Am Ufer mit Wind, Vogel und Inselmusik

Vielleicht habe ich nur zu lange am Wasser gesessen und auf das kleine Stückchen Festland geschaut, dort hinten. Und dann habe ich all die prallen Früchte gesehen an den Apfelbäumen. Und auch die Haselnüsse. Als ich hinter mich blickte, habe ich nur in Blüten geschaut. Vielleicht wollte ich auch Erntezeit. 

Heute spielt Inselmusik.

Das Glück ist immer da, wo du nicht bist.
Du willst immer das, was du nicht kriegst

Auf der Insel hält sich keiner an Jahreszeiten. Auf der Insel dreht sich alles um.

Dann steht das Kind hinter mir.

„Ich hab dem Begleiter im Taxi gesagt, dass das unpädagogisch ist, Kindern so viele Süßigkeiten zu geben.“

„Und dann?“

„Dann hat er gesagt: Du Vogel!“

„Was?“

„Ja, aber ich hab gesagt, dass das doch nichts schlimmes ist, ein Vogel zu sein. Es ist doch was tolles. Vögel sind toll.“

„Aber echt! Voll cool, was Du gesagt hast. Du hast alles richtig gemacht.“

Er guckt auf seine Beine. Ich sage:

„Find ich ja auch echt unpädagogisch, Kinder zu dressieren und zu erpressen so wie Hündchen mit Leckerlie.“

Und er:

„Ja, und außerdem hat der das negativ konnotiert, das mit dem Vogel. Dabei sind Vögel toll!“

Und dann, dann gucken wir uns an und müssen lachen über all das hässliche und wunderschöne dieser Welt, bis wir mit den Ärmeln die Tränen in unseren Augen wegwischen.

Der Augenblick in Samt gehüllt,
auch wenn das keinen Sinn hat

Und es wird es trotzdem Herbst. Auch, wenn nicht auf der Insel. Aber sonst überall. Und das Blatt, das so lange grün und frisch war, das mir Schatten gab. Das Blatt, das so geformt ist wie meins, weil ich genau so eine Frucht war, bevor ich keimte. Das so kräftig und weit oben hing. Das Blatt wird rot und gelb und braun. Und als es keinen Schatten mehr geben kann, nicht mehr grün und frisch ist und abfällt, da wird es wunderschön, so schön, dass Kinder es aufheben und mit nach Hause tragen wollen.

Und jetzt sehe ich, wie faltig und zittrig es ist und schließlich am Ufer von den Wellen mitgenommen wird.

Der Wind trägt ihn davon.
Nichts von alledem wird bleiben,
der Wind trägt uns davon.

Im Wasser zersetzen es Mikroorganismen, das ist doch so, oder? Ich frag´ mal meinen Sohn. Es wird wieder zu kleinsten Atomen, so winzig wie alles einst war. Ich sehe es noch schwimmen, irgendwo zwischen den Ufern ins Meer.

und ich nehme mit in meine Schattenwelt,
was mir von Deinem Staub bleibt.

Vielleicht saß ich zu lange hier. Auf der Insel gucke ich in junge Apfelblüten. Oder sind es Kirschblüten? Sie blühen viel länger und saugen sich mit den letzten Sonnenstrahlen voll. Ganz sicher ist es so. Dass ich das frische grüne Blatt bin, das schützend Schatten gibt. Die Ernte, die ich heute einfahre, nährt das Herz, nicht den Bauch.

Einen Tag später schaue ich diese zarte Blüte an. Mit ihrer hellen Haut, dem breiten Mund und der lustig hochgezogenen Nasenspitze, als ob sie etwas auf sich balancieren wollen würde.

„Du bist eine Elfe, so wie Du aussiehst mit deinen Augen und allem…“

„Nee, ich bin ein Vogel!“

Vielleicht wirst du’s begreifen, irgendwann,
und wenn’s so weit ist, bitte denk daran:
Glück ist zerbrechlich, fass es vorsichtig an,
wie Porzellan.

Inselmusik: Farin Urlaub: Porzellan, Felix Meyer: Der Wind trägt uns davon.

7 Gedanken zu “Am Ufer mit Wind, Vogel und Inselmusik

  1. Mo 15. Oktober 2017 / 14:20

    Danke für die wunderschönen Ansichten und dafür dass ihr sie mit uns teilt <3

    Gefällt 2 Personen

    • Frau Taugewas 16. Oktober 2017 / 0:02

      ….und dankeschön Dir für Deinen wunderbaren Kommentar! :-)

      Gefällt mir

  2. fundevogelnest 15. Oktober 2017 / 23:30

    Wieder ein schöner, poetischer, herzwärmender Taugewastext.
    Das große Taugewaskind wächst mir mit jedem Zitat mehr ans Herz, so klug, so hellsichtig,so unerwartet.
    Ich glaube fast,dass der Taxifahrer das auch mit gemeint hat, dass er Respekt vor dem mutig Unerwarteten (ein Kind findet Süßigkeiten unpädagogisch, wie cool ist das denn!) zollen wollte.
    Und Vögel sind natürlich sowieso wunderbar, wer ließe sich nicht gern mit ihnen vergleichen.deshalb auch der Name Fundevogelnest. Denn lauter ermutigende Menschen zu denen auch du gehörst, haben mich endlich überzeugt dem Wunsch zum Bloggen zu folgen.Nach einigenm Irren imTechnikdschungel ist es nun so weit und – uups- mein Blog sieht fast aus wie deiner, ich glaube, ich habe die gleiche WordPressvorlage gewählt, ich hoffe das ärgert dich jetzt nicht…
    Liebe Grüße
    Natalie

    Gefällt 1 Person

    • Frau Taugewas 16. Oktober 2017 / 0:11

      Juhu! Ich habe dich gleich mal abonniert :-) Also Deinen Blog ;) Ich freue mich schon jetzt, Dich zu lesen!
      Ich versuche mal, es ebenso positiv zu sehen wie Du mit dem Taxibegleiter..
      Mittlerweile hat die Schule wohl (meint das Kind, ich muss das noch genauer herausfinden) die Süßigkeiten untersagt. An sich mag er Süßes, aber die Idee, dass Erwachsene Süßigkeiten als Druckmittel einsetzen, die fand er wohl sehr merkwürdig. Es ist aber auch etwas, das er von zuhause nicht gewohnt ist. Hier gibt es Nachtisch, weil er schmeckt, aber nicht fürs Stillsitzen und Nicht-Fluchen. Hier flucht eh keiner, außer in Olchi-Sprache.

      Ich nehme das als Kompliment, dass Deiner meinem Blog ähnelt ! Und kostenfreie WordPressvorlagen gibts ja eh nicht soo viele. Mein Lieblingsmensch ist zwar ITler, aber leider kein Grafikspezialist, daher konnte er mir keine individuelle programmieren. Immerhin hilft er im Technikdschungel :-)

      Liebe Grüße von der Insel zum Nest! Ich setze dann mal virtuell über. Und hoffentlich irgendwann bald in echt.

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  3. fundevogelnest 17. Oktober 2017 / 12:26

    Danke, deine Einstellung beruhigt mich, ich hatte mir wirklich -mal wieder unnötige – Gedanken deswegen gemacht ;)
    Da beneide ich euch um eure flucharme Insel.
    Mein Mittelkind kultiviert den Wortschatz eines Türstehers einer zwielichtigen Diskothek. So wäre es halt gern: männlich stark, angsteinflößend
    Aus der Biographie gut zu erklären, aber trotzdem manchmal unerträglich.Und auch schön,wenn das einzige Kleinkindwort im unablässigen Gebrabbel , das der Leiter einer Kita in der man sehr gern aufgenommen werden würde, versteht „geil“ ist. Der Kitaleiter erklärte es selbst lächelnd mit „große Geschwister?“… Mit Süßigkeiten abtrainieren habe ich allerdings noch nicht probiert.
    Ja und zugegeben ganz manchmal, wenn alles zuviel wird, bediene ich mich an dem eindrucksvollen Wortschatz meines Großvaters…
    Natalie

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