Ein Tag im Jahr Kuschelwuschel

„Jetzt kannst Du!“ – und schon hüpft das Großkind von einem Mattenturm hinein in das „Schnitzelbad“, ein riesiges Bällebad aus Schaumstoffzylindern. Es ist so tief, dass mir als Erwachsene die Schnitzel bis zum Bauchnabel reichen. Als erstes taucht ein Arm wieder auf, dann gräbt sich das Kind an den Rand des Beckens und macht Platz für weitere Hüpfende. Daneben sitzt das Kleinkind auf einem großen Trampolin und lässt sich mitschwingen von dem Gehüpfe eines anderen Kindes. Überall wuselt es: einige Kinder bauen aus großen Stoffklötzen eine Höhle, andere wippen und schwingen auf Turngeräten. Wer es ruhig mag, der liegt in der Hängematte oder geht in den Snoozle-Raum mit Wasserbett und warmen Licht: „Das sind Glasfaserkabel da an der Lampe, oder Mama?“ – „Ja, ich glaube schon, aber an einigen Stellen ist das Kabel wohl absichtlich beschädigt, damit das Licht auch dort schon rausströmt“.

Die Frühförderstelle der Blinden- und Sehgeschädigtenschule läd ein paar Mal im Jahr zu tollen Aktionen ein. Das Turnen im Psychomotorikzentrum lassen wir uns nicht entgehen. Schon letztes Mal hat es großen Spaß gemacht. Ein paar Familien kenne ich noch von der Sehgeschädigtenkrabbelgruppe, andere kenne ich noch nicht. Manche Kinder sehen weniger gut, andere können sich mit Brille gut orientieren. Manche klettern mutig das Gerüst herauf, andere krabbeln vorsichtig an der Hüpfburg entlang. Die wilden Geschwisterkinder turnen dazwischen und ich finde, auf eine ganz besondere Art sind diese Kinder sehr umsichtig und aufmerksam. Es sind Geschwisterkinder von behinderten Kindern, die mit anderen Augen ihre Umwelt betrachten. „Du, der Junge hat die selber Brille wie unser Kleinkind früher hatte“ bemerkt das Großkind. Ja, Brillenmodelle kann man in dieser Gruppe auch ohne Ende bewundern.

Am Anfang und am Schluss sitzen wir im Kreis und singen Lieder: „Es war wunderbar“. Das Kleinkind rennt ohne Pause umher und lässt sich nur für ein paar Sekunden einfangen. Ein größerer Junge schreit ohne Pause. Mitsingen tun eigentlich nur die Erwachsenen. Aber es ist okay. Die Frauen von der Frühförderung und auch die Mitarbeiterin des Psychomotorikzentrums verbreiten eine warme Atmosphäre. Dass mein Kind jeden „Mama“ nennt, verwundert niemanden. Eine Frau erklärt ihm geduldig immer wieder ihren Namen. Dass mein Kind jeden umarmen und seine Nase in das Gesicht drücken will, das muss ich nicht erklären. Weshalb er nicht spricht und ununterbrochen rennt, das fragt sich hier keiner. So ist es eben. Nach zwei Stunden haben alle Kinder rote Wangen vom Turnen und wir wünschen uns alle noch einen schönen Restsonntag und hoffentlich ein baldiges Wiedersehen.

Solche Tage sind gute Tage, auch wenn sie anstrengend sind. Die anderen Familien kennen all das, was ich anderen Leuten manchmal erklären muss. Alle kennen die vielen Augenarzttermine, wahrscheinlich kennen die meisten die Sorge um die weitere Entwicklung, Krankenhausaufenthalte oder Therapien. Die Eltern der Kinder, die kaum sprechen können, kennen die aufklärenden Kurzgespräche in der Bahn, weshalb das Kind denn so schreien würde.. Vielleicht muss keiner so unentwegt seinem Kind hinterherrennen wie ich meinem Kleinkind, doch mitfühlen, wie anders und manchmal belastend sich das anfühlt, das kann sicherlich auch die Mutter mit dem großen Jungen, der an ihrer Hand mühsam hinkend ein paar Schritte auf der Turnmatte wagt.

Nachdem ich selber vor Jahren in einer Behindertenwerkstatt ein Praktikum gemacht habe und schon sechs Jahre lang Mama eines autistischen Kindes war, dachte ich, dass ich mich hineinfühlen kann in die Situationen der Familien mit mehrfachbehindertem Kind. Aber nach drei Jahren, die ich Mama von einem mehrfachbehinderten Kind bin, ist mir klar geworden: Erst, seit ich ein solches Kind selber tagtäglich begleite, weiß ich, wie es sich wirklich anfühlt.

Später dachte ich, dass ich mit neun Jahren Förderkindermamadasein und über fünf Jahren Bekanntschaft mit behinderten Kindern in inklusiven Kitas nun wirklich Ahnung hätte von dem Umgang mit Behinderungen. Doch dann wollte ich spontan auf dem Sommerfest die Mutter eines Klassenkameraden auf einen Kaffee einladen. „Vielleicht kommen Sie mal auf einen Kaffee zu uns, wenn ich Semesterferien habe?“ – „Ja, gerne!“. Dann eine kurze Pause. Die Frau sitzt im Rollstuhl. Plötzlich ist es mir peinlich. Wir wohnen im ersten Stock eines Altbaus. Hätte ich sie anstatt zu mir lieber in ein Café einladen sollen? Was mach ich jetzt? „Äh, also wir wohnen im ersten Stock eines Altbaus, wissen Sie…. Geht das denn?“ – „Ja, ich denke schon!“ antwortet sie. Vor meinem inneren Auge laufen verschiedene Bilder ab, wie sie die Treppe hochkommt. Soll ich sie stützen? Nicht, dass sie fällt. Trotzdem bin ich froh. Dass sie „ja“ gesagt hat und dass sie so cool reagiert.

Ich kann vielleicht die Gefühle von Eltern mit behindertem Kind nachempfinden, doch beim Thema Behinderungen und dem Umgang damit, da lerne ich jeden Tag neu dazu. So wie jeder andere auch.

So fremd und unangenehm ich mich plötzlich gefühlt habe nach meiner Kaffee-Einladung, so fühlt sich vielleicht die Mutter aus der Musikschule, die von meinem Kleinkind angesteuert wird. Er rennt auf sie zu, seine Arme und Hände wedelnd vor ihrer Nase. Ich bin zu weit weg, noch eingreifen zu können. Er wird sie umarmen wollen, ihr an ihrem Kleid reißen oder an den Haaren. Vielleicht rennt er zu grob auf ihren Babybauch zu. In ihren Augen sehe ich, dass sie genau das selbe erwartet. Weil sie beobachtet hat, wie er zu anderen Müttern und Vätern in der Musikschule rennt. Wie er der Musikschullehrerin an ihrer Kleidung reißt, ihr von hinten über die Schulter fällt und sie mit seinen kleinen Tentakelarmen überall berührt. Die Lehrerin lächelt mild. Sie kennt ihn schon lange.

Die Mutter, die er aber jetzt ansteuert, reagiert anders. Sie drückt ihn weg und sagt deutlich „Nein“. Irritiert lässt er von ihr ab, nur um wenige Minuten später alles vergessen zu haben und erneut anzufangen. Wieder ein harsches „Nein“ und ein Wegdrücken. Ich halte ihn nun fest bei mir und gucke, dass er nur zu Eltern rennt, die durch ihre Reaktion gezeigt haben, dass es okay für sie ist. Am Ende der Musikstunde fahre ich heulend nach hause. Es ist okay, nicht von einem fremden, sabbernden Jungen umarmt werden zu wollen. Es ist okay, wenn man weder am schwangeren Bauch, noch am Kleid und den Haaren angefasst werden will. Wir kommen zum Musikmachen dort hin und nicht zum Gruppenkuscheln. Viele Eltern reagieren herzlich oder verständnisvoll, aber manche eben auch nicht. Inklusion bedeutet, dass Menschen mit Behinderung teilhaben können am gesellschaftlichen Leben. Inklusion bedeutet nicht, dass die Menschen sich durch die Folgen der Behinderung eingeschränkt fühlen. Mein Kleinkind darf selbstverständlich am Musikkurs teilnehmen wie jedes andere Kind auch. Doch wie jedes andere Kind auch, muss es die privaten Grenzen der anderen wahrnehmen. Es ist okay und richtig, wie die Mutter reagiert hat. Trotzdem fliegen mir vom Fahrtwind die Tränen seitlich die Schläfe entlang. Das liegt nun mehr als sechs Wochen zurück. Ich habe alles verdaut und uns zum Herbstkurs in der Musikschule angemeldet. Es ist eine ganz normale Musikschule. Keine, die extra „Inklusion“ auf ihre Fahne geschrieben hat. Die Musikschullehrerin hängt trotzdem bunte Tücher auf, weil mein Kind oft nach taktiler Stimulation sucht. Es ist normal für sie, dass er die hölzernen Klangstäbe anlutscht und sie diese reinigen muss. Sie stellt wie selbstverständlich das Schuhregal aus dem Zimmer, wenn er kommt. Sie kennt ihn und ermöglicht uns eine Teilnahme an der Musikstunde. Das ist Inklusion.

Wie schön doch das rosarote Zusammensein in den Behindertengruppen ist! Wo alles Andersartige so normal ist, weil alle andersartig sind. In dem Moment, in dem ich mich aus der rosaroten Kuschelwuschel-Behindertengruppe herausbewege in die normale Realität hinein, die aus 90% nicht-behinderten Leuten besteht, begebe ich mich automatisch der Gefahr hin, auf solche Menschen zu stoßen, die zwar unsere Teilhabe am gesellschaftlichen Leben akzeptieren, jedoch nicht unter den Folgen leiden wollen. Die Folgen des Andersseins. Bei meinem großen Sohn ist das zum Beispiel, dass er nicht grüßen mag. Das empfinden manche als sehr unhöflich und nehmen es persönlich. Beim Kleinen ist es seine distanzlose Körperlichkeit. Das empfinden manche ebenfalls als unhöflich.

Der Schritt von dem geschützten Raum hinein in die Inklusion erfordert Mut. Von der Gesellschaft wird gefordert, die Teilhabe möglich zu machen, aber ich merke, dass auch ich als Mutter von Kindern mit besonderem Förderbedarf gefordert bin, damit Inklusion funktioniert. Es wäre leicht, sich zurück zu ziehen in die geschützten Räume. Dort, wo ich keine Sorge haben muss, auf Ablehnung oder Irritation zu stoßen. Doch das tue ich nicht. „Wir empfehlen Ihnen für die weiterführende Schule die Förderschule Sprache“ erklärte mir die Lehrerin meines Großkindes beim Zeugnisgespräch. „Bei ihm ist die Sprachstörung wirklich stark ausgeprägt. Die LRS im Vergleich zu anderen Kindern ist wirklich sehr stark“. Ich schlucke. Bin einen Moment lang hin- und hergerissen. Die Förderschule: Eine Stadt weiter, Taxifahrdienst, Klassenstärke von 8-12 Kindern, das super neue Gebäude erst 4 Jahre alt. Der geschützte Kuschelwuschel-Ort. „Ich bin trotzdem für die Gesamtschule“ höre ich mich sagen. „Weil ich daran glaube, dass es besser ist, wenn alle zusammen lernen. Weil ich an die Inklusion glaube“. „Gut, dann gebe ich das so in die Konferenz weiter“ sagt die Lehrerin.

Es ist schön, ein Mal im Jahr mit den sehgeschädigten zu turnen und unter sich zu sein. Aber an den anderen 364 Tagen im Jahr möchte ich mutig sein und Inklusion versuchen.

5 Gedanken zu “Ein Tag im Jahr Kuschelwuschel

  1. katze1810 5. September 2017 / 23:45

    Wow. Ich ziehe meinen Hut vor Dir. Du hast recht. niemand soll gezwungen werden, unter den Folgen der Inklusion zu leiden. Aber genau diese Momente tun weh-vor allem dem Mutterherz. Ich hadere immer sehr damit und muss mit Engelszungen auf mein eigenes Gewissen einreden, um nicht wütend auf diejenigen zu werden, die mein Kind zurückweisen. Ich habe dann oft das Gefühl, dass es unfair behandelt wurde, verkannt irgendwie. Und dann denke ich, ein bisschen mehr „Hinschauen“, ein bisschen mehr aus der eigenen Komfortzone herausrücken könnte auch anderen nicht schaden. Aber auch da muss ich (ja, ich weiß…) bei mir selbst anfangen!!! ich hoffe, ich werde dann (wenn es bei uns mal ernst wird) so standhaft zur Inklusion stehen wie Du es tust. LG

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    • Frau Taugewas 13. September 2017 / 22:30

      Jaa, es ist aber auch wirklich schwierig, das eigene Mutterherz zur Objektivität zu zwingen, ich kenne das sehr gut! Und irgendwie rettet dieses subjektive Mutterherz auch ganz oft meine Tage, denn es malt alles rosa an, was am Ende des Tages nach Augenringen aussieht oder mit zu langen Fingernägeln in meinem Gesicht kratzt.. ;) Ich glaube, es ist gut, in vielen Situationen dieses subjektive Mutterherz zu haben – und ab und zu wird es geradegerückt und sieht die Dinge klar, wenn es nötig ist. Liebe Grüße!! :)

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      • katze1810 16. September 2017 / 0:10

        Ja, das stimmt!Zum Glück sind die eigenen Kinder immer die besten-das ist so schlau eingerichtet und verschönt das Leben ungemein 😃

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