Blickwinkel eines Jungen, der Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden kann

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Es sind 29°C. Mein Sohn trägt dicke Stoppersocken, Jeans und Langarmshirt. Das trägt er immer. Regelmäßigkeit, Routine. Die Gewissheit, dass es immer gleich ist. Das Wetter ist jedoch nicht immer gleich. Zieh Dir doch ein T-Shirt an, creme dich ein, nimm die Kappe mit! Ein Kampf. Ich will nicht kämpfen. Also dicke Socken bei Sonnenschein.  Warum auch soll man sich täglich mit der Frage quälen, welche Kleidung dem Wetter angemessen ist? Einfach immer das gleiche anziehen. Seine Jacke will er auch noch drüberziehen. Das kann ich ihm grade noch ausreden.

Eltern nerven mit den Kleidungs-Ansagen. Mit all den Erinnerungen. Häng die Jacke auf, lege Deine Kleidung für morgen raus. Räum deinen Müll weg. Wasch Dir die Hände. Es gibt wichtigeres, als ständig umständlich ans Aufräumen und Weglegen zu denken. Als ständig neue Speisen zu probieren. Als ständig höflich „bitte“ und „danke“ zu sagen. Daran zu denken, nach dem Klogang Hände zu waschen. Ständig. Und abzuziehen nach dem Klo. Auch das noch!

Wichtiger ist es doch, herauszufinden, wie groß ein Stein sein muss, um nicht durch das Sieb zu fallen. Oder Ameisen zu beobachten. Eine Taschenlampe auseinander zu bauen. Ich bin eine Katze, streife umher. Oder eine Spinne, ein Faden hängt mir am Po, der sorgsam im Zimmer umhergesponnen wird. Und wusstest Du eigentlich, dass Autos mit Wasserstoff fahren können? Ist das ein Metall, das in unserer Zinksalbe drin ist? Was genau ist Stickstoff für ein Gas? Der Apfelrest im Blumentopf kann nicht zu Erde werden, denn im Topf sind keine Regenwürmer. Weißt Du wie Eisenbahnschienen hergestellt werden? In Narben sind keine Blutadern, deswegen wachsen keine Haare auf Narben, denn Adern müssen alles versorgen, auch Haare.  Und die Fibroblasten, Mama, kennst Du die? Wie fühlt sich der Stoff der Mullbinde an? Wie ist er gewebt? Ist er unregelmäßig gewebt? Aus Erdöl kann man Kerosin machen. Mama, hörst Du mir noch zu?

Wie unwichtig Händewaschen doch ist. Wie ungeheuerlich anstrengend, wenn ich die ekligen Pilze in der Soße probieren soll. Abends auch noch selber dran denken, den Schlafanzug anzuziehen. Es gibt doch wichtigeres.

Letzte Woche war Zeugnistag. Das erste Zeugnis. Was steht drin? Dass er super ist. Super interessiert. Super motiviert. Super in Mathe. Ein super Sonder-Schüler.  Die Eigenständigkeit müsse er noch trainieren. Den Stuhl hochstellen, den Platz aufräumen.  Emotionen auszudrücken.  Ach! Es gibt doch wichtigeres!

Du darfst ganz stolz auf Dich sein! Nicht, wegen eines Zeugnisses. Dass du super bist, hab ich doch eh gewusst.  Dass Du Du bist, dass Du als Katze Emotionen ausdrückst und im Geiste das Problem mit der Erderwärmung angehst. Dass Du weißt, was wichtig ist. Wichtig für Dich.

„Ich steig nicht in´s U-Boot ohne meinen Bruder“

Echte Geschwisterliebe ist es, wenn man für den Bruder auch auf die U-Boot-Fahrt verzichtet.

„Wenn Jemand sagt, wir sollen in ein U-Boot, aber F. nicht, dann gehe ich auch nicht, Mama!“

Mein Kind, Du bist so toll! Du bist so lieb, wenn Du das sagst.

Du bekommst mit, wie wir mit Ärzten sprechen. Was mit Deinem kleinen Bruder ist. Du bist so weise.

„Mama, ihr sollt nicht immer sagen, was F. nicht kann. Man soll nicht Kinder vergleichen mit anderen. F. kann ganz viel. Er kann lachen und klatschen. Das ist auch gut, dass F. diese Krankheit hat, so können die Ärzte viel forschen und später wissen sie bei anderen Kindern direkt, was das ist und wie sie helfen können!“

Mein liebes Kind. Du weißt so viel mehr als wir großen Erwachsenen, die es doch eigentlich wissen sollten. Du weißt so viel. Du hast Recht. Du bist ehrlich und das mag ich so an Dir. Du öffnest mir den Blick.

„Mama, F. hat Angst vor dem Staubsauger, der ist zu laut!“ ruft es aus dem Wohnzimmer. Und im Spiel: „Ist Deine Linse noch da?“ 

Mein wunderbares Kind. Du gibst Acht auf Deinen kleinen Bruder. Du sorgst Dich um ihm und setzt Dich für seine Bedürfnisse ein, weil er es manchmal nicht kann. Du bist klug und einfühlsam.

Menschen mit Autismus sind eingeschränkt in der sozialen und emotionalen Empathie.  Zumindest auf dem Papier.  Was ich erlebe, wie sehr Du Dich sorgst um Deinen Bruder, das lässt mich zweifeln. Nicht am Autismus. Aber an vorschnellen Urteilen. Ja, Du liebst Zahlen. Du kannst Dich nicht immer mit Deiner Umwelt in Bezug setzen. Du hast Schwierigkeiten, in Kontakt zu treten. Aber Du hast ein riesengroßes Herz. Du hast einen riesengroßen Platz für Deinen Bruder dort. Du kannst lieben. Bedingungslos lieben. Du bist klug und sprichst Deine klugen Gedanken aus. Behalte das bei. Das wünsche ich Dir.

 

Kinderfreundlich

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Die Welt ist gut und nett.

Das musste ja passieren, ausgerechnet mir! Immer ich! Ach. Gäbe es doch bloß mehr Rücksicht auf Mütter mit Kindern und überhaupt mehr Freundlichkeit. Wirklich? Gibt es denn so wenig Freundlichkeit? Mir begegnet sie. Im Alltag. Täglich. Zuhause und unterwegs. Fremde sind nicht fremdlich, sondern freundlich.

Der Busfahrer sieht mich die Straße runterrennen, mit Kind vor dem Bauch geschnallt, der Rucksack wippt mir auf dem Rücken auf und ab. Es sind bestimmt noch 200 Meter, dazwischen eine Straße, die überquert werden will, wie soll ich das schaffen? Ich muss zur Tagesmutter, zur Uni.. Doch er hält an, am Gehweg, mitten auf der Straße, öffnet mir die Tür. Vielen Dank!

Ein Vater trägt mir die schwere Reisetasche die Treppen hoch und wieder runter bis zum Ausgang des Bahnhofs. Und selber muss er jedoch auf der anderen Seite raus, den ganzen Weg wieder zurück. Das mache er doch gerne, sagt er.

Mit zwei Kindern und dicker Reisetasche bepackt laufe ich dem Bus hinterher, da hält sogar ein Autofahrer an und bietet an, uns bis zum Bahnhof zu fahren. Was für ein nettes Angebot. Ich lehne dankend ab, denke an die warnende Stimme meiner Mutter, nicht zu Fremden ins Auto zu steigen. Doch ich bin mir sicher: Er wollte nur nett sein. Einfach nett.

An der Supermarktkassenschlange lässt man uns vor, obwohl das Baby nicht sonderlich laut quäkt. Einfach so. Einfach nett.

Die Bäckereiverkäuferin will mein Geld für das Brötchen nicht, weil es ja für mein Kind ist.

Beim Einkaufen mit Kinderwagen und vollbepackt schenkt mir eine Frau ihre große Einkaufstasche, damit ich die Einkäufe besser transportieren kann. Sie kenne das ja, wie das sei mit Kindern, immer zu wenige Hände frei.

In der Uni betont die Dozentin, es sei wirklich nicht schlimm, wenn das Baby vor sich hinquitscht. Im Gegenteil, es sei doch süß.

Meine Mitmenschen sind nicht per se kinderunfreundlich. Im Gegenteil. Kinder werden gemocht. Kinder sind willkommen.  Nicht überall, das weiß ich. Mein quäkendes Kind und ich, wir sind in Kirche, Bus und Bahn schon oft befremdlich beguckt und behandelt worden. Das passiert und ist nicht schön.  Ganz oft begegne ich aber freundlichen, helfenden, netten und zugewandten Menschen.

Wer ein lachendes Kind sieht, der lacht auch. Zumindest lächelt er zurück.

 

Work-Life-Balance ?

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Dieser Blog existiert, weil ich meine Gedanken, die ich als Mutter, aber auch als Studentin, als (Ehe)Frau und als Mensch habe, niederschreiben möchte. Man könnte das auch als Vereinbarkeit von Studium und Familie bezeichnen oder auch als Work-Life-Balance. Das möchte ich aber lieber nicht, denn sobald ich von einer Balance zwischen meinem Leben und meiner Arbeit spreche, muss ich innerlich laut aufschreien, denn diese Geisteshaltung entspricht nicht meiner. Möchte ich wirklich trennen zwischen Arbeit und Leben? Gehört die Arbeit nicht im besten Fall zum Leben dazu und bereichert mich? Und was ist das überhaupt „Arbeit“ ? In meinem Fall könnte ich mein Studium als die „Arbeit“ zählen und „Leben“ wäre dann wohl der ganze Rest? Familie, Ehe, Freizeit, Hobby, Freunde, Haushalt, Kinder, Termine? Um ehrlich zu sein, fühlt sich der Rest oft mehr nach Arbeit an als das Studium. Eine Trennung ist nicht möglich und auch nicht gewollt. Mein Leben umfasst beides. Anstatt zu separieren und auf die Waagschale zu legen und auszubalancieren, möchte ich es einfach tun.             Leben. Arbeiten.  

Das Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, Pläne zu schmieden.

Diesen Spruch habe ich vor einiger Zeit irgendwo gelesen. Während ich also dabei bin, mir zu überlegen, was ich alles nach getaner Arbeit zur Erholung tun kann. Nach einem langen, vollgestopften Tag an einem kurzen Abend. Nach einer langen, vollgestopften Woche an einem freien Wochenendtag. Nach einem langen, vollgestopften Semester in ein paar freien Tagen ohne Prüfungen. Während dieser Zeit findet der größte Teil meines Lebens statt. Weshalb sollte ich den größten Teil meiner Zeit also nur warten. Warten auf einen kurzen Augenblick. Nein. Das ist der falsche Ansatz. Die Kunst ist es doch, das, was wir tun, mit der Freude zu tun, als wäre es schon Samstagabend in den Semesterferien.

Das sagt sich leicht. Manchmal ist es fast unmöglich. Wäscheberge und fiebernde Kinder sind nicht das, was ich mir vorstelle, wenn ich an einen Samstagabend denke. Ich mache eigentlich ständig nur halbe Sachen. Im Studium bin ich nur mäßig vorbereitet, möchte eigentlich noch viel mehr lesen, doch bin ich ja auch noch Mama. Aber nur Nachmittag/Abend- und Wochenendmutter, ansonsten habe ich die Kinder bei Tagesmutter und OGS wegorganisiert. Ich bin trotzdem sehr zufrieden. Eine Balance gibt es bei mir nicht. Während meines Works läuft auch mein Life ab. Und umgekehrt. Manchmal läuft auch gar nichts außer die Kinderschnupfennase.  Ist das nun Work oder Life?

Wartezeit

Zeit ist etwas merkwürdiges. Gefühlt habe ich viel zu wenig davon und trotzdem verbringe ich sie doch so oft mit warten. Warten, dass die Gesichtsmaske einwirkt. Warten, dass der Bus kommt. Auf das trödelnde Kind warten oder darauf, dass der Tee gezogen ist. Warten kann furchtbar sein. Warten kann Raum geben, noch zu hoffen. Warten erfordert Geduld und lässt einen sich selbst kennen lernen. Warten heißt Zeit haben. Zeit, die man sich sonst nicht nehmen würde, die man gar nicht übrig hat. Und doch: Ich warte.  Auf Blutwerte aus dem Labor. Sie brauchen vier Wochen. Es ist gut, dass sie so lange brauchen. Zeit, um für sich zu klären, was man hoffen möchte. Um sich zu informieren, belesen. Um am Ende doch genau zu wissen: Wir haben es nicht in der Hand. Vier Wochen, in denen das Warten, aufgezwungene Zeit, mir zeigt: Was sein wird, liegt nicht in meiner Hand. Zeit, die eigene Haltung zu überdenken. Wünsche und Pläne zu hinterfragen.  Wartezeit, die ich dankbar annehme.  Nicht nur auf Laborwerte.

Das Leben bietet mir genug Gelegenheit zu warten. Vornehmlich in eigens dafür eingerichtete Örtlichkeiten. Im Wartezimmer des Augenarztes lerne ich eine Frau kennen. Vier Jahre älter und zwei Kinder mehr als ich bin und habe. Sie wartet und ich warte. Genau wie der Vater mit seinem Sohn im Flur der Augenklinik, den ich später im OP-Aufwachraum treffe.  Zusammen warten wir. Menschen. Begegnungen.  Wartezeit ist Zeit für Gespräche. Die ältere Dame, die mich anspricht, als ich in der Wartehalle der Deutschen Bahn sitze, wartend mein Ticket stornieren zu können, denn statt des geplanten Besuchs bei meinem Opa, verbringen das Baby und ich den Samstag in der Klinik. Postoperativ. Ich habe Nummer 92 gezogen. Wir sind bei 78. 14 Nummern Zeit. Für ihre Gedanken. Für meine.

Warten heißt auch schweigen. Schweigen ist schwer in einer Welt, in der jeder seine Gedanken kund tun will. Sind diese noch so unwichtig. „10 Prozent was man redet, muss man gar nicht sagen, weil das nicht wichtig ist“ merkt mein Sohn. „Nur 10 Prozent?“ überlege ich. „Naja, 30 Prozent.“ Er hat Recht, finde ich. Ich schweige. Ich möchte hören, nicht reden. Mein Sohn spricht ohne Punkt und Komma. Klug und Witzig. „Du redest wie ein Buch.“ sage ich. „Wie ein gut geschreibtes Buch.“ lacht er.

Entstördienst

Gestern stand ich in Köln am Barbarossaplatz an der Ampel und hing meinen Gedanken nach, als plötzlich mit lautem Tatü und Tata ein Auto rechts an mir vorbeiraste. Nicht nur an mir, auch an anderen Passanten. Das kennt man ja, die Polizei, der Krankenwagen oder die Feuerwehr.  Denkt man in diesem Fall jedenfalls. Auf dem weißen Auto war jedoch etwas anderes zu lesen, ein Wort, das mich zum Nachdenken anregte: Entstördienst. Was für ein Wort. Der Entstördienst also. Ich habe da einiges was stört, hilft der mir in solchen Fällen? Pickel auf der Stirn, kreischende Babys in der Bahn. Oder Taxibusfahrer, die morgens das Kind abholen und zur Schule fahren. Eigentlich. Uneigentlich wartet mein Sohn mit Tasche auf dem Buckel und Schuhen an den Füßen, still sitzend in der Küche und guckt auf die leere Einfahrt vor dem Haus, in der eigentlich das Taxi stehen müsste. „Warum kommen Sie nicht, sind Sie verspätet?“ Frage ich nach zehn Minuten Warterei. Ach, er hat meine SMS missverstanden, die ich gestern schrieb:

„Mein Sohn kommt heute nicht. Bis Morgen!“

,Der Taxifahrer hat „…und Morgen!“ gelesen. Ein Wort. Regt mich das zum Nachdenken an? Nein, denn jetzt kommt kein Taxi, auch kein Entstördienst, und ich schnappe mir Jeans und Jacke, stopfe das Baby in den Overall und renne zur Bushaltestelle. Wir kommen zu spät zur Schule, doch das macht nichts, sagt die Lehrerin. Danach eile ich zur Uniklinik, wo ich mit dem Anästhesisten sprechen will.

Ruhe kehrt ein. Zehn Minuten. Zwanzig Minuten. Hier hat man Zeit. Warten.Quäkendes Baby. Eine Banane. Quäkendes Baby. Zweite Banane. Warten. Ein Bilderbuch. Quak-quak macht die Ente. DA ist der BALL!! Quäkendes Baby. Warten. Die Lehrerin ruft mich an.Mein Sohn ist komplett ausgerastet. Er hat sie getreten und geboxt, jetzt hat er Klassenverbot. Wo ist der Entstördienst, wenn man ihn braucht? Dreißig Minuten. Warten.

Vom Pläneschmieden und Patschehänden

Woran liegt es bloß, dass meine Pläne, falls ich denn welche mache, merkwürdigerweise nur dazu taugen, über den Haufen geworfen zu werden? Wenn ich plane, ein bisschen zu studieren, wo doch das große Kind zur Schule und das kleine Kind zur Tagesmutter geht, dann dauert es keine drei Monate und das große Kind entscheidet sich, lieber mit Tellern nach Schülern zu werfen und sich absolut nicht mit der Schule anfreunde zu wollen, sodass es umgeschult werden muss. Darauf folgen zwei Monate, in denen mich die Uni nur ab und zu und mit mindestens einem Kind sieht, da die Umschulung sich als ziemlich aufwändig erweist. Eine langsame Eingewöhnung halte ich auch für sinnvoll, denke ich mir, und fahre stundenlang mit Bus und Bahn zwischen Schule, Uni und Tagesmutter hin und her, während der Berg an nachzulernenden Unikram immer höher wächst. Das kann ich ja alles in den Semesterferien nachholen, ich melde mich einfach zu den späteren Prüfungsterminen an, überlege ich,und lese nur das nötigste in den paar freien Minuten, die ich trotz Umschulungs-Aktion noch habe.

Endlich ist das Kind umgeschult und eingewöhnt und die Semesterferien da, eifrig mache ich mich daran, in acht Wochen mehrere Module des Semesters nachzuarbeiten, da entscheidet sich das Baby, krank zu werden und statt zur Tagesmutter, lieber in Augenkliniken und bei Kinderärzten vorbeizuschauen. Ach so ist das, denke ich mir, und versuche zu lernen mit schlafendem Baby vor dem Bauch in Wartezimmern sitzend, in Bahnen stehend oder auch zuhause, auf Rückrufe wartend von Ärzten und anderen Fachleuten. Das Telefon klingelt, das Baby wacht auf und schreit. Vorbei mit der Ruhe. Vorbei das entspannende, den Sorgenkopf befreiende, ablenkende und den Geist fütternde Lernen. Das Klinikpersonal erklärt mir, was gestern noch scheinbar in einer Woche abzuklären gewesen sei, dauert nun bis August. Eine Woche sind plötzlich ein halbes Jahr. Ich lege die Lernkarten weg und telefoniere mit Kinderärzten. Das Baby schreit. So ist das nämlich, wenn ich Pläne mache. Ich werfe sie über den Haufen und mache sie neu, nur um dann zu merken, dass auch das nicht klappt. Ich studiere trotzdem. Mit Kindern, mit kranken Kindern. Mit Regen, wenn ich Sandalen trage und mit Sonne, wenn ich den Wintermantel rausgelegt habe. Soll ich ihn in den Keller zurückbringen und meine Laune suchen? Oder liegt die oben, wo die Kinder mit den Sandalen und dem Regenschirm spielen? Ich glaube ja, da hatte ich sie das letzte Mal gesehen, bei den Kindern. Bei den Strahleaugen und den Grinsemündern, den Patschehänden, die mir den Haufen umwerfen, den Haufen an Plänen, den Haufen Unikram.

Minimalismus und Ansprüche

Beim ersten kommt es anders, beim zweiten als man denkt. Jedenfalls bei unseren Kindern.  Was genau ich mir vorher gedacht habe, weiß ich nicht, aber ganz bestimmt nicht, dass ich so viel Zeit in Kliniken, sozialpädiatrischen Zentren, bei Ärzten, Fachärzten und Klinikärzten und bei Therapeuten verbringe. Man wächst mit den Aufgaben im Leben. Habe ich mich vor vier Jahren bei meinem damals Zweieinhalbjährigen schrecklich aufgeregt, weil sein einer Backenzahn kariös war trotz strenger Zahnhygiene, so bin ich mittlerweile bei unserem Baby, das grauen Star hat und der Verdacht auf eine erblich bedingte Stoffwechselerkrankung besteht, erstaunlich entspannt. Woran mag das liegen? An drei Dingen: Ansprüche runterschrauben, das Beste hoffen und sich an allen schönen Dingen freuen. Minimalismus im Denken. Wer viel besitzt, der kann sich um all diese Dinge sorgen. Wer wenig hat, sorgt sich automatisch um weniger Dinge. Eine leere Wohnung im Kopf. Ein leeres Regal im Wohnzimmer. Den Kopf entrümpeln wie den Schrank mit den Plastikdosen in der Küche. Bestimmte Dinge kann man nicht ändern. Krankheiten zum Beispiel. Rumpelschränke schon. Der im Flur hat zwei Fächer voller Schals. Mein Sohn hilft und geht dagegen an mit gelebtem Minimalismus. Kein Schal, der mit zur Schule genommen wurde, kam je zurück.

Zum Frühstück koche ich Hirsebrei. Er köchelt. Er quellt. Zehn Minuten. Fünfzehn Minuten. „Du kannst noch spielen gehen, ich rufe dich dann.“ –  „Mama, ich hab aber Hunger!!“ Das Kind sitzt ungeduldig und hungrig am Tisch. „Das essen kocht aber nicht schneller, wenn Du hier sitzt.“ Bestimmte Dinge kann man nicht ändern. Ich finde meine Antwort selber doof. Das Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht. Nach dem Kochen ist die Hirse noch heiß. Ansprüche runterschrauben, man kann die Dinge nicht ändern. Oder doch, denkt sich das Kind und stellt die Hirse in das Eisfach.

Vor der Uni kaufe ich mir morgens im Supermarkt einen Apfel zum Frühstück. Minimalismus. Hinter mir kauft sich Jemand eine Flasche Korn. Auch Minimalismus. Kann man das ändern? Ich möchte mich nicht abfinden damit, dass manche Menschen morgens Korn trinken. Das macht mich traurig. Plötzlich verstehe ich, warum die Hirse in das Eisfach musste. Dinge ändern. Ansprüche haben. Jedenfalls da, wo es geht. Nicht bei genetischen Erbkrankheiten. Aber bei Hirse und Menschlichkeit.