„Mama, die Faultiere in Costa Rica gehen nur einmal die Woche auf´s Klo!“

…diesen Satz hörte ich gestern von meinem großen Sohn. Er gehört definitiv zu den Sätzen, von denen ich früher nie geglaubt hätte, so etwas jemals zu hören.

„Nimm lieber das Lakritz und lass die Bananen los!“  habe ich tatsächlich heute zu unserem Kleinkind gesagt. Trotzdem stopfe ich lieber Bananen in ihn rein als Lakritz. Wir standen nur grad an der Supermarktkasse und mir schien, die Verpackung der Süßigkeiten hält die kräftig beißenden Zähne des Kindchens besser aus als die Bananen.

Zwei Kinder mit Pflegestufe und eine Mutter mit Brille

Wir bekommen für unseren großen Sohn Pflegegeld von der Pflegekasse. Für unseren zweiten Sohn haben wir ebenfalls einen Antrag bei der Pflegekasse gestellt, der sehr wahrscheinlich bewilligt werden wird. Zwei Kinder, beide mit Pflegestufe. So habe ich mir das auch nicht vorgestellt. Früher, als meine Vorstellungen, wie das Leben mit Kindern wohl sein wird, utopisch und realitätsfern waren. Irgendwie hatte ich es ja geahnt, dass es anders kommen wird. Dass Kinder-Haben anders ist als man sich das vorstellt. Ja, es wird wohl anstrengend werden, anstrengender als ich es mir nun noch vorstelle..  Kinder sind anstrengend. So dachte ich.

Der Moment, wo Du den Pflegeantrag ausfüllst, wo Du den Brief der Krankenkasse aufreißt und siehst, dass der etwa 3000€ teure Reha-Stuhl genehmigt wurde, der fühlt sich ganz anders an. Ganz anders als gedacht. Nicht angestrengt.  Eher war ich erschrocken. So behindert ist er also. Dass er so einen Spezialstuhl bekommt. Ich hätte gedacht, dass er dafür zu normalentwickelt sei.   Ähnliche Gedanken hatte ich auch beim Lesen des Gutachtens des medizinischen Diensts, der zu uns nach Hause kam, um den Pflegebedarf festzustellen. Nicht altersgerecht entwickeltes Sozialverhalten.  Erschrocken war ich nicht. Zu lesen, was mir sowieso schon klar war, sollte mir eigentlich Bestätigung geben in meinem Gefühl. Dennoch kommt in mir beim Lesen des Gutachtens, der Arztbriefe und Diagnosen eher ein Gefühl von Das-ist-doch-gar-nicht-so-schlimm-wie-das-hier-steht hoch.  Sooo schlimm ist es nun auch nicht, oder doch? Mein Blick mag bestimmt sehr gefärbt sein durch die Alltags-Mama-Brille, da ich meine Kinder ja täglich erlebe und mir so manches Verhalten normaler vorkommt als es ist. Manchmal fällt mir das selber auf, wenn ich ein gleichaltriges Kinder oder sogar ein jüngeres Kind treffe und sehe, was bei diesem Kind gut klappt, welche Herausforderungen es meistert, die bei unseren Kindern noch nicht so gut oder einfach gar nicht klappen. Wie gut, dass es nicht meine Aufgabe ist, einzuschätzen, ob und wie arg mein Kind von der Norm abweicht. Eine Mutter darf die Brille auch mal aufhaben. Die Mama-Brille.

Ob die Pflegestufe und das Geld, das wir dadurch bekommen, die Hilfe, die uns zusteht, berechtigt ist, das stelle ich unbewusst immer wieder in Frage. Fast schon habe ich ein schlechtes Gewissen, einfach so Geld zu bekommen, nur weil meine Kinder behindert sind.   Die Dame von der Lebenshilfe fand beruhigende Worte für meine Bedenken.  „Sehen Sie das Geld als Ausgleich dafür, dass Sie wöchentlich den Badekampf mit Geschrei und Wutanfall mitmachen, dass Sie täglich aufs Neue erklären müssen, wo Zahnbürste und Handtuch hingehören.“ Ja, das stimmt. Unser Sohn hat eine taktile Wahrnehmungsstörung. Wasser, Hautcreme (er ist Neurodermitiker) und die Beschaffenheit von Handtüchern können ihn zur Weißglut bringen. Leider hat er auch noch Schwierigkeiten mit der Frusttoleranz, eine unglückliche Mischung in der Badesituation.

Zwei Förderkinder zu haben ist beinahe ein Vollzeitjob und für den Aufwand, den wir Eltern dadurch haben, werden wir finanziell entlastet. Dafür ist das Pflegegeld. Es vergeht keine Woche, in der ich keine Termine habe. Termine für Therapien, Arztbesuche, Therapeutengespräche, Kontrolltermine, Termine im Frühförderzentrum, Termine zur Hilfsmittelversorgung, Kliniktermine, wöchentliche Termine zur Gymnastik, Erstvorstellungen, Wiedervorstellungen, Facharzttermine und Termine im Kontaktlinsenlabor.  Zeit, in der ich in der Bibliothek lernen könnte oder Sport machen könnte.  Doch ich möchte diesen Umstand nicht bejammern oder als furchtbar schrecklich beschreiben, denn so ist es nicht. Fast überall treffen wir auf freundliche, helfende Menschen. Durch meine Kinder und durch ihre Behinderungen habe ich so viel gelernt.  Das liest sich nun kitschig, allerdings ist es wahr: Ich kann mich organisieren, dabei bin ich Chaot. Ich kann mich durchbeißen und für die Bedürfnisse meiner Kinder und für meine eigenen Bedürfnisse einstehen, wo ich doch eher so gestrickt bin, klein beizugeben. Ich kann Prioritäten setzen, dabei bin ich doch eigentlich schnell ablenkbar. Ich hinterfrage kritisch, wo ich doch oft recht naiv bin. Dass ich das kann, liegt an meinem Fast-Vollzeitjob als Mutter zweier Förderkinder. In der Schule oder in der Uni habe ich diese Kompetenzen nicht erworben, aber durch meine Kinder schon.

Haben junge Eltern einen „besonderen Hilfebedarf“ ?

Ich habe meinen großen Sohn sehr jung bekommen, ich war gerade mal 18 Jahre alt. Auch bei der Geburt unseres zweiten Kindes war ich erst 24 Jahre alt.  Ich bereue meine frühe Mutterschaft nicht im Geringsten und bin mir auch ziemlich sicher, sie mit dem richtigen Mann bekommen zu haben. Es ist gut und richtig so wie es ist.  Generell gehe ich, wenn ich mit anderen Eltern in Kontakt komme, ob diese nun alt oder jung sind, davon aus, dass es denen ähnlich geht und sie mit ihrer Kinder-Situation im Reinen sind.  Allerdings habe ich festgestellt, dass man mich häufiger mal fragt „ob ich denn von Irgendwem, einer Oma oder Schwester, Unterstützung bekomme“ oder „ob denn Jemand von meiner Familie in der Nähe ist, der mir mit dem Kind helfen und es mir auch mal abnehmen kann“. Diese Fragen haben trotz (oder wegen?) der Tatsache, dass ich nun sogar zwei Kinder habe, in letzer Zeit abgenommen und ich bin auch froh, dass ich nun weniger solche Fragen höre, auch wenn sie gut gemeint sind.  Die Intention, die mitschwingt in solch einer Frage ist für mich nämlich nicht ausschließlich positiv. Wenn mich Jemand fragt, ob ich Unterstützung oder Hilfe bekomme, bezogen auf meine Situation als (junge) Mutter, dann unterstellt der oder die Fragende gleichzeitig, dass er oder sie mich als hilfsbedürftig ansieht. Dass ich Entlastung brauche.  Diese Interpretation könnte man als sehr negativ auffassen und ich möchte nicht ausschließen, dass ich zumindest in der Vergangenheit gesteuert durch den Wunsch nach völliger Unabhängigkeit und Selbstständigkeit eine solche Frage auch tatsächlich recht negativ aufgefasst habe, doch eigentlich möchte ich dem Fragenden nichts Böses unterstellen.

Auch jetzt werde ich in unserer „besonderen Situation“ mit zwei „behinderten“ Kindern manches Mal gefragt, ob wir Eltern denn auch Auszeiten haben, ob wir genug Unterstützung und Beratung bekommen oder uns Überlastet fühlen. Diese Fragen sind lieb gemeint und ich fasse sie auch so auf. Es ist ja auch eine besondere Situation mit zwei Förderkindern. Wir haben tatsächlich Beratung und Unterstützung nötig und bekommen diese auch.   Die Situation an sich – als junge Mutter mit einem Kind oder zwei Kindern – empfand ich jedoch nie als „besonders“. Das ist normal. Ich habe diese Kinder bekommen und habe manchmal anstrengende Tage und ganz oft tolle Momente mit ihnen. Wie jede andere Mutter, sei sie 20, 30 oder 40 Jahre alt, auch. Warum fragte man mich mit 20 Jahren und nur einem Kind, das zwar schon damals Förderkind war, jedoch wirklich nicht problematisch und eine Grinsebacke mit viel guter Laune, ob ich „genug Hilfe“  bekomme? Welches Bild gebe ich als junge Mutter ab? Ich bin nicht mehr oder weniger hilfsbedürftig als andere (ältere) Mütter auch. Ich bin nicht stärker belastet, nur weil ich jung bin oder studiere (oder damals zur Schule ging). Andere Mütter sind älter und arbeiten zusätzlich. Meine Kinder habe ich bekommen, damit ich Zeit mit ihnen verbringen kann, sie ein Stück auf ihrem Lebensweg begleiten darf. Das ist manchmal auch belastend, aber das ist es für jede Mutter und jeden Vater, ob jung oder alt, studierend, arbeitend oder auch zu Hause bei den Kindern und dem Haushalt.

In den sieben Jahren, in denen ich nun schon Mutter bin, habe ich leider zu oft erlebt, dass meine Mitmenschen mir als junge Mutter nicht unvoreingenommen begegnen. Es gibt einige Vorurteile, die ich mit den Jahren kennen lernen durfte. Junge Mütter sind schneller überfordert, die Mutterschaft war ganz bestimmt unerwünscht und gutes Benehmen ist von denen auch nicht zu erwarten. Zudem haben junge Mütter offensichtlich nicht das gleiche Recht auf Privatsphäre wie die übrige Elternschaft, denn diese fragt man ja wohl eher nicht ungehemmt über Ursache und Grund der Schwangerschaft, familiären Hintergrund u.ä. aus.. Überspitzt gesagt sind junge Eltern eine „Risikogruppe“, die einen „besonderen Hilfebedarf“ haben, auch wenn sie nur ein Kind haben oder selbst wenn die jungen Eltern angehende Akademiker sind (und demnach zumindest eine gewisse Grundbildung und Arbeitsmoral besitzen), sogar wenn diese jungen Eltern zusammen leben. Oh Schreck, welche Haltung hat man als Durchschnittsmitmensch denn dann anzunehmen, wenn man einer jungen Mutter begegnet, die „nur“ eine Ausbildung gemacht hat und geschieden oder getrennt vom Partner lebt?  Genau so eine habe ich in meinem Bekanntenkreis. Eine ganz tolle Frau.

Vielleicht steigere ich mich auch in etwas hinein und letztendlich sind all die Fragen nur gut gemeint. Zumindest die nach der ausreichenden Unterstützung durch Angehörige. Ich lächel meist auch einfach nur freundlich und bleibe höflich.Den Fragen, ob die Kinder geplant und gewünscht waren, kann ich nichts positives abgewinnen. Das Bild, welches viele von jungen Eltern haben, ist voreingenommen und oft einfach falsch. Ja, wir jungen Eltern sind jung. Wir sind jung und das unterscheidet uns von den Durchschnittseltern, wenn es denn sowas  wie einen Durchschnitt gibt. Ansonsten sind wir einfach nur Eltern. Und meiner Meinung nach ist die Tatsache, dass man Eltern ist, kein Grund besonders hilfebedürftig zu sein.

Satz des Tages

„Kann der Elefant bitte die Sachen im Korb lassen, die der Aufräum-Ozelot da so schön reinsortiert hat?“ (sagte ich zu der Elefantenpersönlichkeit meines Sohnes, die mit dem Rüssel den Kram raussortierte, den er vorher mit seiner Ozelot-Identität sorgsam aufgeräumt hatte)

„Ich bin mit der Kürze meiner Haare sehr zufrieden!“ (sagte mein Sohn (Erstklässler!) in genau diesem Ton – er spricht wie ein Buch! –  nach seinem Friseurbesuch)

Beeinträchtigung in nonverbalen Verhaltensweisen

Was bedeutet das, eine Beeinträchtigung in einer nonverbalen Verhaltensweise vorzuweisen?

Wenn ich an M. denke, dann fällt mir seine Körperhaltung ein, die Mimik und Gestik. Ich denke, er fühlt sich unsicher auf dem Gebiet der nonverbalen Kommunikation. Er weiß nicht, sich dort angemessen auszudrücken und es fällt ihm schwer, nonverbale Kommunikation richtig zu interpretieren. Doch M. ist klug, er hat einen Weg gefunden. Er ist eine Katze. Als Katze kann er Bedürfnisse und Gefühle ausdrücken und dabei eine „Sprache“ benutzen, die ihm vertraut ist. Eine Katze schnurrt, sie faucht, schmiegt sich an, maunzt, läuft auf allen Vieren weg, sie zeigt ganz indirekt und ohne Küsse ihre Zuneigung, sie darf klein sein und sie darf hinter den Großen herlaufen. Katzen dürfen „sprachlos“ sein. Wenn wir eine Katze mögen, dann streicheln wir sie. Das ist die Art, unsere Zuneigung zu zeigen. Das ist berechenbar für die Katze, sie weiß, wie wir uns verhalten. M. mag Katzen seit er ein Kleinkind ist, keine zwei Jahre alt war er, als seine Liebe zu Katzen entflammte. Nun ist er sieben Jahre alt und er ist immer noch eine Katze. Er IST eine Katze, ja wirklich. Kein starker Tiger, sondern eine Katze.

Es fällt ihm schwer, in Kontakt zu treten mit anderen Kindern. Kinder sind nicht gut abzuschätzen, sie können spontane, unüberlegte Bewegungen machen. Wie reagiert M. im Spiel mit anderen Kindern? Wie tritt er in Kontakt? Ich glaube, er hat ein Bedürfnis nach Kontakt. Auch ein Mensch mit Autismus sehnt sich nach Kommunikation und Interaktion. Nur ist es eine andere Sprache, eine andere Ebene, auf der er seine Kontakte aufbaut. Im Kindergarten haben die Erzieherinnen oder die Therapeuten versucht, Spielsituationen anzuleiten und ihn in Kontakt mit anderen Kindern zu bringen. In Erinnerung ist mir dabei geblieben, dass er im Spiel mit der „Pfote“ ein anderes Kind anstupste. Die Katze wollte Kontakt aufnehmen. Das andere Kind, vielleicht war es drei oder vier Jahre alt, hat diese Art der Kontaktaufnahme nicht richtig verstanden. Was hätte M. tun können, damit das andere Kind ihn versteht? „Komm, lass uns spielen?“, so oder ähnlich hätte er den Jungen fragen können. Ich habe M. noch nie einen solchen Satz sprechen hören. Er ist eine Katze und Katzen stupsen eben an.

Katzen sind geheimnisvoll. Eine Katze hat ihren eigenen Kopf. Katzen stehen ungern im Mittelpunkt, sie sind weder „Rampensäue“ noch ist es ihnen wichtig, dass jeder ihre Anwesenheit bemerkt. Katzen sind unauffällig. Sie streunen und schleichen in den hintersten Ecken, samtpfötig und leise. Katzen teilen nicht gern, weder Futter noch Lieblingsplatz oder Revier. Katzenbesitzer wissen, dass Katzen Routinetiere sind und unflexibel. Katzen haben Vorlieben, eine Lieblingssorte beim Futter, ihren „Lieblingsmensch“, bei dem sie besonders gerne liegen. Manchmal sind es auch ganz eigenartige Vorlieben. Ich hatte in meiner Kindheit eine Katze, die verrückt wurde vor Aufregung, wenn ein Auto mit orange-blinkendem Licht (von der Müllabfuhr zum Beispiel) die Straße entlangfuhr. Sie rannte zum Fenster und schlug wild mit dem Schwanz nach allen Seiten aus, es war wirklich belustigend! Man könnte sagen, diese Katze hatte ein „Spezialinteresse“.

Katzen sind sensible Tiere, sie wollen zärtlich gestreichelt werden. Es scheint, als sei die Haut durch die vielen Haare noch empfindlicher als Menschenhaut. Die Tasthaare im Gesicht spüren jeden feinsten Widerstand. Das Gefühl von Wasser auf ihrem Körper mag eine Katze nicht. Sie hat ihr eigenes Reinigungsritual, sie geht nach einem eigenen Schema vor, wenn sie ihr Fell leckt.

Genauso ist M.. M. ist geheimnisvoll. Nach den Weihnachtsferien plappern alle Kinder durcheinander, alle wollen erzählen, was sie geschenkt bekommen haben, was aufregendes passiert ist in den Ferien, ob sie verreist waren oder endlich das Spielzeug bekommen haben, was sie sich so sehr gewünscht haben. M. wurde in solchen Situationen ebenfalls gefragt, ob er nicht erzählen will, was er geschenkt bekommen hat. Er möchte nicht. Vielleicht, weil er nicht versteht, was er davon hat, anderen davon zu berichten. Es reicht ihm, es selber zu wissen. Ich kann mir auch vorstellen, dass er unsicher in der Sprache ist (er ist sprachlich ja etwas zurück in seiner Entwicklung) und nicht verstanden wird. Vielleicht hat er auch Angst, dass die Dinge, von denen er erzählt, von den anderen Kindern „schlechtgeredet“ werden oder ein Kind lachen könnte. Es gibt viele Gründe, besser nicht von den Ferien zu erzählen. Nicht nur von den Ferien. Das musste ich als Mutter auch erst lernen. Manchmal frage ich ihn, ob er mir sagt, was in der Schule alles so passiert ist, was es zu Mittag gab, ob er in der Pause mit einem anderen Kind gespielt hat. „Weiß ich nicht, Mama, will ich nicht drüber reden.“ ist seine Standartantwort. Aber erzählen möchte er mir dann, von der „Hubschrauberkatze“. Das ist eins von seinen Spezialinteressen.

M. ist lieber unauffällig. Einmal schenkte ihm seine Oma einen selbstgestrickten Pullover, der wirklich hübsch aussah. Das fanden auch die Erzieherinnen und sprachen ihn an, was er doch für einen schönen Pulli trägt. Das war zu viel für ihn, zu auffällig war der Pullover. Seitdem mag er ihn nicht mehr anziehen oder nur zuhause. Für manch einen wäre es ein tolles Kompliment, ich denke, als kleines Mädchen hätte ich vielleicht stolz erzählt, dass meine Oma den Pullover gestrickt hat, vielleicht hätte ich mich plötzlich furchtbar schön in ihm gefühlt. Manchmal fällt es mir schwer, M.s Gedankengänge nachzuvollziehen, aber dabei hilft mir mein Mann.

Veränderungen ertragen Katzen nur schwer. Ein Umzug in eine neue Wohnung ist für so manche Katze ein Grund, demonstrativ in den Flur zu pinkeln. Eine unserer Katzen hat das mal gemacht, glücklicherweise konnten wir ihr das schnell abgewöhnen. So sind Katzen, sie mögen die Regelmäßigkeit und Verlässlichkeit. Keine Katze könnte man so einfach zum Strandurlaub mitnehmen. Einen Hund selbstverständlich schon, eine Katze jedoch nicht.

Wenn M. nun seine Schuhe seit über einem Jahr trägt und sie gemütlich sind, dann gibt es für ihn keinen Grund das zu ändern. Eine Veränderung bedeutet erst einmal nichts Gutes.

ABER: Katzen sind treue Begleiter fürs Leben. Katzen sind ruhig und ich kann mir ein Leben ohne Katzen nicht mehr vorstellen. Ein Raum, in dem eine Katze liegt, still auf dem Fensterbrett, kaum bemerkbar, das ist ein gemütlicher Raum, erfüllt von einer einmaligen Atmosphäre. Einmalig und durch nichts zu ersetzten. Wie mein einmaliger Sohn!

Sätze, die ich früher niemals gesagt hätte…

Wer Kinder hat, der sagt Sätze, von denen man früher nie geglaubt hätte, so etwas merkwürdiges je sagen zu wollen.  „Geh nun endlich aus dem Blumentopf!“ zum Beispiel.

Auch hätte ich früher nie gedacht, was ich alles zu hören bekomme, seitdem ich Kinder habe. „Ich weiß, wie man aus einer Unterhose Strom erzeugen kann, Mama!“ zum Beispiel. Beim Frühstück.

 

Die Linse in der Erbsenwanne

Unser Wohnzimmer ist viel sauberer seit das Baby eine Kontaktlinse hat. Diese fällt nämlich im Schnitt ein Mal am Tag aus dem Auge und dann startet die große Suchaktion, inklusive Ausschütteln des Hochflor-Teppichs, denn der schluckt diese kleine Linse ganz gern. Wir schütteln also mehrmals die Woche unseren Teppich im Wohnzimmer aus, in der Hoffnung, dass neben Brotkrümeln, Katzenhaaren, Bügelperlen und Ohrring-Stöpsel-Dingern (wie nennt man denn diese Nüppelchen, die hinten auf die Stecker draufgesteckt werden?) auch die Linse wieder auftaucht. Niemals hätte ich vermutet, dass mit der Geburt des zweiten Kindes, die Wohnung sauberer wird. Auch haben wir gelernt, die genauen Aufenthaltsorte des Babys in der Wohnung rekonstruieren zu können. Wenn die Linse beim Spiel im Wohnzimmer noch im Auge war und nach dem Abendessen nicht mehr im Auge ist, wo kann sie sein? Solche Fragen beschäftigen uns fast täglich und daher kann ich ohne großes Nachdenken der Reihe nach aufzählen, wo das Baby unterdessen gewesen ist. Eher hätte ich vermutet unter schlimmer Stilldemenz zu leiden als Babykrabbelrouten-Denksport zu betreiben. Zwei Mal haben wir die Linse, nachdem wir die ganze Wohnung abgesucht hatten und sogar schon Finderlohn versprochen hatten, wenn der große Sohn sie finden sollte, in dem oberen Bindehautsack des Söhnchens gefunden. Sie war hochgerutscht. Bevor ich meinen kleinen Sohn mit seiner Kontaktlinse hatte, wusste ich nicht mal, dass es auch einen oberen Bindehautsack gibt. Mittlerweile weiß ich sogar, wie man aus diesem Sack eine Kontaktlinse wieder „rausmassiert“. Diese Linse hält uns auf Trab, ständig guckt einer von uns dem Kind ins Auge, ob sie noch drin ist und ob sie noch auf der richtigen Stelle sitzt, ob sie wieder zurecht geschoben werden muss oder ob wir unsere Suchaktion starten müssen.

Neulich war ich schon kurz davor, im Kontaktlinsenlabor anzurufen und eine neue zu bestellen, da kullerte dieses unscheinbare, helbblau-transparente Plastikscheibchen, kleiner als eine 1-Cent-Münze, doch tatsächlich aus dem Hosenbein des Kindes. In der Straßenbahn. Zuvor hatte ich bereits meine Kleidung und die meines Sohnes abgesucht, ich hatte bei der Physiotherapeutin angerufen mit der Vermutung, sie sei bei der Therapie in die mit Erbsen gefüllte Wanne gefallen (der moderne Suchende sucht demnach nicht mehr nach der Nadel im Heuhaufen sondern nach der Linse in der Erbsenwanne!) und ich hatte – unter den Blicken der Fahrgäste in der Straßenbahn – im oberen Bindehautsack des Babys gesucht. Leider ist es unmöglich, dort etwas zu suchen ohne dass er weint und schreit, denn das Rumgefummel am Auge ist einfach unangenehm. Unangenehm ist es auch für mich, die entsetzten Blicke der Menschen um mich herum auszuhalten. Ich kann sie verstehen, wahrscheinlich guckte ich genauso erschrocken, würde ich den Grund dafür nicht kennen. Also habe ich es mir angewöhnt, während solcher Aktionen laut und deutlich mit meinem Sohn zu sprechen, damit auch möglichst viele Leute mitbekommen, dass ich meinem Kind nicht einfach nur weh tun möchte oder spinne, sondern ein „Hilfsmittel“ suche: „Jaaaa, du aaarmer Kerl, das IST aber auch DOOF, dass deine KONTAKTLINSE schon wieder weg ist!! Ich muss jetzt mal in deinem Auge nachgucken, du BRAUCHST sie doch, sonst SIEHST DU NICHTS!!“…

Ob meine Ansprache meinem Sohn hilft, das bezweifel ich, doch immerhin beruhige ich damit mich selbst und die Menschen, die mich auf Spielplätzen, in Bussen und Bahnen angucken, wenn ich mal wieder auf Linsensuche gehe.  Fast freue ich mich, wenn ich wie gestern mit meinem großen Sohn durch die Schule streife und unter Bänken und Tischen gucke. Wir suchen nämlich grad seine Brille. Die hat er verloren. Brillesuchen ist normal und tut nicht weh, keiner guckt einen komisch an. Nur schade, dass der große Sohn seine Routen noch nicht nachkonstruieren kann, deswegen ist sie auch noch nicht wieder aufgetaucht.