Abendgespräch. Von Fehlern und Hühnchen.

Abends liege ich im Käfigpflegebett neben dem Kleinkind und spreche trotz der Abmachung, wenn das Licht aus ist, nicht mehr zu sprechen, zum Großkind im Hochbett auf der anderen Seite des Kinderzimmers:

„Du, es tut mir leid, dass ich heute so viel gemotzt habe und so grummelig war. Ich hatte Bauchschmerzen und war genervt, aber dafür kannst Du ja nichts.“

„Warum sprichst Du jetzt, wenn Du sonst immer sagst, dass ich nicht sprechen darf, wenn das Licht aus ist?“

„Weil mir das so wichtig ist, dass ich das noch sagen will.“

„Ist schon okay. Alle machen mal Fehler. Alle Menschen.“

„Ja, das stimmt. Wir sind Menschen und machen Fehler. Das wäre ja auch irgendwie gruselig, wenn wir so ganz perfekt wären und keine Fehler machen würden. Wir sind ja nicht Gott.“

„Gott macht auch Fehler. Also, wenige, aber er macht auch Fehler.“

„Meinst Du?“

„Ja. Also Gott als er Mensch war. Da hat er Fehler gemacht. Nicht im Himmel. Aber auf der Erde als Mensch.“

„Wirklich? Was denkst Du, was er für Fehler gemacht hat?“

„Naja, nicht das, was in der Bibel steht. Dass er geholfen hat oder so. Aber als Kind… da hat er bestimmt auch schon mal andere Kinder geschubst oder so..“

„Ja, vielleicht, das kann sein. Sowas steht irgendwie nicht in der Bibel… Er war ja auch Kind. Da ist das ja kein richtiger Fehler. Kinder lernen ja noch.“

Ich schlucke. So locker wie ich einen Schubser grad´ gedanklich dem kindlichen Jesus verzeihe, verzeihe ich so locker auch die Schubser der jetzigen Menschenkinder?

„Er hat sicher auch nur wenige Fehler gemacht. Aber ich denke wirklich, dass er auch Fehler machte, Gott als Mensch. Nicht Gott im Himmel.“

„Ich weiß es ja auch nicht, ich bin ja erst seit 27 Jahren auf der Erde und nicht so viel herum gekommen.. Jedenfalls ist mir noch kein Fehler aufgefallen, von dem ich glaube, dass Gott den zu verschulden hätte.“

„Nee, der macht keine Fehler.“

„Ich glaube, dass Gott uns Menschen einfach sehr liebt und will, dass es uns gut geht. Wie ein Vater und eine Mutter ihre Kinder lieben, so liebt er die Menschen.“

„Oder wie ein Hühnchen, das seine Flügel um die Küken legt.“

„Ja genau. Oder wie ein Pinguin, der auf seinem Ei sitzt und es wärmt.“

„Ich glaube, dass Gott ein Hühnchen ist.“

Letztens konnte ich ihn in dieser Gottesvorstellung auch mit einer Bibelstelle unterstützen: in Matthäus 23,37 steht tatsächlich: „Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel“. Das habe ich ihm, der an den Hühnergott glaubt, extra vorgelesen.

Neben mir schnauft ein kleiner Mensch in einem dicken Schlafsack, den anderen kann ich nicht berühren, weil mein Arm drei Meter zu kurz ist. Aber nicht schlimm, der liegt eingepackt unter seiner Gewichtsdecke. Unter einem riesigen Hühnchenflügel.

Ein Gedanke zu “Abendgespräch. Von Fehlern und Hühnchen.

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