Kinder braucht man nicht erziehen

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Stilleben am Frühstückstisch: Klebeband- und Rollen-Sammlung des Großkindes.

Es gibt dieses Zitat von Karl Valentin.

Wir brauchen unsere Kinder nicht erziehen, sie machen uns sowieso alles nach.“

Oft schon habe ich gedacht, dass es nicht stimmt. Ich esse mit Messer und Gabel, sage „Bitte“ und „Danke“, wische mir meine Hände an einer Serviette ab, wasche mir nach dem Toilettengang die Hände und verzichte gerne auf die größere Hälfte des geteilten Kekses, um nicht gierig zu wirken. Bei meinem Kind klappt das nicht. Es einfach nur vorzuleben, funktioniert nicht. Jedenfalls bisher und ich möchte nicht abwarten, bis er ein Erwachsener ist. Er soll vorher lernen, seine saucenverschmierten Hände nicht an der Hose abzuwischen. Also reden wir jeden Tag auf ihn ein und erzählen jeden Tag das selbe. Als ich dem Kind den Vorwurf machte, immer alles täglich wiederholen zu müssen, meinte es doch tatsächlich, ich sollte meine Sprüche auf ein Grammophon aufnehmen. Eigentlich hätte ich mich gleich zwei Mal beglückwünschen können: erstens, weil mein Kind unglaublich einfallsreich ist, zweitens, weil ein im Jahr 2008 geborenes Kind tatsächlich weiß, was ein Grammophon ist. Leider war ich wegen des sturen Messer-Ignorierens nicht in der Lage, mich zu beglückwünschen.

Warum funktioniert das Vorbildsein nicht?

Ich mag die kleinen Gesten im Alltag. Eine kleine Nettigkeit, Jemandem entgegenkommen und helfen, kleine Aufmerksamkeiten. Ein liebes Wort, ein kurzer Blick, sich kurz Zeit nehmen. Deswegen bringe ich Frühaufsteher meinem Mann wirklich gerne und aus Liebe heraus beinahe täglich ein kleines Frühstück ans Bett. Ich lebe das nicht als Dienstleistung einer unemanzipierten Ehefrau, sondern aus Überzeugung und der Annahme, dass es ein schönes Gefühl sein kann, als Nachteule und Morgenhöhlentier ein bisschen von meiner frühen Singsangfröhlichkeit abzubekommen (neben dem morgendlichen „Du-hast-meine-Banane-falsch-geschält-Wutanfallgeschrei“).

Heute morgen stellte ich die Schale Müsli neben das Bett und sah das Kind zähneputzenderweise aus dem Badezimmer kommen. Ich ging aus dem Zimmer und spürte Kinderhände an meinem Rücken. „Magst Du das, Mama? Ja? Eine Maschaaaasche!“ . Noch nichts gesagt, weil erst die Notwendigkeit des Denkens vorziehend, setzte ich mich auf den Küchenstuhl, um die halbe Tasse Tee zu Ende zu trinken. Das Kind hinter mir her schleichend, die Hände am Rücken. Hinter dem Stuhl. Hände am Nacken. Kleine, raue Kinderhände.

Was sage ich?

Lass mich meinen Tee in Ruhe trinken!

Du sollst Dir doch die Zähne putzen, lass Dich nicht ablenken!

Geh zurück ins Badezimmer, sonst bist Du gleich zu spät, wenn der Taxibus kommt!

Hast Du Deine Hände gewaschen nach dem Klo?

Oder sage ich:

Wie lieb von Dir.

Du, das ist total angenehm grad!

Das tut jetzt aber gut!

Ich sage, dass ich es mag. Dass das lieb ist. Und trinke meinen Tee mit Kinderhänden im Nacken.

Das, worauf es ankommt im Leben zwischen uns Menschen, ist doch die Beziehung, die wir miteinander haben. Die Art und Weise, wie wir unsere Beziehungen leben, zum Ausdruck bringen, welche Gefühle wir füreinander empfinden. Welche Sprache wir sprechen und ob wir einander verstehen. Hände waschen, Habgier unter Kontrolle zu bringen, Besteck benutzen, das alles erlernt der Mensch durch ständige Übung, durch Wiederholung, durch Ermunterung, Ermahnung und ja, auch durch Vorbilder.

Doch die Zuneigung, die Sprache unserer Liebe, die gelebten Beziehungen und die Möglichkeiten, unser Wohlwollen und unsere Zuwendung zum Ausdruck zu bringen, diese Fähigkeiten erlernen wir durch sie selbst, indem wir sie an uns und durch andere erleben. Karl Valentin hat Recht mit seinem Spruch.

Dass mein Kind die Schuhe abputzt, bevor es die Wohnung betritt, das ist mir wichtig und das wird es lernen. Ich werde es ihm noch hundertmal sagen, bestimmt.

Dass mein Kind sich selber liebt und eine Sprache findet, die Liebe zum Nächsten zum Ausdruck zu bringen, das ist mir tausendmal wichtiger und das trägt er bereits in sich. Ich werde ihn noch millionenfach lieben, bestimmt.

4 Gedanken zu “Kinder braucht man nicht erziehen

  1. Natalie 11. April 2016 / 22:04

    Ja,ich finde, Karl Valentin hat recht und du auch.
    Und es ist in diesem Fall völlig egal,ob das Kind autistisch,geistig behindert oder das als normal empfundene ist. (Mein gesunder Sohn jedenfalls hat sich mit acht auch noch die Hände am Pulli abgewischt …).
    Und das Vorbild ist eine trickreiche Angelegenheit. Wenn ich über mein eigenes Kind gewesen sein sinnere oder meinen Zwanzigjährigen betrachte, fällt mir auf: Am tiefsten schleift sich ein, was ich gar nicht weitergeben wollte, was ich zu verbergen oder mir gar abzugewöhnen versuche. Meine Schusseligkeit. Meine Neigung lesend oder schreibend meinen Haushalt zu vernachlässigen.Meine Nascherei ….
    Mein große, große Angst beim Autofahren jemanden zu schaden,ist sie der Grund, dass mein Sohn „zu faul“ zu Führerschein machen ist ?
    Und all‘ die Dinge, die ich pflichtschuldig anerzogen habe, weil sie nun mal sein müssen (ich sage nur AUFRÄUMEN), die hängen auch irgendwie nur so gerade eben so fest, werden von meinen Kindern so oft vergessen wie von mir.
    Und dannn wieder sind da Momente, da tut eines meiner Kinder etwas, da freue ich mich so, weil genau das mir so wichtig ist, z.B.Hilfe anbieten, auch wennn es Umstände macht.
    Ist ein spannendes Thema.

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    • Frau Taugewas 14. April 2016 / 20:47

      Liebe Natalie,

      also, wer statt Haushalt lieber liest oder schreibt, der macht es völlig richtig! Am Ende des Lebens bereut man es doch wohl eher, sich nicht dieser Kunst gewidmet zu haben als die Tatsache zu bedauern, zu wenig den Boden geschrubbt zu haben ;-)
      Übrigens haben wir auch keinen Führerschein.
      Zu Deinem hilfeanbietenden Sohn kann ich nur gratulieren. Ich finde, solche Menschlichkeit – auch eben das Naschen ;) – ist sympathisch !

      Liebe Grüße !

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  2. Kerstin 14. April 2016 / 13:32

    Liebe Taugewas!
    Manchmal wäre es hilfreich, wenn Karl Valentin recht hätte bzw wenn man es so interpretieren könnte, dass man keine „Ansagen“ mehr machen muss. Wenn man jedoch nur den Kern der Aussage nimmt, emspricht es vielleicht ein wenig dem, was du beobachtest. Denn auch seine Fähigkeit Liebe auszudrücken, fürsorglich zu sein und achtsam mit seiner Familie umzugehen, sind Dinge, die du anerziehst: durch das Vorbild sein und dadurch, dass du ihn unterstützt und sicher werden lässt. Auch das ist für mich Erziehung. Und sicherlich der wichtigere Part. Mein Sohn lernt gerade, sehr mühsam, dass Mama eben doch nicht alles regeln kann. Einmal durch die beschriebene Schulsituation ( der Brief kommt jetzt erst Ende April/ Anfang Mai) und – für ihm schmerzvoller- dadurch, dass jetzt ein Kind aus dem Kindergarten abgeschoben wird und ich – trotz aller Bemühungen – nichts dagegen tun kann. Aber auch das gehört für mich zur Erziehung : ihn auf diesem Weg ein Stück mitzunehmen und ihm beizubringen, dass man manchmal gegen Windmühlen kämpft, es aber trotzdem hilft es zu tun.
    Das Hände waschen, aufräumen und der ganze Alltagskram muss auch gemerkt werden, aber ich habe noch die Hoffnung, dass das irgendwann mal fruchtet.
    LG Kerstin
    Ps: wann hast du den Termin mit dem Kleinen?

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    • Frau Taugewas 14. April 2016 / 20:52

      Liebe Kerstin,
      achje, Anfang Mai..! Die Schule beginnt ja schon drei Monate später, das ist aber kurzfristig..

      Ist es nicht fast noch wichtiger, einem Kind vorzuleben, Ungewissheit und Windmühlen auszuhalten und dabei trotzdem die gute Laune und den Lebensmut zu behalten..? Ich glaube schon! Zu erleben: Hey, es gibt schwierige Situationen, aber in mir ruht die Kraft, diese auszuhalten – das ist eine wahnsinnige Erfahrung, die tausend mal wichtiger ist als Händewaschen :-)

      Meine Daumen sind trotzdem gedrückt für Eure Wunschschule!!

      Der Termin ist am 27. … Ob wir dann wissen, was das genau ist bei ihm..? Mh. Abwarten..

      Liebe Grüße :)

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