Kleine Sprachphilosophie für den Wasserliebenden

Wenn er sprechen könnte, dann würde er erzählen können.Von dem warmen Wasser im Wannsee. Und dem Schwan im Flughafensee Tegel, der ganz nah bei ihm war. Er würde in der Kita oder der Oma von seinem Wochenende erzählen.

Wenn er sprechen könnte, dann würde er erklären können. Warum er so doll weint beim Einschlafen. Und warum es manchmal eineinhalb Stunden dauert.

Wenn er sprechen könnte, dann würde er fragen können. Ob wir noch ein mal baden gehen können. Und: Warum denn nicht? Menno!

Wenn er sprechen könnte, dann würde er den Dingen einen Namen geben. Und plötzlich wäre dort, wo eben noch ein Gefühl war, ein Begriff. Wo eben noch ein Ding war ein Wort.

Und ich würde ihn fragen, welche Farbe seine Buchstaben und Wörter hätten. Wenn er sprechen könnte, dann würde er mir das erzählen können. Vielleicht wären sie andersfarbig.

Er würde alles Sein ummanteln mit geformten Wort. Diese Waffe würde er einsetzen. Ein Schuss. Ein Wort, das maskiert und verwandelt.

Wenn er diese Waffe einsetzen könnte, dann wäre das Wasser im Wannsee anders warm. Und der Schwan im See ein anderer. Zu seinem Weinen käme eine Begründung. Der Klang in meinem Ohr: Ein anderer.

Wenn er sich der Waffenworte bedienen könnte, dann würde er sie auswerfen wie ein Anker, dessen Kette ihren Ursprung in ihm hat. Dessen Ende streichelt und kratzt. Kitzelt und sticht. Er würde uns mit den Dingen verbinden.

Dann schwämmen verwandelte Dinge als Worte zwischen uns. In einem Fischernetz. Und wir schauten auf die Opfer der Wortwaffen. Stotternd, erklärend, nach Inhalt suchend.

Wenn er sprechen könnte, dann würde er die Vergangenheit formen. ZeitGelb mit ErlebtesRot verkneten und etwas Orangenes formen. Der Mensch nennt Kultur, was er mit Sprache formt. Und merkt nicht, dass er es selbst ist, der im Fischernetz schwimmt.

Wenn er sprechen könnte, dann würde er verlieren, worum ich ihn so beneide.

Seine Füße stehen im Wasser. Eine kleine Bucht am Zipfelende des Wannsees. Es gibt kein gestern und kein morgen. Die Träne beim Einschlafen ist da, weil sie da ist. Sie kullert die Wange hinunter. Es gibt kein Netz für sie. Sein Schwan schwimmt an unseren Netzen vorbei. Gefüllt mit den Schwänen, die wir zu Opfern machten.

Und weil er nicht sprechen kann so wie wir, deshalb schwimmt er in Unverfälschtheit. Er wirft keinen Anker. Das Wasser bestimmt seine Richtung. Da ist keine Kette, die uns bindet. Wir berühren uns, weil es so sein soll. Weil keine Wortkette zwischen ihm und der Welt ist. Keine Opfer. Niemanden kratzen, den wir ursprünglich streicheln wollten. Und endlich: Nicht mehr in den Fischernetzen anderer, die mit Wortwaffen schießen.

Weil aber mein begrenzter Verstand nach Worten sich sehnt, weil ich die Hoffnung auf ein Friedenswerkzeug habe, deshalb verzeih mir, Du freier Geist, dass ich die Waffe Dir in die Hand drücke. Dass Du drückst. Zielst. Und den Anker wirfst.

Weil Du vielleicht erkennst, dass unsere sprachlich kultivierte Welt ihresgleichen sucht und nur auf Worte zu antworten gelernt hat.


Kleine Sprachphilosophie für den Wasserliebenden angesichts der über 600km, die ich mit ihm in den Norden zum logopädischen Forschungsinstitut fahre.

2 Gedanken zu “Kleine Sprachphilosophie für den Wasserliebenden

  1. Natalie 1. Juni 2017 / 23:23

    Schöne Worte. Keine Waffen, eher Werkzeuge.
    Meine Buchstaben und Zahlen haben auch Farben, manche Leute finden das komisch
    Wünsche euch, dass ihr in Berlin Werkzeuge findet, in welcher Farbe auch immer, seien es gesprochene Worte, Gebärden, Talker oder was es sonst so gibt.
    (Stundenlang schreien kann man leider auch mit einem Koffer voller Sprachwerkzeug)
    Grad ist endlich Ruh.
    Natalie

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    • Frau Taugewas 13. Juni 2017 / 0:51

      Kennst Du Rilkes „Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort?“ http://rainer-maria-rilke.de/020088fuerchtemichso.html . „Ihr bringt mir alle die Dinge um.“ Und trotzdem kommen wir nicht von weg.. Von den Worten.. Voll cool, dass Deine Buchstaben auch Farben haben :) Hoffentlich ist es gerade ruhig bei Euch. das Institut ist übrigens in Rostock. In Berlin wohnt jedoch Jemand, die eine Ecke meines Herzens hat, und ab und zu muss ich schauen, wie es der Ecke geht. Schon kompliziert, wenn das Herz seine vielen Ecken in verschiedenen Städten und Ländern bunkert ;) Immerhin kommt man dann rum und sieht Schwäne.
      Viele Grüße an Dich :)

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