dem Taxi gefahren würde, da kamen mir die Tränen. Ich habe sie ganz schnell herunter geschluckt. Ich kann bis jetzt nicht begreifen, weshalb Sie das denken. Weshalb Sie denken, ich würde meine eigene Bequemlichkeit voranstellen vor den seelischen Bedürfnissen meines Kindes. Übrigens: Es ist unbequem für mich, meinen Sohn am anderen Ende der Stadt beschulen zu lassen. Es wäre schön für uns, wenn die Schule so nah wäre wie die Schule, an der Sie unterrichten. Die Sonderpädagogin meinte damals am Telefon, ich solle das, was zwischen uns steht, mit Ihnen klären. Das habe ich zu dem Zeitpunkt nicht geschafft. Wir haben die Schule Hals über Kopf verlassen. Es war das einzige, zu dem ich noch im Stande war. Ein Reh ist ein Fluchttier. Vielleicht war ich ein Reh.

Nein, es ist wirklich nicht gut, Schuldfragen zu klären. Vielmehr sollten wir Ursachen suchen, Verhalten verstehen und Möglichkeiten erdenken. Das kann der richtige Weg sein. Wenn wir, Sie und ich und alle Menschen, die Verantwortung und Umgang mit Menschen mit Behinderung haben, immer wieder unsere Denkweisen hinterfragen und nicht stehen bleiben und nicht Schuldfragen klären, dann gehen wir in die richtige Richtung.

Damit das kein Wunschtraum bleibt, treibe ich unermüdlich mein Wissen voran. Mit Wissen fängt es an, das habe ich gelernt. Im Moment suche ich eine geeignete weiterführende Schule für unseren Sohn, im Sommer nächsten Jahres ist es so weit. Das wissen Sie ja selber, Sie sind ja Grundschullehrerin. Ich habe mit einigen Rektoren und Lehrern gesprochen und habe versucht, zu erklären, was mein Sohn braucht, was Autismus ist, was ich mir wünsche. Ich versuche, aus den Fehlern zu lernen, die vor über zwei Jahren passiert sind. Manches kann ich nicht verhindern, zum Beispiel, dass ich als junge Mutter respektlos behandelt werde. Ich habe mich von Ihnen respektlos behandelt gefühlt. Das war mir völlig neu, vorher habe ich solche Erfahrung nicht gemacht. Ihre Haltung mir und meinem Sohn gegenüber hat mich verletzt. Was Sie gesagt haben, hat mich zweifeln lassen und mein Vertrauen gebrochen.

Ich bin so unglaublich daran gewachsen, meine Haut ist so dick geworden wie die eines Elefanten. Mein Fell so dicht wie das einer Bärin. Meine Haltung so aufrecht wie die einer Tigerin. Danke, dass ich diese Erfahrung machen durfte. Welch ein kleines Reh wäre ich jetzt noch, wenn ich diese Zeit nicht erlebt hätte! Ich kann nun selbstbewusster auftreten, kann Kritik verstehen, Vorurteile belächeln und Ungerechtigkeit laut benennen. Sind Sie auch gewachsen daran? Haben sich Werte oder Haltungen auch bei Ihnen geändert? Ich glaube, menschliche Begegnung ist nie umsonst. Wir lernen und wachsen daran, wenn wir es nur zulassen und uns öffnen dafür. Es war gut, dass wir diese drei, vier Monate im Herbst gemeinsam erlebt haben. Das versuche ich auch meinem Sohn zu vermitteln. Noch klappt es nicht. Er findet alles an der „früheren Schule“ doof und schlimm. Finden Sie auch etwas doof und schlimm in Bezug auf diesen Aspekt? In Bezug auf die Monate, die wir uns begegneten? Ich finde manches doof und schlimm. Ich hätte so gerne mich mehr engagiert, mehr kommuniziert, mehr Vertrauen gehabt. Sie auch? Falls ja: Was bedauern Sie, nicht kommuniziert zu haben? Falls nicht: Warum nicht?

Es ist schwierig. Da entscheidet eine Behörde, dass die Schule „Gemeinsamen Unterricht“ macht und lässt dann alle Beteiligten quasi ins kalte Wasser fallen. Mit kleineren Klassenstärken und einer Power-Point-Präsentation zum Thema Inklusion ist es ja nicht getan, das wissen Sie sicher selbst. Eine Haltungsänderung benötigt viel Zeit und selber erlebte Erfahrung. Es fehlt an Geld für eine durchgängige Doppelbesetzung mit einem Sonderpädagogen, für kleinere OGS-Gruppen, für Fortbildungen. Es gibt viele offene Fragen. Welche Zusammensetzung sollte die Klasse haben? Ist es ratsam, mehrere Kinder mit Förderbedarf im sozialen und emotionalen Bereich in eine Klasse zu bringen? Wie offen sprechen wir über Behinderung? Wie gehe ich mit Unsicherheit um? Warum wirft das autistische Kind mit Geschirr? Liegt das an der schlechten Erziehung durch die Eltern? Warum kommt die Mutter so spät zum Abholen? Warum grüßt der Vater mich nicht? Warum hat die Schulbegleiterin keine ausreichende Kompetenz? Welche Aufgaben hat die Schulbegleiterin eigentlich?

Zumindest einige Fragen konnte ich in den letzten Jahren beantworten. Zum Beispiel sollten wir offen über Behinderung sprechen. Unser zweites Kind ist mehrfachbehindert. Ich spreche jeden Tag offen über Behinderung. Wenn wir nicht miteinander sprechen, können wir einander nicht verstehen. In drei Jahren wird unser kleiner Sohn eingeschult. Ich möchte nicht, dass über ihn, sondern mit ihm gesprochen wird. Übrigens: Er kann nicht sprechen! Aber er kann verstehen, wenn auch langsam.

In der Förderschule meines Sohnes bin ich Schulpflegschaftsvorsitzende. Zur Zeit bemühen sich Schule und Elternschaft um den Erhalt der 5. und 6. Klassen der Förderschule. Wir haben der Stadt und auch dem Land geschrieben. Nach dem Wechsel der Landesregierung in NRW keimt in mir die Hoffnung, dass es möglich ist. Ja, ich möchte, dass es Förderschulen gibt. Noch soll es sie geben. Damit es einen Plan B gibt, wenn Inklusion nicht klappt. Ich bin dankbar, dass es einen Plan B gab nach den paar Monaten Inklusions-Versuch. Förderschulen erhalten zu wollen, bedeutet nicht Rückschritt, sondern bedeutet, Zeit zu haben, Inklusion umzusetzen. Inklusion ist auch sofort möglich: Ich habe zwei Kinder, auf dem Papier mit 80% und 90% Schwerbehinderung. Ab dem Zeitpunkt, an dem diese Kinder in mein Leben traten, waren sie Teil davon und in keinster Weise exkludiert. Inklusion sofort. Aber ein Schulsystem, das seit vielen Jahrzehnten separiert, das kann nicht, klack, einen Schalter umschalten und plötzlich inklusiv sein. Weil wir Menschen sind, die über Jahrzehnte in ein System und in ein Denken hineingewachsen sind, deshalb brauchen wir Zeit, uns und das System umzuformen. Der Prozess, das Wachsen und Lernen, ist viel wichtiger als das Ziel. Der Wille, allen Menschen gerecht und mit Wertschätzung zu begegnen, ist viel wichtiger als eine rasend schnelle Umsetzung. So sehe ich das.

Wie sehen Sie das? Welche Erfahrungen haben Sie in den letzten fünf Jahren gemacht, die die Schule, an der Sie arbeiten, Inklusion macht?

Liebe Frau Magistra, ich muss oft an Sie denken. Ich denke darüber nach, was ich Ihnen gern gesagt hätte, und denke darüber nach, welchen Weg die Inklusion in der Schule bei Ihnen wohl macht. In der Uni spreche ich manchmal mit Lehramtsstudenten, die in ihrem Studium absolut keine sonderpädagogischen Inhalte vermittelt bekommen. Dann erzähle ich von meinen Erfahrungen, von meinem Sohn und meinen Erkenntnissen. Ich glaube, die Inklusion ist trotz unzureichender Aus- und Weiterbildung, Geldmangel, Ahnungslosigkeit und trotz Rückschlägen auf einem guten Weg. Ich wünsche Ihnen positive Erlebnisse trotz der schwierigen Umstände. Ich wünsche Ihnen, dass Sie mit und an den Kindern und Eltern lernen. Und danke. Danke, dass ich an Ihnen und mit Ihnen lernen und wachsen durfte.

Viele Grüße

Frau Taugewas

Ein Gedanke zu “Offener Brief an die ehemalige Lehrerin meines Sohnes

  1. Natalie 2. Juni 2017 / 0:00

    Ein bisschen tut mir die Frau Magistra gerade leid. Sie hatte sich das bestimmt auch anders vorgestellt mit ihrer Inklusionsklasse und anscheinend keinerlei kompetente Beratung an der Hand.
    Die ganze Inklusionspropaganda scheint vom Bild des liebenswerten dankbaren Kindes im Rolltuhl oder mit Trisomie 21 zu leben.
    Das Kind, das im Verhalten nicht der Norm entspricht, kommt in Inklusionsbroschüren nicht vor..
    Genau wie der demente Mensch am Ende seines Lebens brav im Rollstuhl zu sitzen hat, statt Pflegeheime zu demolieren..
    Die Ablehnungen von Kitas für meinen Kleinen und die Ablehnungen von Pflegeheimplätzen für merinen – mittlerweile verstorbenen -Vaters weisen beindruckende Parallelen auf.
    Die Störenden als Bereicherung und Anregung und vor allemals zutiefst menschlich zu sehen ist schwer und wird offensichtlich gar nicht gelehrt.
    Und der größte Knüppel zwichen den Beinen der Lehrerinnen sind meiner Erfahrung nach die Eltern der anderen Kinder, permanente Klagen über „die I-Kinder“ , der Befehl „das“ abzutellen, das ist gewiss zermürbend.
    Dass Sie mir trotzdem nur ein bischen leid tun, liebe Frau Magistra haben Sie mit ihrem dummen Spruch geschafft, ein Schulwechsel ohne Umzug im laufenden Schuljahr ist eigentlich immer ein Akt der Verzweiflung, das sollten Sie wissen, ehe Sie die nächsten am Boden liegenden Eltern noch fertiger machen.
    Immerhin haben Sie der Frau Taugewas nicht vorgerechnet, was Ihrer Schule an Geldern entgeht, wenn ein Kind mit derm Förderschwerpunkt geistige Entwicklung vorzeitig abgeht. Kolleginnen von Ihnen schaffen auch das.

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